Kellnern oder Kunst
Spaniens Kultur-Szene in Corona-Zeiten

Spaniens Kulturszene reagiert mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Faszination auf den Corona-Schock. Von Kunst zu leben, war schon bisher eher etwas für Mutige mit einem Hang zur Passion. Spaniens Künstler können ein Lied davon singen.

Dienstag, 25.08.2020, 12:03 Uhr aktualisiert: 25.08.2020, 12:06 Uhr
Der Katalane Marco Baranzano schlägt sich so durch.
Der Katalane Marco Baranzano schlägt sich so durch. Foto: -

Madrid (dpa) - Marco Baranzano trommelt auf einen Bananenkarton, während seine kleine Musikschülerin Sophie ihrer Guitarre die ersten Töne entlockt. Der 31-Jährige liebt die Arbeit mit Kindern, aber seine Passion ist seit zehn Jahren die Folkmusik, von Lateinamerika bis zum Nahen Osten.

«Mit Musikunterricht und Live-Auftritten kam ich gerade so über die Runden, konnte Essen und die Miete bezahlen», erzählt der Spanier. Dann kam Corona, in Spanien besonders heftig. Strikte Ausgangsbeschränkungen von Mitte März bis weit in den Juni hinein, kaum noch öffentliches Leben, kein Musikunterricht mehr und schon gar keine Konzerte. «Ich musste mir Geld leihen, um mich über Wasser zu halten», sagt der Katalane. Ein kurzer Hoffnungsschimmer auf Besserung nach dem Ende des Corona-Notstandes im Juni wurde durch kurz darauf schon wieder steigende Infektionszahlen wieder zunichte gemacht. «Die Maßnahmen gegen Covid haben mir die Flügel gestutzt», sagt der junge Spanier.

Spaniens Kulturszene erholte sich gerade erst langsam von den Folgen der Finanzkrise ab 2008. 2014 lagen die staatlichen Aufwendungen für Kultur fast 30 Prozent unter denen vor der Krise. Fast ebenso schlimm war der Rückgang privater Ausgaben für Kultur. Im Jahr 2018 gab jeder der rund 47 Millionen Spanier durchschnittlich 274 Euro pro Jahr für den Besuch von Konzerten, Theatern, Ballet und Museen, fürs Kino, für Bücher oder Kultur im Internet aus. 2016 waren es durchschnittlich noch 306 Euro. Staatliche Hilfen erreichen indes viele Künstler nicht. Nur wer als Selbstständiger registriert ist, hat einen Anspruch. Die müssen jedoch rund 300 Euro im Monat an den Fiskus abführen, egal ob sie Einnahmen haben oder nicht. Viele Künstler können sich das schlicht nicht leisten. «Es ist absurd, du musst mehr abführen, als du einnimmst. Keiner meiner Versuche, staatliche Hilfe zu bekommen, hatte Erfolg», sagt Baranzano.

Freischaffende Künstlerinnen mit Kindern wie Claudia Vivero wurden zudem durch die strikten Ausgangsverbote und Schulschließungen in ihrer Arbeit stark behindert. «Während der Corona-Zeit war ich mit meiner zehnjährigen Tochter allein», erzählt die 53-Jährige, die in der Nähe von Barcelona lebt. «Ich musste mich ganz auf sie konzentrieren und hatte als Künstlerin kaum noch Zeit für meine Arbeit.» Sich wie früher für Stunden ungestört in das Atelier zurückzuziehen, zu malen und Mobiles zu entwerfen, sei wegen der größeren häuslichen Pflichten kaum noch möglich gewesen. Das beste an «diesen verrückten Zeiten» sei die Stille, das Zwitschern der Vögel wieder hören zu können und die sauberere Luft. «Mir ist dabei bewusst geworden, dass die Arbeit als Künstlerin einen retten kann, zwar nicht unbedingt wirtschaftlich, aber zumindest seelisch und intellektuell», sagt die Argentinierin, die auch lange in Berlin gelebt hat. «Und ich versuche jetzt jeden Tag die Freiheiten so gut wie möglich zu nutzen, weil ich Angst habe, dass es bald wieder Ausgangsbeschränkungen geben könnte», sagt Vivero.

