Fr., 22.12.2017

2600 Westfalen erhalten Fondszahlungen Streit um Entschädigung ehemaliger Heimkinder

Nordrhein Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann.

Nordrhein Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Foto: dpa

Von Bernd Bexte

Detmold (WB). Mehr als 2600 ehemalige Heimkinder und Psychiatriepatienten in Westfalen-Lippe haben bislang Entschädigungen für erlittenes Leid in den Jahren 1949 bis 1975 erhalten.

Diese Zahlen hat der zuständige Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) auf Anfrage mitgeteilt. Hilfe erfolgt durch zwei Fonds. 2012 war der »Fonds Heimerziehung West« aufgelegt worden. Anträge konnten bis Ende 2014 gestellt werden. »2077 Menschen haben sich bei uns gemeldet, 1890 erhielten eine Entschädigung«, sagt LWL-Sprecher Markus Fischer. 78 Anträge laufen noch, weil etwa Therapien noch nicht beendet wurden. Ablehnungen habe es nur in wenigen Fällen gegeben, und das nur, weil die Antragsteller außerhalb des relevanten Zeitraums (1949-1975) in den Heimen gewesen seien oder in einer Einrichtung außerhalb der Zuständigkeit des LWL. Insgesamt zahlte der LWL 7,25 Millionen Euro an Rentenersatzzahlungen (Einmalzahlungen) und gut 17 Millionen Euro für Sachleistungen, zumeist Therapien.

Zudem gibt es seit Jahresbeginn die Stiftung »Anerkennung und Hilfe«, die Menschen entschädigt, die als Kinder oder Jugendliche in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder in der Psychiatrie Unrecht erfahren haben. Die Stiftung wird auch von den Kirchen finanziert. Von bislang 830 Anträgen in Westfalen sind laut LWL 84 abgelehnt worden – aus den gleichen Gründen wie beim »Fonds Heimerziehung West«. Antragstellung und Bearbeitung seien bei beiden Fonds reibungslos verlaufen. »Die Anforderungen sind nicht zu hoch«, sagt Fischer.

Anders ist dies bei Opferentschädigungsrenten. Friedhelm Münter (65) aus Dülmen, in den 60er Jahren Heimkind in Westuffeln bei Werl, war im Oktober der erste, der eine solche Rente vor dem Landessozialgericht in Essen erstreiten konnte.

800.000 Kinder und Jugendliche in Heimen untergebracht

»Offenbar sind die Hürden zu hoch, wenn angesichts tausender Betroffener lediglich eine Person erfolgreich klagen konnte«, schlussfolgert der lippische SPD-Landtagsabgeordnete Dennis Maelzer. Er hatte zum Thema bei NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) angefragt. »Trotz der unbestritten vielfach erfolgten Traumatisierung betroffener Menschen in den Heimen sind die Voraussetzungen nachweisbarer Erkrankungen infolge des Heimaufenthalts bei vielen ehemaligen Heimkindern nicht erfüllt«, antwortet Laumann dem lippischen Abgeordneten.

Das Recht sehe sogar eine Beweiserleichterung vor, »die es beim Fehlen von Nachweisen erlaubt, die schlüssigen Angaben des Betroffenen einer positiven Entscheidung zugrunde zu legen«. Einen gesetzlichen Änderungsbedarf sieht die Landesregierung nicht. »Es nützt den Opfern wenig, wenn sie einen ab­strakten Rechtsanspruch haben, der in der Realität kaum eingelöst werden kann«, kritisiert Maelzer. Fondszahlungen seien kein Ersatz für eine Opferrente.

Deutschlandweit waren von 1949 bis 1975 bis zu 800.000 Kinder und Jugendliche in Heimen untergebracht. Viele erlebten Übergriffe und Misshandlungen.

Kommentare

Ehemalige Heimkinder

Wenn Herr Laumann glaubt, keinen Handlungsbedarf zu sehen, dann irrt er sich gewaltig. Fragen Sie den Minister mal, wie viel Geld letztendlich an die Stiftung zurückfließen, sprich an Bund, Länder und Kirchen.
Es besteht seitens der Errichter kein Bedarf drn Heimfonds öffentlich zu machen. 1890 Ehemalige Heimkinder, das ist eine Farce und man kann sich ausrechnen wie viel zurückgeflossen sind.
Die Kriterien und das Procedere ist eine inhumane Sauerrei und ganz bewusst und gezielt als eine zu hohe Messlatte konzipiert.
Warum? Weil viele unter einer Lern-Leseschwäche leiden, alt und gebrechlich sind und mit Scham behaftet. PFUI

Entschädigung??

