Do., 23.01.2020

Kommunalpolitiker will nicht mehr kandidieren Drohungen auch gegen Familie: Kerpener Bürgermeister gibt auf

Dieter Spürck (CDU) ist Bürgermeister in Kerpen.

Dieter Spürck (CDU) ist Bürgermeister in Kerpen. Foto: dpa

Kerpen (dpa). Der Bürgermeister der rheinischen Stadt Kerpen, Dieter Spürck (CDU), will nach Drohungen auch gegen seine Kinder nicht erneut für das Amt kandidieren. Die zunehmende Verrohung in der Gesellschaft sei für ihn selbst ein tragbares Berufsrisiko, „aber nicht für meine Frau und meine Kinder“, sagte er im Interview von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnischer Rundschau“ (Donnerstag).

Das politische Amt habe insbesondere von der Familie einen sehr hohen Preis gefordert, hatte der 53-Jährige zuvor schon in einer Erklärung festgestellt. Weitere Nachfragen wollte Spürck am Donnerstag nicht beantworten. In Nordrhein-Westfalen finden im September Kommunalwahlen statt.

Hambacher Forst und Flüchtlingspolitik

In seinem Briefkasten habe er die Drohung mit der sinngemäßen Botschaft gefunden, dass seine Kinder es zu spüren bekämen, wenn er sich nicht intensiver für den Hambacher Forst einsetzen würde. Der im Klimastreit umkämpfte Wald liegt teilweise auf dem Gebiet der Stadt Kerpen. Kritiker der Flüchtlingspolitik hätten ihm gedroht, wenn einem Kind in Kerpen etwas geschehe, werde es seinen Kindern ebenfalls so ergehen.

„Einmal ist mir ein Auto langsam gefolgt, als ich zu Fuß von einem Termin wegging“, berichtete er. Wiederholt habe er Schrammen an seinem Auto gehabt. Vor seiner Haustüre habe man ihm Luft aus den Autoreifen gelassen. Er habe die Beeinträchtigungen seines Privatlebens vor seinem Amtsantritt als Bürgermeister nicht einschätzen können.

Ermittlungen wegen Bestechlichkeit

Spürck nahm auch Bezug auf laufende Ermittlungen wegen Bestechlichkeit gegen ihn. „Politik ist teilweise ein sehr dreckiges Geschäft geworden, das teilweise auch über die Staatsanwaltschaft ausgefochten wird“, sagte er. „Die Familie kriegt vieles ab, was gravierende Spuren hinterlässt, zum Beispiel wenn die Kriminalpolizei kommt und in Anwesenheit des eigenen Kindes das ganze Haus durchsucht und dabei höchstpersönliche Sachen mitnimmt. Oder auch, wenn persönliche Telefongespräche abgehört werden.“ Spürck hatte den Vorwurf der Vorteilsannahme bei einem Bauprojekt stets abgestritten und betont, er habe die Ermittlungen selbst mit in Gang gebracht.

Spürck ist seit 2015 Rathauschef. Die jetzt benannten Bedrohungen seien vorher nicht bekannt gewesen, sagte der CDU-Vorsitzende in Kerpen, Klaus Ripp, am Donnerstag.

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken forderte in einer Reaktion auf Spürcks Interview: „Wir dürfen nicht zulassen, dass sich hier ein Klima aus Hass und Angst breit macht. Ob gegen Politik, Medien, Staat, ob gegen Minderheiten oder Andersdenkende – gewalttätiger Hass muss bestraft werden!“, schrieb sie bei Twitter.

Der Bürgermeister von Kamp-Lintfort, Christoph Landscheidt (SPD), hatte eine bundesweite Debatte über die Sicherheit von Kommunalpolitikern ausgelöst, nachdem er von Bedrohungen aus der rechten Szene berichtet und sogar einen Waffenschein beantragt hatte. Er erhält inzwischen Personenschutz.

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