Wegen des Coronavirus mussten Chorproben in das Internet verlagert werden
Und es hat „Zoom“ gemacht

Bielefeld (WB). Zu den Gruppen, die neben dem Sport wohl am meisten von den Einschränkungen durch das Coronavirus betroffen sind, gehören die Laienchöre. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland davon etwa 61.000 mit mehr als 3,3 Millionen Sängerinnen und Sängern. Normalerweise treffen sie sich einmal in der Woche zur Chorprobe. Doch was ist schon normal in dieser Zeit?

Mittwoch, 27.05.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 27.05.2020, 15:50 Uhr
Chorproben finden in Zeiten der Corona-Pandemie auch außerhalb von Ostwestfalen-Lippe jetzt teilweise im Internet statt. Das Foto zeigt den Mainzer Domkapellmeister Karsten Storck mit Mitgliedern seines Chores beim Singen. Foto: dpa
Chorproben finden in Zeiten der Corona-Pandemie auch außerhalb von Ostwestfalen-Lippe jetzt teilweise im Internet statt. Das Foto zeigt den Mainzer Domkapellmeister Karsten Storck mit Mitgliedern seines Chores beim Singen. Foto: dpa

Grundsätzlich dürfen Chöre in Nordrhein-Westfalen sogar wieder zusammenkommen. Allerdings muss jedes Mitglied einen Abstand von je drei Metern zu seinem rechten und linken Nachbarn und darüber hinaus sechs Meter zu der Frau oder dem Mann vor und hinter ihm einhalten. „Das ist absurd, das geht gar nicht“, sagt Ingeborg Weber, Vorsitzende des Sängerkreises Ravensberg, in dem sich zurzeit 30 Chöre aus OWL zusammengefunden haben. Abgesehen davon, dass kaum ein Proberaum die erforderliche Größe hat: „Beim Chorsingen kommt es darauf an, die anderen zu hören, zu reagieren und sich in die Gemeinschaft einzufügen.“

Weber, die selbst im Bielefelder Leineweberchor mitsingt, übt nun alleine zu Hause mit

Ingeborg Weber

Ingeborg Weber Foto: Uta Jostwerner

Hilfe von Dateien, die Dirigent Markus Landwehr den Mitgliedern zur Verfügung stellt. Solche Dateien nutzen beispielsweise auch die Mitglieder des Jungen Gospelchors, ebenfalls in Bielefeld. Deren Chorleiterin Kamilla Matu­szewska begann schon im März zusätzlich mit der Suche nach einer digitalen Alternative: „Als die Schulen in Deutschland geschlossen wurden, wusste ich, die Krise ist ernst und dauert länger.“

Erste digitale Chorproben mit „Zoom“ in Dänemark

Bei einer Facebook-Gruppe, in der sich viele Chorleiter miteinander austauschen, stieß die Dirigentin auf ein dänisches Ensemble, das bereits Erfahrungen mit „Zoom“

Kamilla Matu­szewska

Kamilla Matu­szewska

gemacht hatte. Das Tool, das eigentlich für Videokonferenzen gedacht ist, überträgt auch Töne ganz ordentlich. Der Nachteil: Es ist nicht polyfon nutzbar. Das heißt: Einer oder eine singt, die anderen hören zu. „Es gibt eine Alternative“, sagt Matuszewska und verweist auf „Jam kazam“. Doch da seien die technischen Voraussetzungen so, das es nur von kleinen Gruppen und Bands genutzt werden könnte.

So schalten nun 20 bis 30 der mehr als 40 Mitglieder des Gospelchors jeden Mittwochabend den Computer ein statt in den Probenraum der Bielefelder Nicolaikirche zu gehen. Wenn „Zoom“ geladen ist, sehen sie in kleinen Fenstern auf dem Bildschirm die anderen Sängerinnen und Sänger.