Entschädigung??

Dieses Wort bzw. dieser Begriff scheint mir im Kontext der Zahlungen für ehemalige Heimkinder unangemessen. Der Fonds mag für die Verantwortungskette also Kirche und Staat zufriedenstellend sein, haben sie sich doch der ehemaligen Heimkinder „angenommen“. Aber es ging darum so wenig wie möglich zu zahlen und lediglich zu zeigen, dass dieses Land sich um die Vergangenheit kümmert um den Anschein zu wahren. So hat man dann zunächst am Runden Tisch versucht diese Vergangenheit aufzuarbeiten und schon im Vorfeld äußerte Frau Volmer, dass es um die „kleine Wahrheit“ geht, so wurden gleich mal die Grenzen abgesteckt. Diese Wahrheit musste klein gehalten werden, weil man befürchtete, dass der Preis der Entschädigung sonst in die Höhe getrieben wird und so wurden dann auch die Behindertenheime und Psychiatrien ausgeklammert und obwohl bekannt war, dass ehemalige Heimkinder oft in Heimen mit Tabletten ruhig gestellt wurden war das auch kein Thema. Dann kam der Einheitsbrei heraus, bei Nachweis einen Betrag von 10000 Euro aber auch diesen gab es nicht in Form von Geld sondern in Form von Sachleistungen. Eine Erschwernis, weil die gewünschten Sachleistungen im Kontext des Traumata der Heimerziehung stehen musste, also eine Hürde die darauf abzielte es den Ehemaligen nicht leicht machen zu wollen. Ehemalige in den Erziehungsheimen haben für die Zwangsarbeit einen finanziellen Ausgleich bekommen, aber jene Ehemalige die in den Kinderheimen auch schon schwer arbeiten mussten gingen dabei leer aus, weil es keine Kinderarbeit zu geben hatte, war ja verboten und was nicht sein darf dann auch nicht ist. Da braucht man auch gar nicht so zu tun, als wenn diese Anlaufstellen den Ehemaligen eine Hilfe sind, die dann bundesweit entstanden sind. Sicherlich gab es dort auch Mitarbeiter die Ehemalige unterstützten, aber das war eher individuell zu sehen, es gab auch Mitarbeiter bei den Anlaufstellen die Anträge ablehnten und sich lediglich formalistisch mit der Thematik beschäftigten.
Wie dem auch sei, was ich besonders schlimm fand, dass ein finanzieller Ausgleich in Form dieser Sachleistung nicht wirklich dem Leid der durchgemachten Heimerziehung entsprach, was sicherlich auch nicht geht, aber alles wiederholt sich im Leben. So wie es im Heim keine Individualität gab so wurde dann auch mit der Aufarbeitung bzw. mit der Ausgleichszahlung umgegangen, Alle bekamen das Gleiche ungeachtet dessen, wie lange sie im Heim waren, oder welche Art des Heimes es war. Also Kinderheim oder Erziehungsheim, alles als Einheitsbrei gewertet. Dabei sollte auch einem Laien klar sein, dass es schon ein Unterschied gibt, ob man seine Kindheit in einem Heim verbracht hat und damit verbunden nicht einmal eine Kindheit hatte, Entwicklungen gehemmt waren und vieles mehr. Die Forderungen der ehemaligen Heimkinder doch zumindest eine Rente von monatlich 300 Euro zu zahlen wurde gleich vom Runden Tisch weggefegt und so waren die drei ehemaligen Heimkinder die mit am Runden Tisch waren wohl eher als Alibi zu sehen und nicht als ernst gemeinte Gesprächspartner. Dieses Land hat einmal mehr gezeigt wie es mit seiner Vergangenheit umgeht ,unter dem Motto „so viel wie nötig so wenig wie möglich“ und so kann man nicht mit der Vergangenheit umgehen, die sich letztlich nur darauf beschränkte den „Schaden“ so klein wie möglich zu halten. Auch das OEG ist wenig tauglich, denn auch dort haben es einige Ehemalige versucht und kaum einer ist damit durchgekommen. Dieses Land versteht nicht wie es mit seiner Vergangenheit umgehen sollte oder anders herum: sie tun so als ob, um nach außen den Eindruck zu erwecken sich der Vergangenheit anzunehmen, eine Verlogenheit die unerträglich ist.

2 Kommentare

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