Vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit – nur wenige überlebten
Erinnerung, die schmerzt und mahnt

Oswiecim (WB). Viele reden. Einige, so scheint es, sogar vom Discobesuch am Vorabend. Viele andere schweigen, zeigen betretene Gesichter. Vielleicht sind sie unsicher, wie sie das Bevorstehende bewältigen werden. Das Bevorstehende, das ist ein Besuch im Konzentrationslager Auschwitz.

Donnerstag, 23.01.2020, 18:12 Uhr aktualisiert: 24.01.2020, 08:48 Uhr
Schockierende, anrührende Naivität eines Kindes: eine Zeichnung des Lagers Auschwitz.. Foto: Foto: Bernhard Hertlein
Schockierende, anrührende Naivität eines Kindes: eine Zeichnung des Lagers Auschwitz.. Foto: Bernhard Hertlein

Was ist in dieser Situation das angemessene Verhalten? Manche nutzen die Zeit in der Warteschlange für die ersten Selfies. Sie hören damit auch nicht auf, als sie den Eingang passieren – den Eingang zur Hölle mit dem bekannten Schriftzug: „Arbeit macht frei.“ Selfies mit dem deutschen Vernichtungslager Auschwitz im Hintergrund – ist das nicht würdelos? Vielleicht. Aber vielleicht auch eine Botschaft.

Seit 1979 ist Auschwitz Unesco-Welterbe

Über die sozialen Netzwerke verbreitet, sagt es immerhin: Ich war da. Ich habe das Unvorstellbare gesehen. Ich kann davon Zeugnis ablegen – auch dann, wenn es 75 Jahre nach der Befreiung bald kaum noch Zeitzeugen für den millionenfachen Massenmord geben wird.

Besucher vor dem Eingang des Konzentrationslagers.

Besucher vor dem Eingang des Konzentrationslagers. Foto: Hertlein

Auschwitz – auf Polnisch: Oswiecim – ist eine Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Vernichtungslager im damals besetzten Polen, am einfachsten über die Stadt Krakau erreichbar. Seit 1979 ist es Unesco-Welterbe. Der Eintritt ist frei. Nur den „Guide“ – das Wort „Führer“ verbietet sich in diesem Zusammenhang – muss man bezahlen. Und seinen Ausweis vorlegen.

Wohl, weil verhindert werden soll, dass Nazis das Erbe schänden und besudeln. Selfies an diesem Ort mit dem Hitlergruß – das Unglaubliche ist schon vorgekommen. Zwischen 1940 und 1945 starben im deutschen Konzentrationslager Auschwitz etwa 1,3 Millionen Menschen. Die meisten wurden gar nicht registriert, sondern im etwa drei Kilometer vom Stammlager I entfernten Lager Birkenau direkt von den Bahngleisen in die Gasanlagen gezwungen.

Zwangsarbeit und Exekution am Galgen

Registriert wurden mehr als 400 000. Von ihnen starben mehr als die Hälfte an den Folgen von massiver Unterernährung, Zwangsarbeit, von den medizinischen Versuchen des Lagerarztes Josef Mengele, durch Exekution am Galgen, durch Erschießen an der „Schwarzen Wand“ oder durch Selbstmord, indem sie sich in den elektrischen Lagerzaun stürzten.

Koffer der in Auschwitz vergasten Häftlinge.

Koffer der in Auschwitz vergasten Häftlinge. Foto: Hertlein

Die Mehrzahl – bis zu 1,1 Millionen – der Ermordeten waren europäische Juden. Hinzu kamen Sinti und Roma, polnische Widerstandskämpfer, sowjetische Kriegsgefangene, Homosexuelle, politische Gegner. In den Baracken dokumentieren Ausstellungen ihre Herkunft und ihr Schicksal. Beim Gang zu den Schlaf- und Waschräumen passieren die Besucher unzählige Bilder mit Namen und Lebensdaten von Auschwitz-Opfern, alle in den typischen Sträflings-Lager- Kleidern.

Schwer zu sagen, was am meisten schockiert. Diese Porträtfotos. Oder die Baracken. Die Hin- richtungsstätten. Oder die Original- Stammkarten, zum Teil mit den Umständen der Verhaftung. Oder die riesigen Ansammlungen von Koffern, Schuhen, Taschen, Brillen. Oder die Kinderzeichnungen aus dem Ghetto und den Lagern. Oder die Reste der Gaskammern und Verbrennungsöfen.

Angela Merkel: Wir empfinden tiefe Scham

Nach den Kanzlern Helmut Schmidt und Helmut Kohl war 2019 auch Angela Merkel in Auschwitz. Sie brachte die Zusage mit, den Erhalt des Museums Auschwitz mit 60 Millionen Euro zu unterstützen. Gleich zu Beginn ihrer Rede in der Gedenkstätte sagte Merkel, sie empfinde tiefe Scham. Im Blick auf Deutschland mahnte sie: „Wir erleben einen Besorgnis erregenden Rassismus, eine zunehmende Intoleranz, eine Welle von Hassdelikten.“

Die Gleise im Lager Birkenau führten für mehr als eine Million Menschen in den Tod.

Die Gleise im Lager Birkenau führten für mehr als eine Million Menschen in den Tod. Foto: Hertlein

Auschwitz mahne täglich, wachsam zu sein. „Wir dürfen niemals vergessen. Einen Schlussstrich kann es nicht geben. Und auch keine Relativierung.“ Besucher aus Deutschland werden in Auschwitz oft genug daran erinnert, dass es deutsche SS war, die das Lager aufgebaut und den Massenmord organisiert hat. Die englischsprachigen Guides sprechen in der Regel nicht von „Nazis“, sondern von „the Germans“. Auschwitz gibt Tätern und Opfern Gesicht.

Allen voran bei den Tätern Mengele und dem 1947 in Polen hingerichteten Auschwitz- Kommandanten Rudolf Höß. Gleich nach Betreten des Konzentrationslagers wird an das Lagerorchester erinnert, das bei der Rückkehr der Häftlinge von der Zwangsarbeit aufspielen musste. Anita Lasker-Wallfischs Erinnerungen kommen dabei in Erinnerung. Eine Ausstellung widmet sich den wenigen Überlebenden, die für die Verbrennung und Beseitigung der Leichen verantwortlich gewesen sind. Die meisten wurden kurz vor Schluss noch selbst hingerichtet.

Bislang 25 Millionen Besucher

Seit der Eröffnung kamen mehr als 25 Millionen Besucher nach Auschwitz. 2019 waren es 2,3 Millionen. Die Zahl steigt kontinuierlich. Die größte Gruppe stellen Polen. Danach folgen Bürger aus Großbritannien und den USA. Danach etwa gleichauf Italiener, Deutsche, Spanier, Franzosen und Israelis. Die Zahl der Deutschen – etwa 80 000 – schwankt, ist aber nicht gestiegen. Besonders groß ist das Interesse an Pater Maximilian Kolbe, der in dieser Hölle zum Helden wurde, weil er für einen anderen Häftling in den Hungerbunker ging und starb. Das Schicksal Anne Franks, die in Theresienstadt ermordet wurde, spielt in der Ausstellung über die Juden in den Niederlanden eine Rolle.

 

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