Polizeistudie zeigt: Beamte mit Kamera werden häufiger Opfer
Wie gefährlich sind Bodycams?

Düsseldorf (WB). NRW schafft für seine Streifenbeamte im Moment 9000 sogenannte Bodycams an. Doch ihr Nutzen ist bei Polizisten und Wissenschaftlern umstritten.

Freitag, 27.09.2019, 07:58 Uhr aktualisiert: 27.09.2019, 08:28 Uhr
Die am Körper getragenen Kameras nehmen Bilder und Töne auf. Foto: dpa
Die am Körper getragenen Kameras nehmen Bilder und Töne auf. Foto: dpa

Bis Ende 2020 sollen alle Kameras ausgeliefert sein, sieben Millionen Euro wird das kosten. Während in den USA Bodycams permanent aufzeichnen, um mögliche Übergriffe gegen Bürger zu dokumentieren, verfolgt NRW ein anderes Ziel: Streifenbeamte sollen die Kameras »mit Ansage« einschalten, sobald ihr Gegenüber nicht kooperativ ist. Die Hoffnung ist, dass es dann weniger Übergriffe gegen Polizisten gibt.

Dieses Ziel wird allerdings bisher nicht erreicht – im Gegenteil. Im Auftrag des Innenministeriums hat das Institut für Polizei- und Kriminalwissenschaft der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Gelsenkirchen die Wirkung von Bodycams untersucht. Dazu wurden 2017 Wachen in Duisburg, Düsseldorf, Köln (2), Siegen und Wuppertal mit Kameras ausgestattet. Die Forscher verglichen die Erfahrungen von 2467 Dienstschichten, die Kameras trugen, mit denen der 2939 Dienstschichten, die keine Kameras hatten. Sie werteten außerdem die Videos aus. »Entgegen der Erwartung liegt der Anteil der registrierten geschädigten Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten in den Schichten mit Bodycam über dem Anteil in den Schichten ohne Bodycam«, schreiben die Wissenschaftler in ihrem 150-seitigen Abschlussbericht. In zwölf Prozent der Bodycam-Schichten wurden Polizisten Opfer von Übergriffen, aber nur in zehn Prozent der kameralosen Schichten. Das bedeute, dass das Risiko, Opfer zu werden, in Bodycam-Schichten 1,2 mal höher sei. Schaut man sich die Zahl der im Dienst verletzten Polizisten an, so arbeiteten 55 Prozent von ihnen in Bodycam-Schichten.

Die Wissenschaftler begründen das damit, dass Polizisten zurückhaltender agierten, wenn sie wüssten, dass ihr Handeln aufgezeichnet werde. Sie träten bei laufender Kamera verbal und körperlich weniger robuster auf, was tätliche Angriffe auf sie begünstige. Die Forscher empfehlen deshalb, Bodycams in Einsatztrainings zu verwenden. Polizisten müssten ermutigt werden, im Ernstfall aggressive Anweisungen und Zwangsmittel rechtzeitig einzusetzen.

Die Polizisten des Pilotprojekts bewerteten die Wirkung der Kameras nach einigen Monaten schlechter als zu Beginn des Versuchs. Während zum Start des Projekts 41 Prozent die Bodycams als »eher gut« einstuften, waren es vier Monate später nur noch 27 Prozent. Sechs Prozent bewerteten das neue Einsatzmittel als »sehr schlecht«, 27 Prozent als »eher schlecht«. Einige Polizisten fühlten sich durch die Kamera überwacht.

Die Analyse der mehr als 450 Videos ergab: In 16 Prozent der Fälle wurde eine Deeskalation beobachtet, die mehrere Gründe hatte. In vier Prozent aller Fälle soll die Kamera Grund der Deeskalation gewesen sein. In einem Prozent der Fälle soll die Kamera zur Eskalation geführt haben.

Nach ihrer Einschätzung befragt gaben fast zwölf Prozent der Polizisten an, dass sich nach Auslösen der Bodycam eine Situation beruhigt habe. 13 Prozent hatten dagegen schon erlebt, dass die Lage nach Einschalten der Kamera eskaliert sei. Seite 4: Kommentar

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6960477?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2198335%2F
Ein Stück aus dem Tollhaus
Symbolbild. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker