Von Genf bis Reykjavik
Corona global: Wie ein Virus die Welt verändert

Wo bereitet das Coronavirus gerade die größten Probleme? Wo beginnt die Rückkehr in die Normalität? Und welche Hilfen gibt es für die betroffenen Menschen? Diesen Fragen sind Korrespondenten der dpa in aller Welt nachgegangen - von Minsk über Genf bis Reykjavik.

Freitag, 08.05.2020, 15:36 Uhr aktualisiert: 08.05.2020, 15:40 Uhr
Ein Polizeibeamter im indischen Chennai trägt einen Helm, der einem Virus ähnelt, und weist Pendler auf die Einhaltung der Ausgangsbeschränkungen hin.
Ein Polizeibeamter im indischen Chennai trägt einen Helm, der einem Virus ähnelt, und weist Pendler auf die Einhaltung der Ausgangsbeschränkungen hin. Foto: R. Parthibhan

Berlin (dpa) - Der erste Schreck ist vorbei, doch die Corona-Krise noch lange nicht. Überall auf der Welt versuchen die Menschen, eine Balance zu finden aus Vorsicht und Vergnügen.

Ganz locker nimmt es der Präsident der autoritär regierten Republik Belarus: Küssen geht - aber bitte keine neuen Frauen. In den USA greifen Menschen, denen die Corona-Auflagen zu weit gehen, auch mal zur Waffe. Und in Wien und Salzburg rollen die Fiaker wieder.

BELARUS - Feiern erlaubt, Fremdküssen verboten

Orchester probten, und Straßenkehrer machten die Hauptstadt schick: Die große Parade zum Sieg über Nazi-Deutschland am 9. Mai in Belarus (Weißrussland) steht trotz Corona-Pandemie. Präsident Alexander Lukaschenko will sich dieses Fest nicht nehmen lassen - auch wenn in der Ex-Sowjetrepublik schon mehr als 20.000 Menschen infiziert sind. Am Siegestag will er hochbetagte Veteranen und sogar internationale Staatsgäste in Minsk empfangen. Lukaschenko könne diesen Augenblick genießen, schreiben Kommentatoren in Belarus; nun werde Minsk das Zentrum der Feierlichkeiten im postsowjetischen Raum werden. Denn sogar Kremlchef Wladimir Putin verschob seine riesige Parade in Moskau vorsorglich auf unbestimmte Zeit.

Kritik an der Parade gibt es nicht nur von der Weltgesundheitsorganisation WHO, sondern auch von den eigenen Landsleuten. Doch Lukaschenko, der oft als letzter Diktator Europas bezeichnet wird, lässt das unbeeindruckt. «Wir machen das so wie immer», sagte der Staatschef zur Kritik der Agentur Belta zufolge.

In dem autoritär regierten Land gibt es entgegen dem weltweiten Trend ganz eigene Regeln: Fußballspiele sind erlaubt, Veranstaltungen werden durchgezogen. Ein Teil der Bevölkerung ist aber so besorgt, dass er freiwillig in die Selbstisolation geht, wie lokale Medien berichten. Lukaschenko versucht nun, mit einem Kuss-Ratschlag an die Bevölkerung das Virus in Schach zu halten. «Wenn du bereits jemanden geküsst hast, mach mal weiter», sagte er. Der Mann solle dann aber nicht noch mit anderen Frauen anbandeln. So werde das Virus nicht weiter verbreitet.

SCHWEIZ - Auch in der Schweiz gibt es Notleidende

Auch in der eigentlich wohlhabenden Schweiz mit gutem Sozialnetz bringt die Corona-Krise viele Menschen in Not. Bei einer Essensausgabe des Hilfswerks «Caravane de la Solidarité» (Karawane der Solidarität) in Genf bildete sich am vergangenen Wochenende eine einen Kilometer lange Schlange. Viele der Anstehenden waren Ausländer ohne Aufenthaltspapiere, die sich sonst mit Schwarzarbeit durchschlagen. Aber auch legal Beschäftigte seien betroffen, sagte Stefan Gribi, Sprecher von Caritas Schweiz, dem Schweizer Fernsehen. «In der Schweiz lebt rund eine halbe Million Menschen ganz knapp über der Armutsgrenze. Wenn bei diesen ein Teil des Einkommens wegfällt, sind sie in einer schwierigen Situation.»

