So., 11.08.2019

»Virtuelles Krankenhaus« soll ab 2020 Mediziner zusammenbringen Hilfe von den besten Ärzten – egal, wo man wohnt

Solche Videowagen rollen die Ärzte zur Visite ans Krankenbett, um andere Ärzte zuzuschalten. Das Foto zeigt auf dem Bildschirm Dr. Tobias Mock, Oberarzt am Josephs-Hospital Warendorf, sowie Dr. Kai Börner und Daniela Bause vom Universitätsklinikum Münster.

Solche Videowagen rollen die Ärzte zur Visite ans Krankenbett, um andere Ärzte zuzuschalten. Das Foto zeigt auf dem Bildschirm Dr. Tobias Mock, Oberarzt am Josephs-Hospital Warendorf, sowie Dr. Kai Börner und Daniela Bause vom Universitätsklinikum Münster. Foto: Thomas Bauer/UKM

Von Christian Althoff

Münster (WB). Schwerkranke Patienten und solche mit seltenen Leiden oder schweren Infektionen sollen demnächst vom Wissen der erfahrendsten Ärzte Nordrhein-Westfalens profitieren.

2020 soll in NRW das »Virtuelle Krankenhaus« ans Netz gehen – eine Internetplattform, über die niedergelassene Ärzte und Klinikmediziner komplizierte Fälle besprechen. Am Universitätsklinikum Münster (UKM) läuft bereits ein entsprechendes vom Bund gefördertes Pilotprojekt mit 200 niedergelassenen Ärzten aus Westfalen und etwa 50 Krankenhäusern.

Chirurg Dr. Christian Juhra, Leiter der Stabsstelle Telemedizin am UKM, beschreibt einen typischen Fall: »Wenn ein Hausarzt sich unsicher ist, welches Antibiotikum er verschreiben soll, oder wissen möchte, oder er besser erst einen Abstrich macht und das Ergebnis abwartet, kann er sich mit einem unserer Spezialisten beraten. Das wird häufig praktiziert.«

Aber auch von Krankenhaus zu Krankenhaus diskutieren Ärzte Fälle: »Wir verabreden uns zu Visiten. Auf der Station rollen Ärzte einen Videowagen ans Krankenbett, so dass wir den Patienten und unsere Kollegen sehen, hören und sprechen können.« Das UKM ist bereits mit den Intensivstationen von acht Krankenhäusern und Unfallchirurgien von 45 Krankenhäusern vernetzt.

Hohe Sterblichkeit und Infektionen

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU): »Es gibt viele solcher Projekte, aber kein landesweites Netz. Das wollen wir ändern.« Die Plattform namens »Virtuelles Krankenhaus« solle Teil der Regelversorgung in NRW werden, und das möglichst schnell. »Der Versuchsbetrieb soll im Frühjahr losgehen«, sagte Laumann. Prof. Hugo Van Aken, Ärztlicher Direktor des UKM: »Durch das ›Virtuelle Krankenhaus‹ ist medizinische Expertise nicht mehr örtlich begrenzt verfügbar, sondern überall.«

Das Angebot ist zunächst vor allem für Krankheiten mit hoher Sterblichkeit und Infektionen gedacht. »Das ist nicht die Sprechstunde für Oma Helga, die mal mit dem Professor reden will«, sagte Laumann am Freitag.

Zu den ersten Teilnehmern soll neben den Unikliniken Aachen, Essen und Münster auch das Herz- und Diabeteszentrum (HDZ) NRW in Bad Oeynhausen gehören. Es hat seit Jahren Erfahrung in der Telemedizin und überwacht Patienten, die zu Hause leben, per Telefon. Geschäftsführerin Dr. Karin Overlack: »Wir freuen uns, Kranken helfen zu können, die von einer schnellen Entscheidung über die bestmögliche Therapie profitieren.«

Austausch der Ärzte

Mehrere Ärzte, die über einen Patienten beraten – ist das mit dem Ego von Medizinern vereinbar? Dr. Juhra: »Diese Sorge gab es zu Beginn unseres Projektes. Aber es war so, dass sich alle Ärzte erst einmal persönlich kennengelernt haben. Der Austausch findet auf Augenhöhe statt. Es gibt kein Von-oben-herab, und die Entscheidung über die Therapie trifft zum Schluss der behandelnde Arzt.«

Eine Arbeitsgruppe, die aus Effektivitätsgründen klein sein soll, will in den kommenden Monaten das »Virtuelle Krankenhaus« an den Start bringen. »Die Technik wird nicht das Problem sein«, sagt Dr. Christian Juhra. Als Herausforderung sieht er die Organisation: »Wenn in allen Krankenhäusern die Visiten zeitgleich stattfinden, wird das nicht funktionieren. Da muss man Lösungen finden.«

Zwei Millionen Euro pro Jahr stellt NRW für den Start zur Verfügung. Auf Dauer sollen die Krankenkassen das »Virtuelle Krankenhaus« finanzieren, und das wollen sie wohl auch. Wie sich der Austausch der Ärzte auf den Krankheitsverlauf auswirken kann, zeigt eine Studie: Von 500 Leberkrebs-Patienten, die von ihrem Arzt als austherapiert eingestuft worden waren, konnte ein Drittel noch operiert werden.

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