Clemens Tönnies spricht über den Corona-Ausbruch im Fleischkonzern, die Rolle als Buhmann der Nation, Vorwürfe im Faktencheck und die Zukunft der Werkvertragsarbeiter
Clemens Tönnies: „Wir haben uns immer an Recht und Gesetz gehalten“

Rheda-Wiedenbrück (WB). Rund vier Wochen lang hat nach dem massiven Corona-Ausbruch mit mehr als 1400 infizierten Mitarbeitern die Arbeit in Deutschlands größtem Schlachthof geruht. Jetzt wird bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wieder geschlachtet und zerlegt. Dazwischen galten für 13 Tage Lockdown-ähnliche Beschränkungen für die Bürger im Kreis Gütersloh. Firmenchef Clemens Tönnies und sein Unternehmen stehen im Zentrum der Kritik – wegen der massenhaften Corona-Fälle, aber auch wegen der Lebens- und Arbeitsbedingungen tausender Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa, die für den Fleischkonzern tätig sind. Im Interview mit dem WESTFALEN-BLATT spricht Tönnies über Verantwortung, Ursachen und Konsequenzen der Krise, Vorwürfe und rechtsstaatliche Prinzipien sowie Wiedergutmachung.

Samstag, 18.07.2020, 04:01 Uhr aktualisiert: 19.07.2020, 08:22 Uhr
Clemens Tönnies ist geschäftsführender Gesellschafter von Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück. Foto: David Inderlied/dpa
Clemens Tönnies ist geschäftsführender Gesellschafter von Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück. Foto: David Inderlied/dpa

Herr Tönnies, durch den Corona-Ausbruch in Ihrem Unternehmen und die Auswirkungen sind Sie zum Buhmann der Nation geworden. Wie gehen Sie damit um? Welcher Schuld sind Sie sich bewusst?

Clemens Tönnies: Wir wissen bis heute nicht, welchen Rechtsbruch wir begangen haben sollen. All die Kritiker haben bis dato nicht eine einzige konkrete Aussage dazu getroffen. Natürlich leide ich emotional, weil der Kreis Gütersloh meine Heimat ist. Und natürlich leide ich mit den Menschen, die einen Lockdown über sich ergehen lassen mussten. Wir müssen jetzt aber nach vorne schauen. Wir müssen die Produktion wieder ans Laufen bringen – und zwar so, dass wir die möglichen Risiken weiter reduzieren. Auf Null lässt sich das nicht bringen, das Virus lässt sich nicht einfangen. Doch wir bauen Barrieren auf, so wie wir es seit Februar gemacht haben. Diesen Weg haben wir jetzt weiter verstärkt, und die wissenschaftliche Expertise eins zu eins umgesetzt.

Wie muss man sich die Wiederaufnahme des Betriebs vorstellen – auf welchem Niveau, mit wie vielen Mitarbeitern?

Tönnies: Wir haben mit den Behörden und der Wissenschaft abgestimmt, zunächst im Einschichtbetrieb zu starten. Die Vorgaben der Behörden und die wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen sich jetzt einspielen. Danach fahren wir den Betrieb sukzessive hoch. Unser gemeinsames Ziel mit Behörden und Politik ist es, den Betrieb sicher wieder ans Laufen zu bekommen, um damit die landwirtschaftliche Produktionskette aufrecht zu erhalten.

 

Welche Reaktionen haben Sie von Bürgern bekommen? Haben Sie Mails, Briefe, Anrufe erhalten?

Tönnies: Ich habe unglaublich viele Schreiben bekommen, natürlich auch negative, aber auch viel Rückhalt. Was mich getroffen hat, sind auch einige ernstzunehmende Morddrohungen gegen meine Familie und mich. Das belastet einen natürlich.

 

Es ist viel Kritik auf Sie eingeprasselt. In welchen Punkten können Sie diese nachvollziehen – in welchen sehen Sie sich zu Unrecht an den Pranger gestellt?