RUMÄNIEN - Ex-Politiker plant absichtliche Coronavirus-Infektion

Der rumänische Möbelfabrikant und frühere liberale Politiker Viorel Catarama Leben will sich zum Entsetzen seiner Ehefrau absichtlich mit dem Virus Sars-CoV-2 infizieren lassen, um zu beweisen, dass man im Fall der Pandemie «aus einer Mücke einen Elefanten» gemacht habe, wie die rumänische Boulevardzeitung «Ciao» berichtete. Seine Frau, die in Rumänien prominente Ärztin Adina Alberts, will deswegen zusammen mit der kleinen Tochter des Paares aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen. «Unsere Wege trennen sich für eine Weile», schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite. Ihr Mann sehe die Corona-Pandemie vor allem als Bedrohung für die Wirtschaft. «Er will dies allen beweisen, indem er sich einem riskanten Experiment unterzieht». Dies könne sie als Ärztin und Mutter nicht gutheißen. Auf welche Weise sich der 65-jährige Catarama, einer der reichsten Rumänen, mit dem Coronavirus infizieren will, wurde zunächst nicht bekannt.

ÖSTERREICH - Erste Fiaker sind wieder zurück - Aber maues Geschäft

In Wien und Salzburg sind die ersten Fiaker wieder zurück auf der Straße, warten aber oft vergeblich auf Kunden. «Die Situation ist sehr trist», sagte Werner-Christoph Kaizar von der Initiative «Pro Fiakerkultur» in Wien. Die Touristen, die bisher 95 Prozent aller Kutschfahrten buchten, fehlten. Nun versuche die Branche, die Einheimischen für die Fahrten im Fiaker zu begeistern. Nach siebenwöchiger Pause wegen der Corona-Krise sind auch in Salzburg einige Kutschen unterwegs. Von den üblichen 14 Kutschen stünden nun sieben bereit, sagte Branchensprecher Franz Winter jüngst dem Online-Portal «Salzburg24». «Wir haben unser Angebot derzeit halbiert, damit jeder die Chance hat, wenigstens ein kleines Geschäft zu machen», so Winter. Der Kutscher trage eine Maske, nach jeder Fahrt werde desinfiziert.

Wien unterstützt die 21 Fiakerbetriebe mit ihren mehr als 300 Pferden. Von der Stadt gebe es drei Monate lang pro Pferd pro Monat 250 Euro, sagte Kaizar. Allerdings decke das bei weitem nicht die Gesamtkosten für Futter, Kutscher, Pferdepfleger, Hufschmied, Tierarzt und Miete. Insgesamt seien in Wien rund 1000 Arbeitsplätze in der Fiaker-Branche bedroht. In der Krise sei allerdings die Kritik an der Branche verstummt, meinte Kaizar. Es sei von der Stadt ein neues Bekenntnis zu diesem Wahrzeichen zu spüren. Die Fiakerfahrten zählten laut Umfragen zu den wichtigsten Gründen für Städtetouristen nach Wien zu kommen.

Auch ohne Gäste würden die Tiere auf der Koppel oder mit Trainingskutschen bewegt, sagte Kaizar. «Das Fiakerpferd möchte arbeiten.»

GROSSBRITANNIEN - Kontroverse um angepeilte Lockerungen

In Großbritannien wird mit großer Spannung die Rede von Premierminister Boris Johnson am Sonntag zum weiteren Vorgehen in der Corona-Krise erwartet. Schon im Vorfeld gab es mächtig Ärger darum: Es wird befürchtet, dass geplante Lockerungen erste Erfolge im Kampf gegen das Coronavirus wieder zunichte machen könnten. Denn Großbritannien ist Statistiken zufolge das Land mit den meisten Corona-Toten in Europa. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus: Demnach könnten sogar schon mehr als 50.000 Menschen an Covid-19 gestorben sein. Johnson teilte mit, dass erste - vorsichtige - Lockerungen schon am Montag umgesetzt werden könnten.

