Neue Studie
Ost und West nach 30 Jahren Einheit: «Erfolgsgeschichte»

Wie stehen die Deutschen heute zueinander, wie unterschiedlich ist das Leben in den Regionen, wo gibt es Trennendes? Wenige Wochen vor dem 30. Jahrestag der Deutschen Einheit gibt eine neue Studie Einblicke.

Donnerstag, 10.09.2020, 17:56 Uhr aktualisiert: 10.09.2020, 18:02 Uhr
Alte Grenzmarkierung an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Geisa in Thüringen.
Alte Grenzmarkierung an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Geisa in Thüringen. Foto: Martin Schutt

Berlin (dpa) - Die Bundesrepublik als Land mit vielfältigen Gegensätzen oder gegensätzlicher Vielfalt, mit weiterer Angleichung, aber auch noch Trennendem zwischen Ost und West - mit diesem Tenor hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine neue Studie zum Stand der Deutschen Einheit präsentiert.

Die Wiedervereinigung sei eine Erfolgsgeschichte, sagt Institutschefin Catherina Hinz. Und der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU) meint, das Fundament der Einheit sei stark, darauf könne weiter aufgebaut werden. «In den letzten 30 Jahren haben wir gemeinsam eine Herkulesaufgabe gemeistert.» Doch Unterschiede gebe es gerade bei der Wirtschaftskraft und den Einkommen.

Zum 30. Jahrestag der Einheit (3. Oktober) beleuchtet die Studie 30 Aspekte des Lebens der Deutschen in Ost und West. Eine Auswahl:

BEVÖLKERUNG: In den ostdeutschen Flächenländern geht die Zahl der Einwohner weiter zurück, seit der Einheit sind es rund 2,2 Millionen Menschen weniger (Ende 2019 rund 12,6 Millionen). In den alten Ländern lag der Zuwachs bei mehr als 5,4 Millionen Menschen. Ost und West seien auf gegensätzlichen demografischen Pfaden unterwegs, so die Autoren. In den Ost-Ländern sowie im Saarland lebten 2019 weniger Menschen als 1991. Vom Rückgang am stärksten betroffen sei Sachsen-Anhalt, das fast jeden vierten Einwohner eingebüßt habe.

EINKOMMEN: Die Ostdeutschen haben im Schnitt noch 14 Prozent weniger Einkommen als Westdeutsche. Haushalte zwischen Rügen und Erzgebirge haben bis heute die Hälfte dessen angespart, was ein Haushalt zwischen Sylt und Alpenrand zurücklegen konnte. Das eigentliche Gefälle beim Einkommen gebe es aber zwischen wirtschaftlich starken Regionen und solchen, die im harten Strukturwandel stecken. Noch zur Jahrtausendwende lagen die einkommensschwächsten Kreise ausschließlich im Osten, inzwischen haben die Bewohner in den Ruhrgebietsstädten Gelsenkirchen und Duisburg das niedrigste Jahreseinkommen.

ZUFRIEDENHEIT: Nie waren die Menschen in Ost und West in den vergangenen 30 Jahren zufriedener als 2019. Dennoch haben im Schnitt vier von zehn Ostdeutschen das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein.

GLAUBEN: Waren in der DDR 37 Prozent der Ostdeutschen Mitglied einer der großen Kirchen, waren es 2018 (einschließlich Berlin) noch 21 Prozent. Der Westen folge dem Trend zur Säkularisierung, so Mitautorin Susanne Dähner. Waren 1987 noch 85 Prozent Kirchenmitglieder, sank der Anteil auf 61 Prozent.

GESCHIRRSPÜLER: Noch 1993 stand im Schnitt in knapp 3 von 100 ostdeutschen Haushalten ein Geschirrspüler, aber in 38 im Westen. Inzwischen wird das Gerät in zwei Dritteln ostdeutscher Haushalte genutzt sowie in 75 Prozent westdeutscher Küchen. Ostdeutsche sind aber weniger vom Nutzen eines Wäschetrockners überzeugt, nur ein Viertel der Haushalte hat ihn. Im Westen gehört der Trockner in jedem zweiten Haushalt zum Inventar.

FRAUEN IM BERUF: War 1991 im Westen die Hälfte der Frauen berufstätig, sind es inzwischen knapp 72 Prozent ähnlich wie in den neuen Ländern. Der Osten war das Vorbild, der Westen hat nachgezogen. Bundesweit verdienen Frauen in 23 von 401 Kreisen mehr als Männer - die Kreise liegen alle im Osten.

KINDER: Bei der Zahl Neugeborener gibt es keine nennenswerten Differenzen mehr. 2019 lag die Geburtenrate bei bundesweit 1,54 Kindern. In der alten Bundesrepublik lag die Quote jahrzehntelang bei etwa 1,4. In der DDR stieg sie 1980 auf 1,94, nach dem Mauerfall sackte die ostdeutsche Geburtenziffer auf den historisch einmaligen Wert von etwa 0,8 ab.

LEBENSERWARTUNG: Zwischen Aachen und Zittau geborene Mädchen können seit Mitte der 2000er Jahre im Schnitt auf 83 Jahre hoffen. Westdeutsche Jungen hingegen können im Schnitt noch auf 1,3 Lebensjahre mehr hoffen als Ostdeutsche. Unterschiede werden durch soziale Ungleichheit bestimmt. Im prosperierenden Baden-Württemberg haben Frauen mit 84 Jahren und Männer mit 80 durchschnittlich das längste Leben. Die niedrigste Erwartung haben Frauen mit 82 Jahren im Saarland und Männer mit 76 Jahren in Sachsen-Anhalt.

© dpa-infocom, dpa:200910-99-504028/4

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