Do., 04.04.2019

Netzwerk von Pflegebotschaftern will unter anderem für mehr Auszubildende werben OWL soll »Gute-Pflege-Region« werden

Das Gesundheitsnetzwerk ZIG schätzt die Zahl der Beschäftigten in Pflegesektor in Ostwestfalen-Lippe auf 90.000.

Das Gesundheitsnetzwerk ZIG schätzt die Zahl der Beschäftigten in Pflegesektor in Ostwestfalen-Lippe auf 90.000. Foto: dpa

Von Bernhard Hertlein

Bielefeld (WB). Der Pflegesektor beschäftigt in OWL etwa 90.000 Mitarbeiter – gut 42 Prozent mehr als Bertelsmann, Dr. Oetker, Benteler, Miele, Claas, Harting, Gauselmann und Schüco zusammen. Trotzdem, so Uwe Borchers, dringe die Pflege mit ihren Anliegen in der Region nicht durch.

Um das zu ändern, haben Borchers als Geschäftsführer des regionalen Zentrums für Innovation in der Gesundheitswirtschaft ZIG, Angelika Gemkow, ehemalige Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Enquete-Kommission »Zukunft der Pflege« in NRW sowie Petra Krause, Leiterin der Gesundheitsschulen am Evangelischen Klinikum Bethel, ein Netzwerk von »Pflegebotschaftern« in OWL ins Leben gerufen. Dabei sind unter anderem der aus der Region stammende Pflegebeauftragte der Bundesregierung, An­dreas Westerfellhaus, und NRW-Landtagspräsident André Kuper (vollständige Liste siehe unten).

Stress, Schichtdienst, Hektik lösen allgemeine Unzufriedenheit aus

Die Pflege , so Gemkow, stecke in einem Teufelskreis. Zum einen seien da die schwierigen Arbeitsbedingungen, der Stress, der Schichtdienst, die Hektik und daraus folgend eine allgemeine Unzufriedenheit. Dies schrecke wiederum Jugendliche ab, sich in der Pflege ausbilden zu lassen – Personal, das dringend gebraucht werde, um die Arbeitssituation künftig zu verbessern.

Die Initiatoren des Netzwerks (von links): Petra Krause, Uwe Borchers und Angelika Gemkow. Foto: Hertlein

Dabei verändere sich gerade jetzt vieles zum Positiven, erklärte Krause. Dazu gehörten das Pflegestärkungsgesetz mit den darin beschlossenen zusätzlichen Stellen, die neue Untergrenze für Pflegepersonal in den Intensivstationen der Krankenhäuser, der geplante Aufbau einer Pflegekammer in NRW, die Lohnerhöhungen der jüngsten Zeit und die Neugestaltung der Pflegeausbildung.

Tatsächlich ist Borchers zufolge die Zahl der Auszubildenden in der Gesundheits- und Krankenpflege von 1641 im Jahr 2014 auf 1847 zwei Jahre später gestiegen. Doch das reiche bei weitem nicht aus. Dem NRW-Gesundheitsbericht sei zu entnehmen, dass 40 Prozent der ambulanten Dienste Anfragen nach pflegerischer Betreuung wegen Personalmangels ablehnten müssten.

Von 90.000 Beschäftigten arbeiten 52 Prozent in Teilzeit

Auf der anderen Seite profitiere der Sektor vom technischen Fortschritt. Neue Hilfsgeräte könnten die körperliche Belastung der Pflegekräfte enorm verringern – wenn sie in der Branche bekannt seien und eingesetzt würden.

Nach Angaben der Pflegeversicherungsträger lebten 2015 in Ostwestfalen-Lippe 68.640 Menschen mit Pflegebedarf. Hinzu kommen kranke Erwachsene und Kinder, die in Kliniken gepflegt werden. Von den 90.000 Beschäftigten des Bereichs arbeiten 52 Prozent in Teilzeit. Zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft betrage die Quote zwischen 22 und 23 Prozent. 80 Prozent der Pflegefachkräfte sind Frauen.

Ziel des neuen Netzwerks soll es sein, OWL zu einer »Gute-Pflege-Region« zu machen. Die Botschafter verpflichten sich, für die Pflege zu werben und gleichzeitig für eine Verbesserung der Pflege einzutreten – in ihrem Umfeld, wenn möglich öffentlich und vor allem gegenüber jungen Leuten, die gerade überlegen, welchen Beruf sie ergreifen wollen. Eine regionale Pflegeausbildungsoffensive gebe es so bundesweit noch nicht, sagen die Inititoren.

Treffen am 29. April in Bielefeld geplant

Ein Beispiel, was Pflegebotschafter beitragen können, gab Krause zufolge Thomas Richter, der Leiter der Arbeitsagentur Bielefeld, am diesjährigen »Boys Day«. Einen Tag lang unterstützte er Pflegekräfte bei ihrer Arbeit. Seine Erfahrung soll in die Arbeit der Arbeitsagentur einfließen. Aus Sicht von Borchers ist die Ansprache von Jungen eine der großen Chancen: »Was bei den Mädchen im MINT-Bereich klappt, sollte auch hier funktionieren.«

Eine Verbesserung der Pflege liegt, wie die Initiatoren betonen, im Interesse der gesamten Wirtschaft. Wer wisse, dass seine Angehörigen gut gepflegt werden, könne sich umso besser auf seine Arbeit konzentrieren.

Zum Auftakt der eigentlichen Netzwerkarbeit planen die Initiatoren am 29. April ein großes Treffen in den von Bodelschwinghschen Stiftungen in Bielefeld. Dort soll ein Aufruf gestartet werden, damit sich, so Borchers, möglichst viele in OWL dem Netzwerk der Pflegebotschafter anschließen. Angesichts der Jahr für Jahr steigenden Zahl an Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf dränge die Zeit. Angesprochen werden sollen in den Schulen neben den Schülerinnen und Schülern besonders die Eltern; außerdem Politiker, Akteure in den Kommunen, Sozialverbänden und bei den Arbeitgebern in den Krankenhäusern, mobilen Pflegediensten sowie Alten- und Pflegeheimen.

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