Der «Telegraph» berichtete am Freitag, dass - wo immer es möglich ist - die Briten den Regierungsplänen zufolge weiter zu Hause arbeiten sollten. Wer aber zu seiner Arbeitsstätte müsse, sollte möglichst das Fahrrad und nicht die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Arbeitgeber müssten Handdesinfektionsmittel zur Verfügung stellen. Schon zuvor hatten britische Medien berichtet, dass Johnson wohl die Öffnung weiterer Parks und Cafés im Freien verkünden werde. Auf ihr geliebtes Pint im Pub müssen die Briten aber wohl noch verzichten.

INDIEN - Eine der größten Rückholaktionen der Welt gestartet

Indien hat eine der größten Aktionen der Welt zur Rückholung im Ausland gestrandeter Bürger begonnen. Insgesamt sollen mindestens 190.000 Inder nach Hause geholt werden - und diese Zahl wird sich nach Angaben des Zivilluftfahrtministers Hardeep Puri vermutlich um ein Vielfaches erhöhen. Die Bundesrepublik Deutschland hatte mehr als 240.000 Deutsche heimgeholt.

Die ersten Flieger aus Abu Dhabi und Dubai trafen Donnerstagnacht im südindischen Kerala ein. Ein Schwerpunkt der Rückholaktion sollen zunächst die Golfstaaten sein, wo Millionen Inder als günstige Arbeitskräfte gearbeitet hatten - viele haben inzwischen ihre Arbeit verloren.

Innerhalb einer Woche sollten zunächst rund 14 800 Inder mit 64 Flugzeugen aus 12 Ländern zurückgeflogen werden, hieß es von Indiens Zivilluftfahrtministerium. Es dürften nur Leute zurück, die keine Covid-19-Symptome zeigten. Für die Rückholaktion müssen die Betroffenen zwischen umgerechnet knapp 150 und rund 1220 Euro zahlen.

Nach der Ankunft müssen Rückkehrer zwei Wochen in einem Krankenhaus oder einer anderen staatlichen Institution in Quarantäne und werden anschließend auf das Coronavirus getestet. Zur Sicherheit müssen alle eine Kontaktverfolgungs-App der Regierung herunterladen. Diese App hatten im 1,3-Milliarden-Einwohner-Land in den vergangenen Wochen mehr als 90 Millionen Menschen installiert. Kritiker befürchten, dass sie bald für alle obligatorisch wird - in einem Land ohne nationales Datenschutzgesetz.

USA - Die Nerven liegen blank

In den USA wachsen Unmut und Verzweiflung angesichts der Auswirkungen der Corona-Krise - das lassen zumindest dramatische Einzelfälle annehmen, die in den vergangenen Tagen Schlagzeilen gemacht haben. Eine Kundin eröffnete am Mittwochabend im Bundesstaat Oklahoma in einem McDonald's das Feuer auf das Personal - aus Empörung darüber, dass sie sich nicht in dem geschlossenen Restaurantbereich aufhalten durfte. Vier Menschen wurden verletzt. Ein Wachmann im US-Bundesstaat Michigan wurde vergangene Woche erschossen, nachdem er darauf bestanden hatte, dass die Tochter einer Kundin wie vorgeschrieben in einem Laden eine Schutzmaske trägt.

Ein Schlaglicht auf die laufende Debatte über die Wiedereröffnung der Wirtschaft - die einigen zu schnell, anderen zu langsam geht -, warf eine Frau in Texas. Sie kam kurzzeitig ins Gefängnis, weil sie ihren Friseursalon nicht geschlossen hatte. Bei einer Gerichtsverhandlung war ihr US-Medienberichten zufolge ein Deal angeboten worden: Dass sie trotz der Öffnung des Ladens nicht ins Gefängnis müsse, wenn sie sich entschuldige und zugebe, dass ihr Handeln egoistisch gewesen sei. Luther soll geantwortet haben: «Ich muss Ihnen widersprechen, Sir, wenn Sie sagen, dass ich egoistisch bin, denn meine Kinder zu ernähren, ist nicht egoistisch.» Am Donnerstag verfügte der Supreme Court im Bundesstaat ihre Freilassung. Auch US-Präsident Donald Trump begrüßte das. Er dringt darauf, dass die schwer getroffene Wirtschaft rasch zur Normalität zurückkehrt.

