So., 17.11.2019

Nach 14 Jahren als Regierungspräsidentin zieht Marianne Thomann-Stahl Bilanz »OWL hat sich großartig entwickelt«

Marianne Thomann-Stahl (65) steht seit 2005 an der Spitze der Bezirksregierung in Detmold. Ihr Amt übergibt sie am 2. Dezember an Judith Pirscher.

Marianne Thomann-Stahl (65) steht seit 2005 an der Spitze der Bezirksregierung in Detmold. Ihr Amt übergibt sie am 2. Dezember an Judith Pirscher.

Detmold (WB). Seit 14 Jahren ist Marianne Thomann-Stahl (65) Präsidentin der Bezirksregierung Detmold – und damit höchste Vertreterin der NRW-Landesregierung in Ostwestfalen-Lippe. Am 2. Dezember wird die gebürtige Schwäbin von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in den Ruhestand verabschiedet. Andreas Schnadwinkel hat mit Marianne Thomann-Stahl gesprochen.

Nach mehr als 14 Jahren an der Spitze des Regierungsbezirks Detmold: Was hätten Sie gerne noch erledigt? Oder haben Sie das meiste geschafft?

Marianne Thomann-Stahl : Die Digitalisierung der Behörde ist ein wichtiges Zukunftsthema, das ich gerne noch weiter verfolgt hätte. Sie ist bereits auf einem guten Weg, und ich bin sicher, dass sie weiter erfolgreich umgesetzt wird.

 

Zur Person

Marianne Thomann-Stahl kam am 23. März 1954 in Oberkochen (Baden-Württemberg) zur Welt. Die Diplom-Volkswirtin ist verheiratet und hat zwei Kinder. 1980 begann sie als Assistentin des Vorstands der Nixdorf Computer AG und war anschließend in leitenden Positionen in der Industrie tätig. Von 1985 bis 1995 war sie FDP-Abgeordnete im NRW-Landtag (verkehrspolitische und sozialpolitische Sprecherin) und von 1990 bis 1995 stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende. In der Legislaturperiode von 2000 bis 2005 übernahm Marianne Thomann-Stahl den Posten der Parlamentarischen Geschäftsführerin der FDP-Fraktion.

Nach dem schwarz-gelben Wahlsieg im Jahr 2005 wechselte sie aus dem Landtag in das Amt der Regierungspräsidentin der Bezirksregierung Detmold.

 

Was hat sich anders entwickelt als erwartet?

Thomann-Stahl : Zu meinem Amtsbeginn 2005 war nicht absehbar, was mit den Bezirksregierungen passieren würde. Aber mir war klar, dass wir solch eine Institution in Ostwestfalen-Lippe behalten müssen. Im Zuge der Revision der mittleren Verwaltungsebene in NRW wurden mehr als 140 Behörden in die fünf Bezirksregierungen eingegliedert. So stellte sich die Frage gar nicht mehr, welche Bezirksregierungen übrig bleiben würden.

 

Ostwestfalen-Lippe ist ein Konstrukt, die Bezirksregierung eine Verwaltungseinheit mit wenig direktem Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern. Warum hat Ihnen die Aufgabe trotzdem Freude gemacht?

Thomann-Stahl : Zunächst mag es so aussehen, als hätte die Bezirksregierung wenig Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern. Aber ich bin in meinen 14 Jahren sehr viel herumgekommen in OWL und habe viele Einladungen von Vereinen, Bürgermeistern und Ehrenamtlichen angenommen, um mir ihre Projekte anzuschauen und ins Gespräch zu kommen. Ich habe sehr viele interessante Menschen kennengelernt.

 

Der Begriff »Region« ist nicht gut zu greifen. Was stiftet, abgesehen vom Hermannsdenkmal, so etwas wie regionale Identität in OWL?

Thomann-Stahl : Wenn schon, dann muss auch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal erwähnt werden. Wer im westlichen Kreis Gütersloh wohnt, fühlt vielleicht wenige Gemeinsamkeiten mit den Menschen im östlichen Kreis Lippe. Aber alle sind stolz auf die Region Ostwestfalen-Lippe. Das hängt nach meiner Beobachtung damit zusammen, dass die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren intensiver geworden ist – zwischen Kommunen und Kreisen, Universitäten und Wirtschaft. Das trägt zu mehr Zusammenhalt bei, führt zu Erfolg und dadurch auch zu mehr Ansehen der Region.

