Mo., 26.08.2019

Gedenken in Italien: Steinhagens Bürgermeister begleitet Präsidenten »Nie wieder Krieg – das ist der Auftrag«

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella haben gestern der Opfer von SS-Massakern im nordtoskanischen Fivizzano gedacht. Fivizzano ist Partnerstadt der Gemeinde Steinhagen (Kreis Gütersloh).

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella haben gestern der Opfer von SS-Massakern im nordtoskanischen Fivizzano gedacht. Fivizzano ist Partnerstadt der Gemeinde Steinhagen (Kreis Gütersloh). Foto: Bluhm-Weinhold

Von Annemarie Bluhm-Weinhold

Fivizzano (WB). Mordend und plündernd sind die SS-Schergen im Sommer 1944 durch die Toskana gezogen. Mehr als 400 Menschen haben sie allein in Fivizzano getötet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat gestern in der toskanischen Stadt mit Italiens Staatspräsidenten Sergio Mattarella anlässlich des 75. Jahrestages der Massaker der Toten gedacht. An ihrer Seite ein Ostwestfale: Klaus Besser, Bürgermeister der Gemeinde Steinhagen, Fivizzanos Partnerstadt.

Nur eine Trompete ist zu hören, als der Bundespräsident und sein italienischer Amtskollege nach einem Gespräch mit Hinterbliebenen an der Gedenktafel für die Opfer des Massakers einen Kranz niederlegen und im Gedenken an sie verharren.

Dann aber brandet Beifall auf, als die Präsidenten zu der wartenden Menge treten. »Presidente«, schallt es ihnen entgegen. Und auch später beim Gang durch die Stadt zur Piazza Vittorio Emanuele II müssen Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender immer wieder anhalten: hier ein kurzes Gespräch, dort ein Händeschütteln. Der Bundespräsident wird mit Herzlichkeit und Begeisterung empfangen.

»Wir können den Hass nicht verstehen«

Eng befreundet: Steinhagens Bürgermeister Klaus Besser (rechts) mit Roberto Oligeri, Leiter des Museums der Gedenkstätte San Terenzo. Foto: Bluhm-Weinhold

»Nein, wir können den Hass nicht verstehen, der die Deutschen hier in Fivizzano getrieben hat«, sagt Steinmeier wenig später in seiner Rede. Dafür applaudieren ihm die Ehrengäste im Zelt. Er empfinde Trauer und Scham.

»Wir Deutschen wissen, welche Verantwortung wir für diese Verbrechen tragen. Es ist eine Verantwortung, die keinen Schlussstrich kennt«, sagt Steinmeier und bekennt: Auch juristisch habe die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in Deutschland zu spät begonnen. Deutschland sei damit seiner Verantwortung nicht gerecht geworden.

Über Gräueltaten nicht viel bekannt

Den Familien der Opfer sagt er: »Sie haben ein Recht darauf, dass auch bei uns in Deutschland bekannt wird, was Ihnen angetan wurde.« Es sei so wichtig, heute hier zu sein, in Fivizzano, einem Ort, von dem viele Deutsche noch nie gehört haben, betont Steinmeier: »Nur wenige Deutsche wissen, welche entsetzlichen Gräueltaten Deutsche hier begangen haben.«

In Steinhagen haben indes viele davon gehört. Sie wissen, dass die Männer der 16. Panzergrenadierdivision der Waffen-SS unter dem Kommando von Walter Reder zwischen Mai und September 1944 in mehreren heutigen Ortsteilen Fivizzanos für Partisanenangriffe grausame Vergeltung an der Zivilbevölkerung nahmen und schließlich eine systematische »Säuberung« des Gebiets beschlossen: Am 24. und 25. August – daher rührt der Termin für die Gedenkveranstaltung – mordeten sie im Dorf Vinca und dann noch einmal am 27. August, als die Überlebenden in ihre Häuser zurückkehrten. 162 Menschen starben.

Gedenkstätte in San Terenzo bei jeder Fahrt ein Anlaufpunkt

Das schreckliche historische Kapitel ist ein Aspekt, der in der Partnerschaft mit Steinhagen immer wieder eine Rolle spielt. Und Klaus Besser setzt sich besonders dafür ein, Erinnerung zu bewahren im Sinne der Völkerverständigung in einem einigen Europa: »Es ist wichtig für eine Städtepartnerschaft, als Bürgermeister deutlich zu machen, dass man sich dieser Geschichte stellt und es als Motivation empfindet, für ein friedliches und freiheitliches Europa einzustehen.«

So ist die Gedenkstätte in San Terenzo bei jeder Bürgerfahrt, bei jedem Besuch von Schülern Anlaufpunkt.

Und die Menschen in Fivizzano haben keine Ressentiments gegen Deutsche, sind vielmehr dankbar für das Interesse an ihrer Geschichte. So wurde Klaus Besser 2002 als erster Deutscher eingeladen, bei der alljährlichen Gedenkveranstaltung eine Rede zu halten.

Mahnung für den Frieden

So wurde Udo Sürer, Rechtsanwalt aus Lindau am Bodensee, sogar Ehrenbürger Fivizzanos, weil er sich der Geschichte seines Vaters, der an den Verbrechen beteiligt war, stellte. Beide sitzen gestern bei der Gedenkveranstaltung in der ersten Reihe.

Enrico Rossi, Präsident der Region Toskana, betont: »Die Anwesenheit von zwei Staatsoberhäuptern unterstreicht die Bedeutung dieser Gedenkveranstaltung.« Der Jahrestag der Massaker sei eine Mahnung für den Frieden und das friedliche Zusammenleben der Völker.

Deutschland habe seine Vergangenheit aufgearbeitet – das sollte auch für Italien gelten. »Unser Zusammenleben muss auf dem Respekt und der Würde der Menschen basieren«, sagt Rossi.

»Fivizzano ist heute auch ein Ort der Versöhnung«

Staatspräsident Sergio Mattarella formuliert eine klaren Botschaft: »Nie wieder Krieg. Das ist der Auftrag, der uns als Bürger jeden Tag begleiten muss.«

Auch Steinmeier geht es nicht nur um die Bewahrung der Erinnerung. »So unbegreiflich das erscheinen mag. Ich empfinde an diesem Ort auch Dankbarkeit. Denn Fivizzano ist heute auch ein Ort der Versöhnung und der Begegnung geworden.« Und so kündigt der Bundespräsident die Idee einer Jugendbegegnungsstätte in Fivizzano an.

Streiten für Freiheit und Demokratie

Die deutsche Botschaft und die Kommune Fivizzano wollen einen jährlichen Schüleraustausch initiieren, bei dem Schüler in Workshops vor Ort in Fivizzano nicht nur die Geschichte aufarbeiten, sondern auch nach deren Bedeutung für die heutige und zukünftige Generationen fragen. Gefördert wird das über die Stiftung Deutsch-Italienischer Förderkreis mit einer Anschubfinanzierung von 25.000 Euro.

Klaus Besser sieht die Partnerstadt Steinhagen da in besonderer Verantwortung und will die Schulen vor Ort ansprechen.

Steinmeier fordert auch einen Beitrag für den Frieden in Europa: »Wir müssen streiten für Freiheit und Demokratie, für Menschenrechte und Menschlichkeit, für unser vereintes Europa – heute vielleicht stärker als zuvor.«

Kommentare

"Nie wieder Krieg"
Das - sollte man annehmen - ist die selbstverständlichste aller Selbstverständlichkeiten. Es ist so selbstverständlich, dass es sich nicht lohnt, darüber zu diskutieren, oder diesen Ausspruch besonders hochzuhängen.Niemand will Krieg!

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