ISLAND - Kaum noch Neuinfektionen im hohen Norden

Gute Nachrichten aus dem hohen Norden: Auf Island steckt sich kaum noch jemand mit dem Coronavirus an. An vier von fünf Tagen meldeten die isländischen Behörden in dieser Woche keinen einzigen neuen Corona-Nachweis, nur am Donnerstag kamen zwei Infektionsfälle hinzu. Damit steht die Nordatlantik-Insel mit seinen rund 360.000 Einwohnern nun bei 1801 bestätigten Corona-Fällen.

Nur zehn Covid-19-Erkrankte sind auf Island bislang gestorben, 1765 andere haben sich von der Erkrankung dagegen mittlerweile wieder vollständig erholt, darunter eine 102-Jährige aus Bolungarvík in den isländischen Westfjorden: Wie der Rundfunksender RÚV berichtet, hat die alte Frau vor vielen Jahrzehnten bereits eine Tuberkulose-Erkrankung überstanden. Den erfolgreichen Kampf gegen Covid-19 feierte sie demnach damit, dass sie ihr Enkelkind wiedersehen konnte - zum ersten Mal seit zwei Monaten.

Bereits seit Mitte April gab es täglich immer nur vereinzelte Neuinfektionen in Island, seit über zwei Wochen sind pro Tag nie mehr als fünf neue Fälle hinzugekommen. Die Isländer profitieren von den positiven Entwicklungen: Ab dem 25. Mai sollen wieder Versammlungen mit voraussichtlich bis zu 100 Menschen erlaubt sein, auch Fitnessstudios sollen dann wieder öffnen dürfen. Eine Woche zuvor können dies bereits Schwimmbäder wieder tun. Schulen sind schon wieder zum Normalbetrieb zurückgekehrt, auch Universitäten und Hochschulen sowie Friseure, Masseure, Schönheitssalons, Zahnärzte und Museen konnten wieder öffnen.

BALTIKUM - Bürger sollen über Ländergrenzen reisen können

Die Einrichtung von eingeschränkten Reisezonen im Zuge der Lockerungen von Corona-Vorschriften wird zurzeit von etlichen Ländern diskutiert. Die baltischen Staaten sind bereits einen Schritt weiter: Estland, Lettland und Litauen werden zum 15. Mai ihre gegenwärtig geschlossenen gemeinsamen Grenzen wieder öffnen. Die Bürger der drei Nachbarländer im Nordosten Europas dürfen dann wieder frei innerhalb des Baltikums reisen. 

«Die Idee ist sehr elementar. Wir vereinen drei Länder in einem gemeinsamen Raum. Das bedeutet, dass Menschen von Litauen nach Estland ohne Einschränkungen durch Lettland reisen können und umgekehrt», sagte Lettlands Regierungschef Krisjanis Karins. Sein estnischer Amtskollege Jüri Ratas twitterte: «Es ist ein großer Schritt in Richtung normales Leben.»

Esten, Letten und Litauer, die aus anderen Ländern einreisen, müssen sich 14 Tage in Quarantäne begeben. Darüber hinaus sollen gemeinsame Vorgaben ausgearbeitet werden, die nach der Öffnung der Grenzen in allen drei Baltenstaaten gelten. Der Mini-Schengenraum im Baltikum mit rund 6 Millionen Einwohnern könnte nach Angaben aus Tallinn, Riga und Vilnius möglicherweise bald auch noch auf Finnland und Polen ausgeweitet werden.   

Estland, Lettland und Litauen hatten früh mit strikten Maßnahmen auf die Ausbreitung des Coronavirus reagiert. Im internationalen Vergleich sind die Infektionszahlen eher gering. 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7401458?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2198335%2F
Stornierte Klassenfahrten: NRW zahlt mehr als 25 Millionen
Symbolbild. Foto: Tom Mihalek/dpa
Nachrichten-Ticker