Kommt eine Art Regionalpatriotismus erst auf, wenn sich OWL zurückgesetzt fühlt, wie bei der fehlenden Medizinfakultät?

Thomann-Stahl : Im Gegenteil. Das Klagen, an Rhein und Ruhr nicht ausreichend wahrgenommen zu werden, hat ja nicht zu mehr Einheitsgefühl geführt. Ich sehe eine andere Entwicklung. Seit 15 Jahren ist die Überzeugung gewachsen, als Region selbst sehr stark zu sein. Das haben nicht zuletzt unsere großartigen Familienunternehmen möglich gemacht.

 

Kann angesichts der Unterschiede und auch der Rivalität, vor allem zwischen den Großstädten Bielefeld und Paderborn, ein Regionalgefühl überhaupt entstehen?

Thomann-Stahl : Konkurrenz belebt das Geschäft. Natürlich haben Unternehmen und Universitäten unterschiedliche Interessen. Trotzdem tun sie sich zusammen, wenn es darum geht, etwas Positives zu erreichen.

 

Die Bezirksregierung

Die Bezirksregierung Detmold ist eine Behörde des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie ist ein Scharnier zwischen der Landesregierung in Düsseldorf sowie den Kreisen und Kommunen in Ostwestfalen-Lippe. Bauen, Arbeit, Schule, Umwelt, Gesundheit und weitere Ressorts sind in einer Behörde gebündelt. Gleichzeitig vertritt sie die Interessen der Region gegenüber den Ministerien und der Landesregierung.

Die Anzahl der Mitarbeiter hat sich von 700 im Jahr 2005 auf heute knapp 1200 erhöht – auch wegen neuer Aufgaben in der Landesverwaltung: landesweite Scanstelle für Beihilfeanträge in Detmold, Flüchtlingsdezernat, Unterbringungseinrichtung für Ausreisepflichtige.

Die Bezirksregierung ist eine der größten Ausbildungsbehörden in OWL. Zehn Prozent der Mitarbeiter sind Auszubildende.

 

Hat der Beginn der Flüchtlingskrise im Herbst 2015 den Zusammenhalt der Kommunen in OWL gestärkt?

Thomann-Stahl : Ja, die Zusammenarbeit mit den Kommunen war in dieser Phase sehr intensiv. Als wir Unterkünfte sehr kurzfristig besorgen mussten, haben alle Bürgermeister, Räte und Verwaltungen mitgezogen, auch viele Unternehmen haben geholfen. Und dass wir in der Behörde im Krisenstabsmodus gearbeitet haben, hat die interne Solidarität gestärkt.

 

Der Regierungsbezirk Detmold ist der einzige in NRW, der eine Region exakt abbildet. Wie kann man daraus emotional mehr machen?

Thomann-Stahl : Wir sollten noch stolzer auf die herausragenden Einrichtungen sein, die wir in OWL haben. Ich möchte da zum Beispiel die Kunsthalle Bielefeld, das Herforder Marta, das Heinz-Nixdorf-Forum in Paderborn und das Weltkulturerbe Corvey in Höxter nennen. Die strahlen weit über die Städte und weit über die Region hinaus. Kultur hält die Menschen ebenso zusammen wie die Natur. Bis vor wenigen Jahren wurde die Destination Ostwestfalen-Lippe touristisch nicht als Ganzes vermarktet. Das fängt jetzt erst richtig an.

 

Mehrere Bundesländer haben die Bezirksregierungen abgeschafft. Ist NRW zu groß, um auf diese Verwaltungsebene zwischen Landesregierung und Kreisen und kreisfreien Städten zu verzichten?

Thomann-Stahl : Alle großen Bundesländer haben diese mittlere Verwaltungsebene. Bis auf Niedersachsen. Das ist schade für uns als Nachbarn, weil uns die Gesprächspartner abhanden gekommen sind. Beispielsweise gibt es Abstimmungsbedarf bei der Bewirtschaftung der Weser.