Tönnies: Wir sind sehr ernsthaft an das Thema Corona herangegangen, haben früh angefangen, Schutzhürden aufzubauen. Deswegen standen wir ja in der vom Ministerium durchgeführten Testung Mitte Mai sehr gut da, kamen mit acht Infizierten bei 6400 getesteten Personen auf eine gute Quote. Da gab es bei anderen Betrieben längst massive Probleme. Das hat uns aber nicht dazu bewogen, die Hände in den Schoß zu legen. Wir haben weitergemacht und unser eigenes Testcenter in Zusammenarbeit mit einem akkreditierten Labor auf die Beine gestellt. Dort haben wir alle Mitarbeiter getestet, die längere Zeit nicht im Betrieb waren oder aus dem Urlaub gekommen sind. Letztlich war es dann ja auch Mitte Juni unsere eigene Testreihe, die ersichtlich gemacht hat, dass wir Auffälligkeiten haben.

 

Daten und Fakten zum Tönnies-Konzern

Deutschlands größter Fleischkonzern Tönnies mit Hauptsitz in Rheda-Wiedenbrück beschäftigt insgesamt 18.734 Mitarbeiter – die Hälfte davon bislang über Subunternehmen tätige Werkvertragsarbeiter. Der Umsatz des Branchenführers belief sich im zurückliegenden Jahr auf den Rekordwert von 7,3 Milliarden Euro. Zum Konzern gehört inzwischen auch die Zur-Mühlen-Gruppe mit Wurstmarken wie Böklunder, Nölke oder Marten.

2019 wurden in den Fleischwerken von Tönnies insgesamt 20,8 Millionen Schweine und 440.000 Rinder geschlachtet. In Rheda-Wiedenbrück werden im Schnitt täglich 20.000 bis 25.000 Schweine geschlachtet. Der mengenmäßige Exportanteil lag zuletzt bei 52 Prozent. China gilt als einer der wichtigsten Auslandsmärkte. Dort plant der Konzern gemeinsam mit einem lokalen Partner ein 500 Millionen Euro schweres Joint-venture, das den Bau von Mastanlagen, eines Schlachthofes sowie eines Zerlegebetriebs vorsieht.

Geführt wird das 1971 von Bernd Tönnies gegründete Unternehmen seit dessen Tod 1994 von seinem Bruder Clemens Tönnies. Der heute 64-Jährige hält mit seinem Sohn Maximilian (30), der als Geschäftsführer aktiv ist, 50 Prozent der Anteile. Die andere Hälfte am Konzern gehört Robert Tönnies (42), einem Sohn des Firmengründers. Beide Seiten sind seit Jahren zerstritten. Robert Tönnies hat Schiedsklage eingereicht, mit der er die Trennung anstrebt.

...

An welcher Stelle ist in Ihrem Unternehmen etwas falsch gelaufen? Warum haben die Schutzmaßnahmen den Corona-Ausbruch nicht verhindert, so dass es letztlich zur behördlichen Schließung gekommen ist?

Tönnies: Wir haben bis heute keine schriftliche Schließungsverfügung. Das finde ich nach über vier Wochen schon sehr verwunderlich, schließlich braucht diese behördliche Anordnung eine ordentliche Begründung. Wir haben das mehrfach vergeblich angefordert und trotzdem zeitgleich eng mit den Behörden und Wissenschaftlern gearbeitet. Inzwischen steht durch die Arbeit der Wissenschaftler fest, dass der Ausbruch erstens mit einem Phänomen zu tun hatte, das bis dato keiner kannte – und zweitens nichts mit Werkvertragsarbeit oder den Wohnverhältnissen zu tun hat. Wir sind durch einen Eintrag von Viren in der Phase der Lockerungen betroffen gewesen. Da ist es zu einem Kontakt von Infizierten mit Mitarbeitern gekommen. Das kann man nie ganz verhindern. Das ging anderen auch so. Professor Exner hat jetzt ermittelt, dass die Umluftkühlung, die eigentlich jeder Fleischbetrieb hat, ursächlich für die plötzliche und massive Ausbreitung ist. Er hat auch klar gesagt, dass das kein Tönnies-Problem ist. Sondern ein neues Phänomen, das zuvor nicht bekannt war. Ein Problem der Branche – und zwar weltweit.

 

Bei Arbeitsschutzkontrollen sind Mitte Mai aber zu geringe Abstände zwischen Mitarbeitern in der Produktion, zwischen Nutzern der Kantine sowie das nicht korrekte Tragen von Mund-Nasen-Schutz beanstandet worden. Wie konnte es zu diesen Verstößen kommen?

Tönnies: Wir sind intensiv kontrolliert worden. Uns ist bescheinigt worden, dass unser Konzept in vollem Einklang mit den Vorgaben und Empfehlungen der Behörden steht. Einzelne Beanstandungen in der Umsetzung sind umgehend abgestellt worden.

 

Haben Sie, haben die Behörden zu spät auf die ersten positiven Befunde reagiert?

Tönnies: Wir haben unverzüglich alle Befunde weitergegeben. Am 17. Juni bin ich ins Kreishaus gefahren und habe gesagt, wir haben jetzt 400 Fälle. Jetzt geht es nicht mehr um Tönnies, jetzt geht es um unseren Kreis und die Menschen hier. Deshalb stecken wir zurück. Ich hatte an dem Tag schon morgens, als die Befunde auf dem Tisch lagen, alle Lebendtiertransporte abgemeldet, damit wir nicht in einen Verarbeitungsdruck kommen. So haben wir die Schlachtung dann sofort eingestellt.

Wie wollen Sie verhindern, dass sich ein Corona-Ausbruch im Betrieb wiederholt?

Tönnies: Wir sagen dem Virus den Kampf an. Wir haben jetzt vier Wochen lang Tag und Nacht gerackert, um den Betrieb jetzt möglichst sicher wieder ans Laufen zu bringen. Kernelement ist die Lüftungstechnik. Hier haben wir zahlreiche Hepa-Filter der höchsten Klasse installiert sowie UV-Bestrahlungsanlagen. Zudem wird intensiv getestet, jeder Mitarbeiter zwei Mal pro Woche. Wir haben die Einhaltung der Mindestabstände optimiert, haben dort, wo Mindestabstände nicht einzuhalten sind, Trennungen aus Plexiglas installiert. Insgesamt haben wir in unserem erweiterten Hygienekonzept die Vorgaben der Experten umgesetzt und setzen damit maßgebliche Standards für die gesamte Branche. Auf Null wird sich das Risiko aber nie reduzieren lassen – das klappt ja auch nicht im normalen Alltagsleben.

 

Wie umfassend und wie teuer waren die Umrüstarbeiten an der Umluftkühlung?

Tönnies: Wir werden jetzt unsere ohnehin bestehende Technik als Lebensmittelhersteller nochmals weiterentwickeln. Die Kosten für die Sicherstellung der Produktion spielen für mich jetzt überhaupt keine Rolle.

 

Ihr Unternehmen hatte kurz vor der Schließung die Lüftung in der Zerlegung als mögliche Schwachstelle erkannt und Gegenmaßnahmen angekündigt. Wann wussten Sie, dass die Klimatechnik an dieser Stelle womöglich eine Virenschleuder ist?

Tönnies: Das ist so nicht richtig. Wir produzieren in höchsten Qualitätsstandards ein Lebensmittel, mit der geringst möglichen Verkeimung. Dem haben wir alles untergeordnet. Doch das Wissen der Pandemie gab es bis 2020 nicht. Als wir dieses Werk gebaut und weiterentwickelt haben, ist es immer um das Produkt gegangen und die Einhaltung des Hygiene- und Arbeitsschutzes. Die Corona-Gefahr durch Aerosole ist ja erst in den vergangenen Wochen ins Blickfeld der Virologen gekommen. Durch unseren Fall in kalt-trockener Luft ist das Thema jetzt offensichtlich.

 

Wie sieht es mit der Umluftkühlung in Ihren anderen Betrieben und womöglich in der gesamten Branchen aus? Gibt es da jetzt eine Nachrüstpflicht?

Tönnies: Nach unseren Erkenntnissen gibt es momentan weltweit 172 Betriebe unserer Art, die stillstehen oder stillgestanden haben. Auch hier sehen wir, das ist kein Tönnies-Fall. Wir haben gleichzeitig in unseren anderen Betrieben bei bislang gleichen Bedingungen glücklicherweise keinen solchen Corona-Ausbruch gehabt. Wir werden jetzt alle Betriebe umrüsten. Es ist wichtig, dass die Standards jetzt vom Gesetzgeber verpflichtend für alle vorgegeben werden. Meines Wissens gibt es bislang dafür noch keine behördliche Anordnung.

 

Wie gehen Sie mit der massiven Kritik vor allem aus der Politik um?

Tönnies: Viele Aussagen kommen von Leuten, die daraus politisches Kapital schlagen wollen, die mich und unser Unternehmen dafür nutzen wollen. Ich stehle mich aus keiner Verantwortung. Doch ich bin nicht Corona. Es hat uns erwischt, darunter haben wir massiv gelitten. Alle miteinander, insbesondere die Bürger in den beiden Kreisen. Doch wir müssen auch bei der Wahrheit bleiben. Deswegen haben wir im Übrigen einen Faktencheck eingeführt, in dem wir die Aussagen abgleichen mit der Wahrheit. Wir haben beispielsweise nie wissentlich erkrankte Menschen arbeiten lassen, wie es manche behauptet haben. Ich bin sehr gespannt, was die einzelnen Politiker in einigen Wochen oder Monaten sagen. Fast alle, die sich geäußert haben, waren noch nie bei uns, haben sich hier nie die Gegebenheiten angeguckt. Es sind Grenzen deutlich überschritten worden. Manch einer hat einen politischen Feldzug gegen Tönnies geführt. Und dagegen wehren wir uns jetzt auch.

 

SPD-Vize Ralf Stegner hat über eine mögliche Haftstrafe für Sie spekuliert. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld führt ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz. Inwieweit fürchten Sie strafrechtliche Konsequenzen?

Tönnies: Wenn sich ein Politiker darin versteigt, die sofortige Inhaftierung zu fordern, frage ich, was ist das für eine Auffassung von Rechtsstaat? Darüber bin ich massiv verwundert. Wir haben uns immer an Recht und Gesetz gehalten. Wenn man uns Rechtsverstöße vorwirft, dann werden wir das sachlich abarbeiten. Punkt. Und wenn sich die Vorwürfe nicht bewahrheiten, dann bin ich gespannt auf die Reaktionen von denen, die so laut gepoltert haben. Wir warten jetzt die Untersuchungen ab, bei denen wir voll kooperieren.

 

In der Politik gibt es Stimmen gegen die industrielle Fleischproduktion. Auch der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) hat gesagt, Tönnies sei wohl zu groß. Was entgegnen Sie?

Tönnies: Wir haben hierzulande eine gute, kleinbäuerliche Struktur. Unsere 12.000 Lieferbetriebe gehen vernünftig mit den Tieren um. Die arbeiten hervorragend. Dass sie relativ klein sind mit durchschnittlich 1250 Schweinen, bringt aber auch Schwächen mit sich, gerade im Vergleich zu so genannten Agrarfabriken, die in den USA hunderttausende Schweine pro Bestand haben. Wir gleichen dies aus als Hochleistungs-Veredelungsbetrieb, der weltweit Premiumfleisch zu einem guten Preis anbietet. Und damit funktioniert diese Kette. Wenn das jemand verändern will, es dafür politische Mehrheiten und eine Rechtsgrundlage gibt, können wir uns dem nicht widersetzen. Dann muss man aber auch wissen, dass sich die Landwirtschaft weiter verändern wird. Ich bin gerne bereit, den Dialog darüber zu führen.

 

Sehen Sie sich auch als Opfer eines Wahlkampfes?