„Jetzt weiß ich, wie es bei dir zur Hause aussieht”

Sobald sich die Dirigentin aufschaltet, wird es ernst. Beim Einsingen und den Lockerungsübungen erscheint sie groß auf dem Display. Sie macht vor, was alle nachmachen. Jeder für sich, der eine im häuslichen Arbeitsraum, der andere im Wohnzimmer oder auch in der Küche. Kleiner Nebeneffekt: Man lernt sich privat noch etwas besser kennen. „Jetzt weiß ich sogar, wie es bei dir zu Hause aussieht.“ Ab und an schiebt sich auch mal ein Kind ins Bild, das Hunger hat, sich ins Bett verabschieden will oder einfach nur neugierig ist.

Nach dem Einsingen folgen die Proben – stimmweise. Mal ist der Bass, mal der Sopran, Alt oder Tenor zuerst an der Reihe. Dann haben die anderen Pause; sie kommen später dran. Alles ist genau getaktet. Nur die Reihenfolge wechselt – aus Gründen der Gerechtigkeit, damit nicht immer die Gleichen warten müssen.

Chorleiterin singt vor, und alle singen für sich nach

Während dieses Teils der Probe sehen die Chormitglieder statt der Dirigentin Noten auf dem Bildschirm. Hören können sie nur die Stimme von Matuszewska, ihrer Chorleiterin. Für sie ist eine solche Art der Probe noch anstrengender als zu normalen Zeiten: Zwei Stunden lang spielt und singt sie allein vor, hört nicht, wie das bei den Mitgliedern ankommt. Diese können zwar ein kurzes Feedback geben – sei es schriftlich im Chat oder mündlich, in dem sie sich auf „Zoom“ live schalten. Aber immer nur einer oder eine. Die große Frage bleibt, ob das, was individuell einstudiert wird, auch zusammen noch klingt. „Um das herauszufinden, müssen wir wohl mindestens noch einige Monate warten“, sagt die Dirigentin.

Und die Chormitglieder? Einer berichtet, dass sein Nachbar schon Interesse angemeldet habe, auch in einen Chor einzutreten. Eine Sopransängerin hat weniger Glück: „Mein Nachbar klopft dauernd an die Wand, ich solle doch leiser sein.“

„Älteren fehlt manchmal das Know-how“

Nicht jeder Chor ist freilich soweit, dass er digital proben kann. Bei Matuszewska, die neben einigen Gemeinschaftsprojekten mit anderen Dirigenten sechs Chöre allein leitet, sind es immerhin fünf. Bei dem sechsten in Gütersloh, in dem überwiegend ältere Sängerinnen und Sänger Mitglied sind, fehlen bei zu vielen die technischen Voraussetzungen. Das bestätigt auch Ingeborg Weber: „Ältere haben zudem oft nicht das Know-how für eine digitale Chorprobe.“

Bei alledem darf man nicht vergessen: Chorproben sind, so schön und wichtig das Gemeinschaftserlebnis auch ist, nicht zweckfrei. Am Ende soll der Auftritt, das Konzert, stehen. Dafür aber ist die Hürde noch größer. Seit Beginn der Corona-Krise mussten alle Konzerte abgesagt werden. Umsonst die Proben. Umsonst die Vorbereitungsarbeit. Umsonst die Ausgaben, die etwa für Werbung schon getätigt waren. Für die Chöre sind die Konzerte wichtig als Motivation, aber auch als Einnahmequelle, aus der zum Beispiel die Dirigenten bezahlt werden.

Wird aus der Corona-Krise eine Chor-Krise? Niemand, auch Weber nicht, kann das ausschließen. „Aber die Bekämpfung des Virus hat auch für die Chöre Vorrang.“ Sie will sich gar nicht ausmalen, was geschähe, wenn sich eine reale Chorprobe oder ein Konzert in OWL zu einem Hotspot der Pandemie-Ausbreitung entwickelte: „Diese Verantwortung kann und will keiner übernehmen.“ Entsprechend hält sie sich mit einer Prognose zurück. Genauso Matuszewska. Vielleicht, so die Dirigentin, könne man, natürlich unter Beachtung der neuen Abstandsregeln für Chöre, künftig Proben mit Präsenz für einzelne Stimmen abhalten. Aber bis zum Sommer, mindestens, werde es wohl bei der digitalen Variante bleiben.

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