Do., 17.10.2019

Umfrage: Pflegeheime lehnen 85 Prozent der Anfragen ab – Westerfellhaus warnt vor Panikmache Streit um Studie über Heimplatz-Mangel

Ein Rollator steht im Flur eines Altenheims: In NRW fehlen laut einer umstrittenen Studie jede Menge Heimplätze.

Ein Rollator steht im Flur eines Altenheims: In NRW fehlen laut einer umstrittenen Studie jede Menge Heimplätze. Foto: dpa

Von Christian Bröder

Düsseldorf/Berlin (WB). Pflegeheime in Nordrhein-Westfalen müssen 85 Prozent aller Anfragen von Pflegebedürftigen ablehnen. Dieses Resultat einer Studie des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) stößt im Bundesgesundheitsministerium in Berlin auf Unverständnis. Der Bundes-Pflegebevollmächtigte Andreas Westerfellhaus (63) übt jedenfalls scharfe Kritik.

Am Mittwoch hatte die Interessenvertretung privater Anbieter von sozialen Dienstleistungen die landesweite Umfrage veröffentlicht, an der sich jede fünfte der 511 stationären Einrichtungen des bpa beteiligt hatte. Das Ergebnis: In NRW fehlen jede Menge Heimplätze.

Demnach hätten beteiligten Einrichtungen innerhalb von einer Woche 1046 Anfragen erhalten und konnten aus Mangel an freien Plätzen 881 davon nicht bedienen. »Die Einrichtungen sind belegt, den Aufbau weiterer Kapazitäten hat die Landesregierung in den letzten Jahren aktiv verhindert«, hatte der nordrhein-westfälische BPA-Landesvorsitzende Christof Beckmann unter anderem kritisiert. Er behauptete zudem: »Vorsichtig hochgerechnet erhält NRW-weit innerhalb von nur einer Woche somit mehr als 4000 Mal ein Pflegebedürftiger oder eine Familie bei der Suche nach einem Pflegeheimplatz eine Absage. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung.«

Ins Leere gelaufen

Scharfe Kritik an der Studie kommt aus der Bundeshauptstadt: Andreas Westerfellhaus (63), Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, hält das Ergebnis der BPA-Umfrage jedenfalls keinesfalls für charakteristisch. »Wenn hier ein Arbeitsgeberverband seine Einrichtungen befragt, gibt es allenfalls ein Bild seiner Trägerschaft wieder. Man muss die Frage stellen, wie repräsentativ das Ganze ist. Für ein typisches Bild müsste man alle mit einbeziehen«, sagt der aus Rheda-Wiedenbrück stammende Staatssekretär.

85 Prozent der Anfragen von Pflegebedürftigen der Pflegeheime laufen ins Leere, so schildert es der BPA. »Jede abgelehnte Anfrage bedeutet, dass ein Pflegebedürftiger und seine Familie lange nach der gewünschten oder notwendigen Versorgung suchen müssen und dabei die Wahlfreiheit auf der Strecke bleibt«, schildert der NRW-Vorsitzende Christof Beckmann weiter.

Die Situation von freigemeinnützigen Trägern stationärer Pflegeeinrichtungen in NRW und Deutschland sieht Andreas Westerfellhaus hingegen alles andere als derart bedrohlich wie in der Studie geschildert. Der gelernte Krankenpfleger und Betriebswirt mahnt deshalb am Mittwoch hinsichtlich der ausschließlich Angaben von BPA-Mitgliedseinrichtungen beinhaltenden Studie: »Man muss aufpassen, das man nicht Panikmache betreibt. Das Szenario, dass das jetzt eine komplette Versorgung zusammenbricht, kann ich so nicht sehen. Ich bin sogar ein wenig verwundert, als dass uns im Ministerium parallel derartige Meldungen nicht vorliegen.«

»Eigantischer Bedarf«

Gäbe es ein flächendeckendes Problem, so Westerfellhaus weiter, wüsste man darüber in anderer Form – etwa der Benachrichtigungen durch zuständige Kommunen – Bescheid. Anders beurteilt man die Lage beim BPA: In den vergangenen Jahren hätte die NRW-Landesregierung den Neubau von stationären Pflegeeinrichtungen massiv behindert.

»Wenn allein in Köln in den nächsten Jahren 50 neue Heime benötigt werden, lässt sich landesweit ein gigantischer Bedarf erahnen«, warnt Beckmann mit Blick auf aktuelle Zahlen. »Unsere Umfrage zeigt, dass die Versorgungslücke in der stationären Pflege landesweit schmerzlich spürbar ist.« NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) müsse klar sagen, wie er die von den Bürgern benötigten Versorgungskapazitäten sicherstellen wolle.

Die Entwicklung drohe sich sogar noch deutlich zuzuspitzen. So skizziert Beckmann: »Weitere 1000 bestehende Pflegeheime im Land müssen um ihre Existenz bangen, weil eine drastische Kürzung ihrer Investitionskostenrefinanzierung ab dem Jahr 2021 bevorsteht.«

»Merkwürdig«

Auch diese Meinung teilt Andreas Westerfellhaus am Mittwoch so nicht: »Ich finde es merkwürdig, so mit der großen Keule zu schwingen«, kritisiert der Bundes-Pflegebevollmächtigte die Erklärung seitens des nordrhein-westfälischen BPA-Vorsitzenden Christof Beckmann.

Mit dessen Äußerungen wie auch den Ergebnissen der Studie kann sich der in Berlin arbeitende Bundes-Pflegebevollmächtigte aus Ostwestfalen am Mittwoch nicht identifizieren. Gleichwohl könne er sich prinzipiell einen Austausch vorstellen: »Die Bereitschaft, das Thema mit NRW-Gesundheitsminister Laumann zu diskutieren, ist da.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7005149?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2198335%2F