Tönnies: Nein, wir haben in erster Linie für unsere Mitarbeiter, für die Bauern und unsere Kunden dafür zu sorgen, dass wir eine sichere Produktion haben. Ich fühle mich verantwortlich und bin immer einer, der Probleme abstellt, wenn sie auftauchen. Wir haben derzeit Wahlkampf. Es gibt Aussagen, die ich jetzt aber nicht auf die Goldwaage lege. Wir wollen jetzt aus dieser Krise herauskommen und dann wird man sich die Situation ganz nüchtern und in Ruhe anschauen. Was ist eigentlich politischer und behördlicher Wille, was ist betriebswirtschaftlich notwendig. Wir reagieren natürlich als Konzern auf die Anforderungen, in unseren 29 Werken in ganz Europa. Schlussendlich werden wir uns genau ansehen, was wir in Rheda behalten können, und was betriebswirtschaftlich nicht mehr funktioniert und wir dann verlagern müssen. Wir trennen für uns aktuell aber ganz klar, was ist politische Diskussion und was ist Ursache des Ausbruchs.

 

Sie sprechen das Thema Werkverträge sowie die oft kritisierten Lebens- und Arbeitsbedingungen der osteuropäischen Arbeiter an?

Tönnies: Hier werden wir weitere Schritte gehen. Wir werden die Wohnsituation der Beschäftigten in unsere Verantwortung bringen. Wir wollen, dass die 30 Prozent der Mitarbeiter, die heute nicht privat wohnen, zu einem vorgegebenen Standard wohnen können.

 

Sie haben auch angekündigt, wie von der Bundesregierung geplant, bis Jahresende alle Werkverträge abzuschaffen und die Arbeiter direkt anzustellen. Jahrelang haben Sie gesagt, dass sei nicht möglich und werde von den Arbeitern nicht gewollt. Wie und warum soll jetzt die Kehrtwende gelingen?

Tönnies: Weil sich die Ausgangssituation entscheidend verändert hat. Dadurch, dass die Situation damit für alle in der Branche gleich ist, bin ich zuversichtlich, dass wir einen Teil der bisherigen Werkvertragsarbeiter fest bei uns einstellen können. Bis September sollen es in einem ersten Schritt 1000 sein. Wir werden aber auch eine nicht unerhebliche Abwanderung haben von Mitarbeitern, die das System des Werkvertragsarbeiters weitermachen wollen. Ich sehe die Leute dann bei Amazon, der Meyer-Werft oder anderen Branchen. Die Menschen, die bei uns arbeiten, werden überall gerne genommen. Dann muss man schauen, inwieweit die Veredelung in Deutschland noch aufrechterhalten werden kann. Das wird der Markt zeigen.

 

Werden die Arbeiter künftig auch mehr verdienen?

Tönnies: Ich bin dafür, den Mindestlohn für die Fleischwirtschaft erheblich zu erhöhen und allgemeinverbindlich zu machen. Das wird aber im Verband noch diskutiert. Das kann ich nicht alleine machen, da muss die Branche insgesamt mitziehen.

 

Kitas und Schulen sind geschlossen, Urlauber aus dem Kreis Gütersloh nach Hause geschickt, Bürger in anderen Regionen angefeindet und Gastronomen infolge der Einschränkungen um Einnahmen gebracht worden. Wie wollen Sie, wie will der Konzern das im und für den Kreis Gütersloh wieder gutmachen?

Tönnies: Ich habe diese Pandemie nicht erfunden. Mir tut es unendlich leid, dass wir der Auslöser des Lockdowns waren. Deswegen habe ich mich verpflichtet, jeder Bürgerin und jedem Bürger im Kreis Gütersloh im Lockdown einmalig den Corona-Test zu bezahlen. Auch wenn es am Ende 70.000 Tests sind. Das ist konkret und das werde ich auch machen. Aber das ist Goodwill. Wenn einige jetzt sagen, der Deckel mit den Kosten wird immer größer, ist das nicht redlich.

 

Auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat angekündigt, die Haftung des Unternehmens für Kosten und Schäden durch den Corona-Ausbruch prüfen zu wollen. Wie sehen Sie dem entgegen?

Tönnies: Nochmal: Niemand hat bisher etwas Substantielles gesagt zu unserer angeblichen Schuld. Außerdem gab es ja weitere Ausbrüche bei anderen Unternehmen. Wie soll dann dort verfahren worden?

