Do., 28.03.2019

Europaweites Verbot von Wegwerfgeschirr aus Kunststoffen mit großer Mehrheit beschlossen Kampf gegen den Plastikmüll

Von Teresa Dapp und Violetta Heise

Berlin/Straßburg (dpa). Einmal benutzen und dann in den Müll damit: Plastik-Wegwerfprodukte sind praktisch – aber vor allem schädlich für Klima und Meere. In der EU soll es künftig Plastikstrohhalme und ähnliches nicht mehr geben. Doch sind die Verbote mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein?

Die Temperaturen steigen, die Abende werden länger, auf Terrassen und in Parks wird schon »angegrillt«. Noch gehören Plastikbesteck, -teller und -strohhalme für viele zur Grillparty dazu. Am Abend wandert alles in den Müll, kein Stress mit Abspülen oder Scherben. Doch damit soll in absehbarer Zeit Schluss sein: Das EU-Parlament brachte gestern mit großer Mehrheit das Verbot von Einweg-Plastikprodukte auf den Weg, für die es geeigneten Ersatz gibt.

Es ist einer der letzten Schritte in einem Verfahren, für das sich die Politik schon ausgiebig gefeiert hat. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) etwa sieht in der Einigung einen »wichtigen Meilenstein zum Schutz unserer Meere und für einen bewussteren Umgang mit Plastik«. Nach dem Votum in Straßburg müssen formell noch die Mitgliedstaaten grünes Licht geben.

Verbot von Einweg-Plastikprodukten im Jahr 2021

2021 soll das Verbot greifen, dann verschwinden viele Produkte aus den Supermarktregalen. Die EU hofft, so den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2030 um insgesamt 3,4 Millionen Tonnen zu verringern. Bis dahin sollen auch Umweltschäden im Umfang von 22 Milliarden Euro vermieden werden.

Alternativen gibt es längst, ob aus Pappe, Holz, Glas oder Bambus. Die sind in der Herstellung nicht immer ökologisch besser als Plastikprodukte, vor allem wenn sie nicht mehrmals verwendet werden. Aber das EU-Verbot ist gemünzt auf das Plastik an den Stränden und in den Meeren. Dort ist es lebensgefährlich für Tiere und landet als Mikroplastik über die Nahrungskette auch auf den Tellern der Menschen. Experten warnen eindrücklich: 2050 könnte mehr Plastik in den Ozeanen schwimmen als Fische.

Größte Abfallanteil gelangt aus Flüssen ins Meer

Um das zu verhindern, reicht es nicht, in der EU auf kleine Rührstäbchen im Kaffee, auf Wattestäbchen und Luftballon-Halter aus Kunststoff zu verzichten. Bei der UN-Umweltkonferenz in Nairobi wollte unter anderem die Bundesregierung in Verhandlungen über eine UN-Konvention zum Schutz der Meere vor Vermüllung einsteigen – das hat nicht funktioniert. Enger zusammenarbeiten wollen die Staaten aber schon. Allen sei klar, dass etwas passieren müsse, hieß es in Nairobi – in vielen Ländern wird Müll kaum gesammelt, geschweige denn recycelt.

Plastikvermüllung ist ein globales Problem, der allergrößte Anteil des Abfalls gelangt Forschern zufolge aus zehn großen Flüssen ins Meer. Aber Industriestaaten wie Deutschland, so sagt es Umweltministerin Schulze, haben eine Vorbildfunktion und können zeigen, wie Wohlstand und Konsum nachhaltig funktionieren.

Und da hat Deutschland noch einiges nachzuholen: 2017 fielen dort knapp 6,15 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an. Nicht einmal die Hälfte davon wurde werkstofflich recycelt, also in irgendeiner Weise wiederverwertet, gut die Hälfte wurde zur Energiegewinnung verbrannt. Kampagnen für mehr Mehrweg-Flaschen gehen bisher ins Leere, im vergangenen Herbst meldete das Umweltbundesamt einen neuen Tiefstand von 44 Prozent an Mehrweg- und ökologisch vorteilhaften Einwegpackungen wie Getränkekartons und -beuteln.

Neue Verbote als Chance

Auch die deutschen Küsten sind nach Angaben der Behörde verschmutzt. »An der Nordsee finden wir 390 Müllteile pro hundert Meter, an der Ostsee 70 – und der Großteil davon ist aus Plastik«, sagt Umweltbundesamt-Präsidentin Maria Krautzberger.

Während manche in der Politik über die neuen EU-Regeln jubeln, zeigen sich andere entsetzt. Der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen sieht in den neuen Verboten eine Chance. »Wir dürfen unseren Planeten den nächsten Generationen nicht als Müllhalde hinterlassen«, sagt er. Die EU gehe mit gutem Beispiel voran und werde zum Trendsetter. Die Grünen-Abgeordnete Rebecca Harms fordert gleich schon die nächsten Schritte – wie eine Plastiksteuer und Regeln, mit denen die Plastikhersteller bei der Beseitigung von Kunststoffmüll in die Plicht genommen werden sollen.

Von »plumper und symbolträchtiger Verbotspolitik« spricht dagegen die FDP-Bundestagsabgeordnete Judith Skudelny. »Die Meere werden nicht dadurch sauberer, dass wir in Europa Plastikstrohhalme und Q-Tips verbieten.« Europa müsse vielmehr Techniken bereitstellen, die verhindern, dass in Schwellen- und Entwicklungsländern das Meer als Mülldeponie missbraucht werde.

Umweltschützer fordern weitere Maßnahmen

Für Deutschland hat Umweltministerin Schulze jüngst einen eigenen Fünf-Punkte-Plan präsentiert und sich mit Herstellern und Handel zusammengesetzt, damit diese – freiwillig – auf fragwürdige Verpackungen wie eine Plastikhülle um Gurken verzichten. Die Zahl der verbrauchten Plastiktüten geht stark zurück, seit der Handel dafür – freiwillig – Geld nimmt.

Das nach viel Gezerre verabschiedete Verpackungsgesetz, das seit Januar in Kraft ist, schraubt Recyclingquoten nach oben und soll dafür sorgen, dass Hersteller auf leichter wiederverwertbare Materialien setzen.

Umweltschützern geht all das nicht weit genug. Sie fordern etwa Mehrweg-Quoten für Getränke, Abgaben auf Einwegflaschen, Steuern auf Plastik, einen Preis auch für dünne Plastiktüten für Obst oder Gemüse, verbindliche Ziele zur Müllvermeidung und schärfere Regeln für den Müllexport, damit deutscher Plastikabfall nicht anderswo in der Landschaft landet.

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