 

Sie sind 2005 nach dem Regierungswechsel zu Schwarz-Gelb in NRW von der FDP-Politikerin zur politischen Beamtin geworden. Haben Sie die Politik vermisst?

Thomann-Stahl : 15 Jahre im Landtag waren genug, obwohl die Arbeit als parlamentarische Geschäftsführerin der FDP-Fraktion sehr interessant war. Ich wollte etwas Anderes machen und kannte das Beamtendasein nicht. Heute kann ich sagen, dass es wesentlich spannender ist, als ich dachte.

 

Kann man als Regierungspräsidentin Politik machen?

Thomann-Stahl : Man soll keine Politik machen. Die Aufgabe der Bezirksregierung ist, die Vorgaben der Landesregierung in operatives Geschäft umzusetzen. Das ist zunächst eine völlig neutrale Aufgabe. Da darf es uns als Behörde überhaupt nicht interessieren, in welcher Partei gewählte Bürgermeister und Landräte sind. Abgesehen davon spielt auf kommunaler Ebene Parteipolitik keine so große Rolle. Wenn es darum geht, die Entwicklung einer Kommune voranzubringen und zum Beispiel auf dem Gelände einer Kaserne ein Gründerzentrum zu bauen, dann ziehen meistens alle an einem Strang.

 

Offensichtlich waren Sie unpolitisch genug. Sonst hätte Rot-Grün Sie abberufen, oder?

Thomann-Stahl : Ich hatte nach dem Regierungswechsel 2010 natürlich damit gerechnet, dass ich abgelöst werde, weil es das übliche Verfahren ist. Aber die neue SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft wollte, dass ich im Amt bleibe. Dabei spielte sicher auch unsere gute Zusammenarbeit im Landtag eine Rolle.

 

Die Beamten im Landesumweltministerium gelten mehrheitlich als grün gewirkt, ebenso die Beamten im Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). Setzt sich das in der Umweltabteilung der Bezirksregierung fort, wenn man an die Beurteilung der Messstellen am Bielefelder Jahnplatz denkt?

Thomann-Stahl : So ist das nicht. Speziell beim Lanuv arbeiten absolute Fachleute. Und ja, mit den Messstellen am Jahnplatz habe auch ich gehadert, aber die Platzierung und Einrichtung der Messstellen entspricht den fachlichen Vorgaben.

 

Ostwestfalen-Lippe ist zu einem erheblichen Teil ländlich geprägt. Wie sind Sie mit Stadt-Land-Konflikten umgegangen?

Thomann-Stahl : Ich sehe diesen Konflikt bei uns nicht. Bielefeld und Paderborn sind keine urbanen Metropolräume, schließlich wird dort in den Randgebieten noch Landwirtschaft betrieben. Im ländlichen Raum müssen wir allerdings einiges gegen den Bevölkerungsrückgang tun, vor allem in den Kreisen Lippe und Höxter. In erster Linie versuchen wir, mit schnellem Internet und Digitalisierung gegenzusteuern. Da tut sich auch schon etwas. Das kommt all den Familien zugute, die auch in unseren Städten kaum bezahlbares Wohneigentum finden.

 

Was erbt Ihre Nachfolgerin und FDP-Parteifreundin Judith Pirscher von Ihnen?

Thomann-Stahl : Ich kenne Frau Pirscher schon sehr lange und freue mich, dass sie meine Nachfolgerin wird. Ich bin sicher, dass sie mit der Aufstellung der Behörde zufrieden sein wird. Ich wünsche ihr, dass sie ihren Humor behält.

 

Ist Humor notwendig, um das Amt zu meistern?

Thomann-Stahl : Absolut. Wenn man morgens ins Büro kommt, weiß man nicht, was man bis zum Abend gemacht haben wird. Pläne können im Laufe des Tages durch irgendein Ereignis über den Haufen geworfen werden. Das ist eine anspruchsvolle und spannende Aufgabe.

 

Wird Ihnen im Ruhestand langweilig? Haben Sie schon ein interessantes Ehrenamt in Aussicht?

Thomann-Stahl : Ich werde erst einmal versuchen, keine Termine zu machen. Über die Ehrenämter denke ich im nächsten Jahr nach.

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