Mi., 19.06.2019

Im Schützenverein wundert man sich, »dass so jemand einen umgebracht haben soll« Die zwei Leben des Stephan E.

Blick auf den Eingang zum Wohnhaus von Stephan E. Die Haustür wurde in der Nacht von Freitag auf Samstag vom SEK aufgebrochen.

Blick auf den Eingang zum Wohnhaus von Stephan E. Die Haustür wurde in der Nacht von Freitag auf Samstag vom SEK aufgebrochen. Foto: dpa

Von Göran Gehlen

Kassel (dpa). Seit Sonntag sitzt ein 45-Jähriger aus Kassel in Untersuchungshaft. Er soll den Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen haben. Wer sich im Umfeld des Verdächtigen umhört, merkt: Stephan E. hatte mindestens zwei Gesichter.

Es ist ein Einfamilienhaus im Kasseler Osten. Im Garten hängt frische Wäsche, um das Haus schleicht friedlich ein großer weißer Hund. Das Viertel ist gutbürgerlich. Dass hier etwas nicht stimmt, zeigt nur die rote Holzplatte, die die Haustür ersetzt. Denn am Samstag wurde die Tür aufgebrochen – und ein Spezialeinsatzkommando nahm Stephan E. fest. Der 45-Jährige soll vor mehr als zwei Wochen den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) erschossen haben. Er sitzt nun in Untersuchungshaft.

Familienvater und Mitglied im Schützenverein

Auf die Frage, wer Stephan E. ist, gibt es zwei Antworten. Da ist einmal der Mann, dem Verfassungsschützer eine Art rechtsex­tremistische Karriere zuschreiben. Laut Bundeskriminalamt hat er eine »lange Latte von Straftaten«. Laut Medienberichten soll er 2009 in Dortmund an einem Angriff von Rechtsextremen auf eine 1.-Mai-Kundgebung des DGB beteiligt gewesen sein und außerdem schon 1993 einen Anschlag auf ein Asylbewerberheim im hessischen Hohenstein-Steckenroth verübt haben.

Dann gibt es noch einen anderen Stephan E. Einen Familienvater, der unauffällig in einem kleinen Häuschen in Kassel lebte. Nachbarn beschreiben ihn als »zurückhaltend und freundlich«. Was der 45-Jährige beruflich oder in seiner Freizeit machte, ist weitgehend unbekannt.

Sicher ist, dass er Mitglied in einem Schützenverein im Kasseler Vorort Niestetal-Sandershausen war. Dort ist man fassungslos. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass so jemand einen umgebracht haben soll«, sagt Reiner Weidemann, 1. Vorsitzender des Schützenklubs 1952 Sandershausen. »Aber man kann keinem hinter den Kopf gucken«, ergänzt sein Stellvertreter Jürgen Schalles.

Keine Waffenbesitzerlaubnis für Schusswaffen

E. war Referent des Clubs für Bogenschießen. »Er war freundlich und ruhig«, erklärt Weidemann. Erst vergangene Woche habe E. auf dem Gelände des Klubs Rasen gemäht. Mit rechten Parolen sei der 45-Jährige nicht aufgefallen. Rund zehn Jahre sei Stephan E. in dem Klub gewesen.

Im Verein schoss E. nur Bogen, meist etwas abseits. Nach Angaben der Vorsitzenden hatte er auf dem Vereinsgelände keine Feuerwaffen und auch keinen Zugang dazu: »Bei uns im Verein hatte er keine Waffenbesitzkarte.« Auch fehle nichts von den Vereinswaffen. Schießen mit Feuerwaffen hätte E. nur unter Aufsicht gedurft, was er allerdings nicht genutzt habe. Der Schützenverein gilt bei Behörden als seriös. Das Bundeskriminalamt bestätigt, dass E. keine Waffenbesitzerlaubnis für Schusswaffen hatte und auch keine scharfe Schusswaffe bei seiner Festnahme gefunden wurde.

Mit rechtsextremistischen Aktivitäten hält sich Stephan E. nach 2009 öffentlich zurück. Es sind andere Namen, die man in Nordhessen in den vergangenen Jahren mit der rechten Szene in Verbindung bringt, mit dem 2015 verbotenen Verein »Sturm 18« und der militanten Gruppe »Combat 18«. Ob E. noch Kontakte in diese Szene hatte, prüfen die Ermittler.

Verbindungen zur NSU?

Wenn ja, täuschte er nicht nur Nachbarn und Vereinskameraden, sondern auch Verfassungsschützer. Denn er stand zuletzt nicht mehr unter besonderer Beobachtung. Wie Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang erklärt, war Stephan E. in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr so deutlich wie früher als Rechtsextremist in Erscheinung getreten.

Allerdings hatte die Linke im hessischen Landtag das Landesamt für Verfassungsschutz noch 2015 um Informationen über Stephan E. gebeten. Der Name sei mehrmals im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags gefallen, sagt der Innenexperte der Linksfraktion in Wiesbaden. Bei einer Zeugenbefragung im Dezember 2015 sei eine Mitarbeiterin des Landesamts auf ein Dossier angesprochen worden, in dem mehrere Neonazis von der Behörde als besonders gewalttätig eingestuft worden seien, darunter auch Stephan E.

Licht ins Dunkel könnte vor allem eine Person bringen: der Verdächtige selbst. Doch Stephan E. hat sich zu den aktuellen Vorwürfen bisher nicht geäußert.

Derzeit prüft die Polizei Hinweise auf mögliche weitere Täter im Mordfall Lübcke.

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