In Tom Waits Musical „The Black Rider“ wird aus spielerischem Spaß bitterer Ernst
Game over

Bielefeld (WB). Wer mit bösen Mächten kollaboriert, muss sich nicht wundern, wenn er am Ende scheitert. Diesbezüglich geht Toms Waits musikalische Bearbeitung des Freischütz-Stoffes bedeutend konsequenter zu Werke als Carl Maria von Webers romantische Oper. Auch die Bielefelder Erstaufführung des 1990 in Hamburg uraufgeführten Musicals „The Black Rider“ bleibt diesbezüglich gnadenlos. Was in spielerischer Spaß-Attitüde beginnt, endet in einer Tragödie. Für eine beachtliche Fallhöhe in der spartenübergreifenden Produktion sorgt das Inszenierungsteam rund um Regisseur Michael Heicks.

Montag, 14.09.2020, 01:52 Uhr aktualisiert: 14.09.2020, 02:00 Uhr
Christina Huckle (Mitte) glänzt im Musical „ The Black Rider“ als teuflisch-verführerischer Stelzfuß. Foto: Joseph Ruben
Christina Huckle (Mitte) glänzt im Musical „ The Black Rider“ als teuflisch-verführerischer Stelzfuß. Foto: Joseph Ruben

Wird hier dem Schreiber Wilhelm doch suggeriert, alles sei nur ein Spiel in einer absurd-komischen Unterhaltungsshow, in der er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen muss. Einmal auf den roten Startknopf gedrückt, nimmt das Schicksal rund um Wilhelm, der seine Eignung als zukünftiger Ehemann der Förstertochter Kätchen mit einem treffsicheren Probeschuss unter Beweis stellen muss, seinen Lauf.

Da entfaltet sich die Freischütz-Erzählung als eine Riesengaudi mit derben Sprüchen und Schenkelklopfern, mit kuriosen Waldgeschöpfen und herrlich überzeichneten Genretypen. Kostümbildnerin Anna Sörensen und der Videodesigner Sascha Vredenburg entführen in eine fantastische Kunstwelt, offerieren ein visuell überaus reizvolles Tableau voller Emotionen und Assoziationen. Bewegliche weiße Wände dienen als Projektionsflächen, die den Raum weiten oder begrenzen. Tanz und Gesang, Folk und Rock, Varieté und Situationskomik erzeugen eine rauschhafte Atmosphäre. Als der Teufel jedoch seinen Tribut fordert, heißt es für Wilhelm plötzlich “Game over“. Der Schaden ist irreversibel.

Im reibungslosen ineinandergreifen der Sparten und Bühnentechnik wird aus einer volkstümlichen Gruselgeschichte ein spannungsvoller, kurzweiliger, absurd-komischer Reigen mit tragischem Ausgang. Eine Schlüsselrolle fällt dabei Christina Huckle zu, die vom nonchalanten Conférencier über den verführerischen Stelzfuß bis hin zum unerbittlichen, zynischen Todesengel sowohl darstellerisch als auch gesanglich eine enorme Bandbreite an Ausdrucksfarben erkennen lässt. Jan Hille als Wilhelm vollzieht den Wandel vom unbedarften, leicht entflammbaren Jungsporn hin zum gebrochenen Individuum par excellence. Leona Grundig verleiht dem naiven, von unheilvollen Vorahnungen getriebenen Käthchen Gestalt und Tiefe – nicht zuletzt auch durch ihren stimmlichen Ambitus.

In den weiteren Rollen reüssieren Thomas Wolff als Förster Bertram, Nicole Lippold als Mutter Anna, Nikolaj Alexander Bruck als Jäger Robert, Stefan Imholz als Erbförster Kuno, Oliver Baierl als Herzog und Evgueniy Alexiev als dessen Bote sowie die Tänzer Norika Nishidate, Tommaso Balbo und Carla Bonsoms i Barra.

Unter der Leitung von William Ward Murta entfachen die neun Musiker der Lucifer’s Bullet Band einen mitreißenden Sound, der eine eigenwillige Mischung aus Varieté, Folk und Rock sowie satirischem Schlager darstellt und in seiner Bandbreite weit über die klassische Musicalwelt hinaus weist. Corona-bedingt spielt die Band in einem Nebengebäude und wird akustisch live hinzugeschaltet. Man darf die technische Präzision, mit der dies vonstatten geht, nur bewundern. Indes lässt sich der Klang kaum von einer Aufnahme aus der „Konserve“ unterscheiden.

Die nächsten Termine von „The Black Rider“ im Stadttheater sind am 20., 23., 30. September sowie am 9. und 27. Oktober. Karten gibt es unter Telefon 0521/515454.

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