Do., 21.03.2019

Fragen und Antworten zum Missbrauchsfall Lügde-Skandal offenbart Behördenversagen beim Kinderschutz

Lügde: Auf dem Campingplatz Eichwald parkt vor der inzwischen eingezäunten Parzelle des mutmaßlichen Täters ein Polizeiauto.

Lügde: Auf dem Campingplatz Eichwald parkt vor der inzwischen eingezäunten Parzelle des mutmaßlichen Täters ein Polizeiauto. Foto: dpa

Hannover/Lügde (dpa). Scheibchenweise kommt ans Licht, wie im Fall des tausendfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde das Jugendamt Hameln Fehler an Fehler reihte.

Hamelns Landrat Tjark Bartels (SPD) räumte im Sozialausschuss des niedersächsischen Landtags ein, dass manche Opfer möglicherweise verschont geblieben wären, wenn die Akten besser geführt worden wären. So gingen 2016 innerhalb weniger Monate drei Hinweise ein, die darauf hindeuteten, dass der heutige Hauptverdächtige ein kleines Mädchen missbrauchen könnte.

Die Behörde übertrug ihm dennoch auf Wunsch der Mutter Anfang 2017 die Pflegschaft für das Kindergartenkind, das schon länger bei ihm lebte. Der Mann soll mit dem Mädchen auch andere Opfer angelockt haben - mindestens 35 sind es inzwischen.

Warum hat das Jugendamt nach den Hinweisen auf Pädophilie dem Mann das Mädchen nicht weggenommen?

Die dem Jugendamt seit 2011 bekannte Mutter hatte dem Mann schon im Frühjahr 2016 das Sorgerecht übertragen. Nach intensiver Prüfung habe man ihn Anfang 2017 als Pflegevater anerkannt, trotz seiner vermüllten Behausung, aber mit Begleitung durch die Familienhilfe. Unter anderem hätten der Kindergarten und später die Schule bestätigt, dass sich das Mädchen besser entwickele als zuvor, sagte Bartels. Die Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten seien zwar in die Akte aufgenommen, aber nicht in der Gesamtschau gewürdigt worden. Alle Mitarbeiter, die mit ihm zu tun hatten, hätten dem Dauercamper Pädophilie oder Kindesmissbrauch nicht zugetraut.

Wie geht es den Opfern heute?

Das frühere Pflegekind befindet sich laut dem Landkreis Hameln in einer Einrichtung mit Gleichaltrigen, wo das Mädchen begleitet und therapiert wird. Es wurde im November vom Jugendamt Lippe in Obhut genommen. Die Mutter habe immer noch das Sorgerecht. Nähere Angaben zur Mutter wurden im Sozialausschuss nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht. Am Dienstag hatte der Landkreis dargestellt, dass das Kind auf den Campingplatz umzog, als die Mutter im Juni 2016 ihre Wohnung räumen musste. Bartels sagte, die Frau sei nach seiner Kenntnis vom Jugendamt nicht über die Hinweise einer Jobcenter-Mitarbeiterin und eines Vaters auf möglichen Kindesmissbrauch des Pflegevaters informiert worden.

Auf Schmerzensgeld verklagen

Hat das Jugendamt seine im Grundgesetz verankerte Schutzfunktion missachtet?

Der Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben sieht dies so und will deshalb den Landkreis Hameln-Pyrmont auf Schadenersatz und Schmerzensgeld verklagen. Er vertritt eine Zehnjährige aus Bad Pyrmont, die ebenfalls in therapeutischer Behandlung ist. Seine Mandantin sei im Sommer 2018 von dem 56-Jährigen missbraucht worden, sagte der Jurist. Ihr hätte Leid erspart bleiben können, wenn die Behörden ordentlich gearbeitet hätten. Hier seien offensichtlich Amtspflichten verletzt worden. Auch die Polizei steht in der Kritik, weil sie nach einer Anzeige nicht selbst Ermittlungen aufgenommen hat.

 

Wie viele Beschuldigte gibt es insgesamt?

Der 56-Jährige Dauercamper, ein 33 Jahre alter Komplize aus Steinheim im Kreis Höxter sowie ein 48-Jähriger aus Stade sitzen in Untersuchungshaft. Der Stader soll Missbrauchstaten live im Internet verfolgt haben. Ermittelt wird zudem gegen einen 16-jährigen, der kinderpornografisches Material besessen haben soll, das auf dem Campingplatz entstanden ist. Weitere Ermittlungsverfahren laufen gegen zwei Beschuldigte wegen Beihilfe und gegen eine Person wegen Strafvereitelung. Zuletzt wurde bekannt, dass einem alleinerziehenden Vater Beihilfe vorgeworfen wird. Vier seiner Kinder wurden in Obhut genommen, drei von ihnen sollen Opfer geworden sein. Zudem gibt es eine weitere Inobhutnahme im Zusammenhang mit dem Fall.

Vermerk eingefügt

Haben Jugendamtsmitarbeiter in Hameln Akten manipuliert?

Eine Sachbearbeiterin schrieb im November 2017 sinngemäß in die Akte, dass der Mann immer wieder Vertrauensverhältnisse zu jungen Mädchen aufbaue und sich für sie unabdingbar mache. Die Frau löschte diese Passage kurz vor der Beschlagnahmung der Akten durch die Staatsanwaltschaft, der Landkreis suspendierte sie vom Dienst und bereitet nun ihre fristlose Kündigung vor. Ein anderer Mitarbeiter wurde freigestellt, weil er einen Vermerk nachträglich einfügte.

 

Welche Konsequenzen zieht der Landkreis Hameln?

Aus Sicht des Landrates hätte das Jugendamt nach den Hinweisen auf Pädophilie ein sogenanntes Paragraph-8a-Verfahren einleiten müssen. Hintergrund ist der Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung. Bei einer dringenden Gefahr können Kinder auch in Obhut genommen werden. Als letztes Mittel ist ein Entzug des Sorgerechts möglich. Der Landkreis Hameln will zwei externe Experten einstellen, die jeden Fall von Kindeswohlgefährdung prüfen sollen. Darüber hinaus sollen zwei zusätzliche Stellen für ein Präventionsprojekt eingerichtet werden.

»Völliges Versagen des Kinderschutzes«

Welchen Handlungsbedarf sieht das Land Niedersachsen?

Das Sozialministerium will Fortbildungsangebote etwa für Schulsozialarbeiter verstärken, um Hinweise auf sexuellen Missbrauch zu erkennen. Das Pflegekind des Hauptverdächtigen hatte in Einzelgesprächen nie etwas von Übergriffen erzählt, äußerte aber Sätze wie »Ich mag keine schwitzenden Männer«. Darüber hinaus soll die Kooperation von Polizei und Jugendämtern intensiviert werden. Die Personalausstattung sei auch ein Thema, allerdings sei das Jugendamt Hameln sogar überdurchschnittlich gut ausgestattet, sagte Staatssekretär Heiger Scholz im Ausschuss.

 

Welche Kritik kommt von den Abgeordneten?

»Wir haben es hier mit einem völligen Versagen des Kinderschutzes zu tun«, sagte die SPD-Abgeordnete Thela Wernstedt. »Es ist umso grotesker, weil hier mit ungeheurer Akribie vorgegangen worden ist«, sagte sie mit Blick auf die insgesamt 599 Seiten umfassenden Akten des Jugendamtes. Wernstedt zog genauso wie Sylvia Bruns (FDP) Parallelen zu den Patientenmorden von Delmenhorst und Oldenburg. In beiden Fällen gebe es ein Versagen beim Schutz der Schwächsten.

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