Abgesicherter sind die Künstler, die im staatlich finanzierten Bereich arbeiten wie etwa die aus Belgien stammende Catherine Allard, die auf eine erfolgreiche Tanzkarriere beim Neederlands Dans Theater und der Compañía Nacional de Danza zurückblicken kann. 1996 gründete sie die Kompanie IT Dansa, die sie seither leitet. IT Dansa ist Teil des Postgraduiertenstudiums am Institut del Teatre in Barcelona. Jedes Jahr werden bis zu 18 Nachwuchstalente aus aller Welt ausgewählt, denen im Anschluss an ihre Tanzausbildung zwei Jahre lang berufliche Praxis vermittelt wird, um sie so für die Berufskarriere vorzubereiten. «Alle unsere Absolventen und Absolventinnen haben Engagements bekommen, fast alle in Deutschland. Dort wird Kultur viel wichtiger genommen, als in Spanien», sagt die Direktorin. Neben der Einstudierung von Choreographien bekommen die Teilnehmer durch viele Auslandstourneen auch reiche Bühnenpraxis. Bis Corona jedenfalls.

«Dieses Jahr konnten wir keine 200 Bewerber und Bewerberinnen aus alle Welt einladen», bedauert Allard im Gespräch mit dpa. Dafür hatten spanische Kandidaten bessere Chancen. Alles sei nun viel lokaler. Die Teilnahme am wichtigen Tanzfestival Steps in der Schweiz im April fiel ins Wasser. Auch eine Europa-Tournee mit Auftritten in Deutschland, Frankreich und Finnland musste wegen Corona abgesagt werden. «Das ist ein großer Verlust», klagt die 59-Jährige.

Seit März konnten die jungen Tänzer zudem nicht ein einziges Mal vor Publikum auftreten. «Aber die Nachwuchstänzer sagen, das sei gar nicht so schlimm, das Wichtigste sei die gemeinsame Arbeit in der Gruppe und die Hilfsbereitschaft untereinander, das Gefühl der Gemeinschaft», erzählt Allard.

Während des Lockdowns haben die jungen Talente im Alter von 18 bis 23 Jahren ihre Chorographien bei Videokonferenzen über das Internet entwickelt und eingeübt, jeder von seiner Wohnung aus. Anfang Juli durften Tänzer und Lehrer wieder in das Institut. «Die Sicherheitsauflagen sind streng und teilweise gar nicht umzusetzen», sagt Allard. So sollten Tänzer immer mindestens zwei Meter Abstand zueinander halten. «Ein Pas de Deux mit zwei Metern Abstand?» Allard schüttelt den Kopf. Einmal habe sie einen Tänzer zum Abschied in den Arm genommen. «Sofort kam eine Durchsage vom Wachdienst des Instituts, dass das streng verboten sei. Die hatten das über Videokameras gesehen», lacht Allard nicht wirklich fröhlich.

Um trotz Corona-Beschränkungen das Publikum zu erreichen, führten die jungen Tänzerinnen und Tänzer ihre Choreographien in einem leeren Theater auf. «Eigentlich wollten wir das live streamen, aber das ging aus organisatorischen Gründen nicht. Nun wird daraus ein Film entstehen, der vermutlich im Herbst fertig sein wird», hofft Allard. Die Finanzierung des Instituts durch den Staat sei bisher gesichert. Sie bekomme ein monatliches Festgehalt und die Nachwuchstalente bekämen Stipendien. «Hoffen wir, dass das so bleibt», sagt Allard.

So unterschiedlich die Lage von Freiberuflern wie Baranzano und Vivero sowie Künstlerinnen wie Allard auch ist, in einem stimmen sie überein. Die Digitalisierung mag ein Hilfsmittel in der Krise sein, aber kein Ersatz auf Dauer. «Wir können nicht darauf verzichten, auf der Bühne zu stehen», bekräftigt Allard den Willen, sich nicht für immer vom Publikum trennen zu lassen. Marco findet, Musik aus der Konserve oder im Internet gestreamt fehle es an Tiefe und an Wucht. «Sagen wir es so: Es gibt Live-Musik und es gibt tote Musik.» Inzwischen tingelt Marco mit der «Mastika» durch Italien, in diesen Tagen ist die Band in den Abruzzen. Selbst im leidgeprüften Italien sind die Auftrittsmöglichkeiten besser als in seiner spanischen Heimat.

© dpa-infocom, dpa:200825-99-299051/4

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