Do., 29.11.2018

Generalvikar Dr. Jochen Reidegeld: »Ein System der Vertuschung« Bistum Münster deckte jahrelang verurteilten pädophilen Priester

Von Bernd Bexte

Münster (WB). Erst ein Betroffener brachte den Fall jetzt ans Licht: Das Bistum Münster hat einen wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Priester jahrelang gedeckt und im Dienst belassen. Dabei verging er sich erneut an Kindern.

Das Bistum Münster hatte am Dienstagabend in Rhede (Kreis Borken) eine der betroffenen Kirchengemeinden über die Taten des 2007 im Alter von 69 Jahren verstorbenen Priesters Heinz Pottbäcker ausführlich informiert.

Dr. Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar, bat die Opfer auch im Namen von Bischof Dr. Felix Genn um Verzeihung: »Ich tue dies in dem Bewusstsein, dass Vergebung fast unmöglich ist.« Die Taten seien nur möglich gewesen »durch ein System der Vertuschung und des Nichthinsehens«. Es sei damals eher darauf geachtet worden, das Wohl der Institution Kirche nicht zu beschädigen.

Betroffener wendet sich ans Bistum

Reinhard Lettmann.

Ein Betroffener aus Rhede hatte sich an das Bistum gewandt, mit ihm sei man bereits länger im Gespräch. Jetzt ging das Bistum an die Öffentlichkeit: Nachdem am Sonntag, 18. November, in allen Gottesdiensten der Gemeinde der Fall Pottbäcker erstmals bekannt gemacht wurde, fand nun eine Informationsveranstaltung im Pfarrheim statt.

Dort gab es Erschütterndes zu hören: Der 2013 gestorbene Bischof von Münster, Reinhard Lettmann, hatte als Generalvikar den vorbestraften pädophilen Priester 1971 nach Rhede versetzt. Das Landgericht Bochum hatte den 1964 zum Priester geweihten Kaplan 1968 wegen Unzuchts mit einem Kind in Waltrop zu neun Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. »Es gab Entscheidungen, vor denen man heute einfach fassungslos steht«, sagte Reidegeld. »Warum ist niemand auf die Idee gekommen, ihn zu suspendieren? Ihn aus dem Dienst zu nehmen?« Lettmann war von 1980 bis 2008 Bischof des Bistums Münster, das auch Teile des Kreises Gütersloh umfasst.

Hinweise auf »therapeutische Maßnahmen«

Über die Zeit Pottbäckers in Rhede lasse sich anhand der Personalakten nichts sagen, erläuterte Kirchenjurist Dr. Hermann Kahler, ehemaliges Mitglied der Missbrauchskommission des Bistums. Es fänden sich allerdings Hinweise auf »therapeutische Maßnahmen«, denen sich der Kaplan unterzogen habe. Aktuell hätten sich drei weitere Missbrauchsopfer aus Rhede gemeldet.

1973 kam Pottbäcker zur Aushilfe nach Marl. Von 1974 bis 1981 war er Religionslehrer an einer Berufsschule in Recklinghausen. Dort habe er mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun gehabt, erläuterte Kahler. 1981 sei Pottbäcker Pfarrer in Recklinghausen geworden. Im September 1982 habe sich der Geistliche dort an drei Jungen vergangen. Das Schöffengericht Bochum verurteilte Pottbäcker ein Jahr später zu einer Geldstrafe (12.500 Mark), nachdem er ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte.

Keine rechtlichen Konsequenzen

Danach sei Pottbäcker nicht mehr in der Pfarrseelsorge tätig gewesen. Er war zunächst Hausgeistlicher in einer Ordenseinrichtung in Münster, dann Krankenhausseelsorger in Rheinberg (Kreis Wesel) und schließlich Krankenhausseelsorger in Neuenkirchen (Oldenburg). »Jede Versetzung war mit der Auflage verbunden, keine Kinder und Jugendlichen zu empfangen. Jede Versetzung hatte ihren Grund darin, dass er sich an die Auflage nicht hielt«, sagte Kahler.

Rechtliche Konsequenzen hatte dies für Pottbäcker aber nicht. »Es gab keine Kontrolle, keine Disziplinarmaßnahmen angesichts der sich wiederholenden Verstöße, anscheinend keinen Mut zum Konflikt mit einem Mitbruder.« 1995 ging Pottbäcker in den Ruhestand, zuletzt lebte er in Münster.

Selbsthilfegruppe für Betroffene gegründet

Unabhängige Dritte sollen nun die Verantwortlichkeiten im Fall Pottbäcker aufarbeiten. »In den allermeisten Fällen lässt sich aus den Personalakten kein Rückschluss darauf ziehen, wer damals von den Hauptverantwortlichen was genau wusste und wer was entschieden hat.« Alle Akten der kirchlichen Archive müssten durchgesehen werden, sagte der stellvertretende Generalvikar. Sollten sich Hinweise auf ein Fehlverhalten noch im Amt befindlicher Personen ergeben, seien disziplinarrechtliche Maßnahmen möglich, sagte Bistumssprecher Dr. Stephan Kronenburg dem WESTFALEN-BLATT.

In Rhede hat sich eine jetzt Selbsthilfegruppe für Betroffene gegründet. Und Münsters Bischof Genn kündigte an: »Ich werde alles tun, was mir möglich ist, um sexuellen Missbrauch in unserer Kirche heute und in Zukunft zu verhindern. Daran will ich mich messen lassen.«

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