 

Der Betrieb am Stammsitz musste durch die behördliche Schließung vier Wochen ruhen. Wie hoch ist der Produktions- und Umsatzausfall?

Tönnies: Das stand bisher nicht im Fokus, sondern es ging uns in erster Linie um die Gesundheit der Menschen und ihre Sicherheit. Daher haben wir die Kosten noch nicht quantifiziert.

 

Inwieweit sind Sie dagegen versichert?

Tönnies: Ein Bruchteil dieser Kosten kann durch Versicherungen gegebenenfalls gedeckt werden. Im Ergebnis kostet uns die Krise aber natürlich Geld. Aber derzeit haben wir andere Prioritäten.

 

Wie wollen Sie Ihren Ruf wieder aufpolieren?

Tönnies: Indem wir Punkt für Punkt die Fakten klarstellen. Offenlegen, was eigentlich passiert ist. Und indem wir einfach weiterhin einen ehrlichen, guten Job machen.

 

In der Branche heißt es, das Geschäft im wichtigen Exportland China stockt?

Tönnies: Wir sind mit den Chinesen in sehr gutem Austausch. Wir haben uns proaktiv gemeldet und die Belieferung freiwillig gestoppt. Wir müssen den Betrieb jetzt insgesamt wieder anwerfen. Unsere Landwirte leiden unter dem Einbruch des Schweinepreises, den wir jetzt wieder nach oben bringen müssen in eine auskömmliche Richtung.

 

Die Anträge des Konzerns und der Subunternehmen auf Lohnkosten-Erstattung für die Zeit während der Quarantäne und Betriebsschließung sind heftig kritisiert worden. Müssten Sie darauf nicht aus moralischen Gründen verzichten?

Tönnies: Die Frage ist doch: Ist unser Mitarbeiter weniger wert als andere Beschäftigte, die auch Quarantänehilfen bekommen? Das ist für mich eine Frechheit. Wir müssen verhindern, dass Mitarbeiter hier stigmatisiert werden und Dienstleister, die ja nicht nur bei uns arbeiten, in die Insolvenz getrieben werden. Darüber wird im Zweifelsfall auch Recht gesprochen werden.

 

Um wie viel Geld geht es denn eigentlich?

Tönnies: Das ist davon abhängig, wie lange die Quarantäne und Betriebsschließung jeweils dauert. Da haben wir noch keinen Strich drunter gezogen.

 

Welche Rolle, welche Verantwortung hat der Handel, dessen Markt- und Preismacht immer wieder von Herstellern beklagt wird? Und welche Rolle spielt der Verbraucher?

Tönnies: Wir diskutieren ja insgesamt, dass Fleisch zu billig sei. Wir sind und waren immer diejenigen, die ein hochwertiges Lebensmittel zu einem vernünftigen Preis geliefert haben. Tönnies ist nicht billig. Die Politik hat jetzt ja entschieden, etwas beim Fleischpreis ändern zu wollen. Das wird sich im Laden garantiert nicht unerheblich auswirken. Wir haben kein Problem damit, wenn das für alle gleichermaßen gilt. Der Verbraucher muss wissen, dass er tiefer in die Tasche greifen muss. Deswegen unterstützen wir auch die Tierwohlinitiative von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner in vollem Umfang.

 

Apropos Handel. Es heißt, Ihre Produkte seien bei einigen Ketten aus dem Sortiment genommen worden?

Tönnies: Diese Gerüchte sind falsch, wie viele andere Behauptungen auch.

Dass Sie den früheren SPD-Chef und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel als Berater angeheuert haben, ist vielen übel aufgestoßen. Wie bewerten Sie heute sein Engagement und die Kritik, dass es zu viel Nähe zwischen Tönnies und der Politik gibt?

Tönnies: Das ist Unfug. Sigmar Gabriel hat sich genau an die Regeln gehalten mit der Cooling-down-Phase. Dann hat er ein Beratungsprojekt für uns übernommen, bei dem es in erster Linie um Transporte über die Seidenstraße ging. Das ist völlig in Ordnung und nicht zu beanstanden.

Gibt es weitere Beraterverträge mit Politikern?

Tönnies: Nein.

Im Zusammenhang mit dem im Internet aufgetauchten Kantinenvideo hat Ihr Dienstleister die Mitarbeiterin entlassen, die es mutmaßlich gedreht hat. Haben Sie das eingefordert?

Tönnies: Nein.

Ein Wort zu Schalke: Wie schwer ist Ihnen der Rücktritt als Vereinsboss gefallen?

Tönnies: Schalke liegt mir natürlich unglaublich am Herzen. Und das bleibt auch so. Als ich den Entschluss gefasst habe, habe ich die wichtigsten Institutionen und Partner gesprochen und meine Entscheidung erklärt. Wir brauchen jetzt sportlichen Erfolg. Ich werde Schalke nicht den Rücken kehren, werde weiter zu Spielen gehen. Ich kann doch nicht einfach die schönsten 26 Jahre meines Lebens, die ich dort hatte, abhaken.

Hat das Land Ihren Rücktritt gerade in dieser Situation zur Bedingung für eine Landesbürgschaft für den Verein gemacht?

Tönnies: Das ist eine Geschichte, die ich noch nicht gehört habe. Unglaublich, wie viel Unsinn in letzter Zeit erzählt wurde.

Was passiert mit der Kredit­linie von 25 Millionen Euro, die Ihr Konzern Schalke zur Verfügung gestellt hat?

Tönnies: Die ist lange ausgelaufen. Jegliches Engagement wäre immer von privater Seite.

Wie sehr schmerzt es Sie, dass Bundesliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld die Zusammenarbeit mit Ihrem Unternehmen in der Krise beendet hat?

Tönnies: Es passt leider hinein in eine völlig überhitzte Stimmung, geprägt von Hetze und Unsachlichkeit. Ich habe ein sehr ehrliches Entschuldigungsschreiben von Arminia Bielefeld bekommen. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass das, was dort bedauert wird, vorher gegriffen hätte. Dann wäre das so nie passiert. Aber auch hier werde ich weiter zum Fußball gehen.

Ihr Neffe hat Sie in der Krise erneut attackiert und zum Rücktritt aufgefordert. Wie gehen Sie mit diesem internen Störfeuer um?

Tönnies: Überraschen kann mich bei ihm nichts mehr.

Hand aufs Herz – gibt oder gab es für Sie den Gedanken, jetzt mit 64 hinzuschmeißen und Ihr Leben zu genießen?

Tönnies: Nein. Der Kapitän gehört bei rauer See auf die Brücke, nicht in die Koje. Natürlich werde ich hier nicht mit dem Rollator rausfahren. Dafür ist das Leben zu schön. Ich freue mich auf die Geburt meiner zweiten Enkeltochter. Das sind gute Perspektiven.

Wann ist für Sie die Zeit reif für einen Wechsel an der Konzernspitze?

Tönnies: Zuallererst will ich dieses Schiff wieder richtig flottmachen. Die ganze Mannschaft, auch mein Sohn Maximilian, macht einen guten Job. Es geht jetzt erst einmal um die gesamte landwirtschaftliche Produktionskette in Deutschland. Die Bauern brauchen eine Perspektive und wir sorgen mit unserem Betrieb dafür, dass die Wertschöpfung funktioniert und der Schweinepreis wieder nach oben geht.

 

 

Lesen Sie auch:

- Der Fleischkonzern Tönnies im Blickpunkt: Demos und Freigabe vom Kreis

- Kommentar zu Clemens Tönnies und die Politik: Eine Kampfansage

- Das Lockdown-Protokoll: Chronologie der Corona-Krise rund um den Fleischkonzern Tönnies und den Kreis Gütersloh

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7498867?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2198335%2F
Corona-Tests vor dem Trainingsstart
Mannschaftsarzt Dr. Tim Niedergassel nimmt einen Rachen- und Nasenabstrich bei DSC-Profi Reinhold Yabo. Foto: Thomas F. Starke
Nachrichten-Ticker