Kampf gegen das Coronavirus
Lauterbach zählt auf das Verhalten der Bürger

Corona bestimmt auch am Wochenende die Tagespolitik. Shutdowns erscheinen wieder möglich, Merkels dramatischer Appell findet nicht nur Unterstützer. Und: Was sagen die Bürger zum Corona-Management?

Sonntag, 18.10.2020, 17:37 Uhr
«Es wird darauf ankommen, wie sich die Bevölkerung verhält. Das ist wichtiger als einzelne Maßnahmen. Viele Auflagen lassen sich ohnehin schwer überprüfen», sagt Karl Lauterbach.
«Es wird darauf ankommen, wie sich die Bevölkerung verhält. Das ist wichtiger als einzelne Maßnahmen. Viele Auflagen lassen sich ohnehin schwer überprüfen», sagt Karl Lauterbach. Foto: Kay Nietfeld

Berlin (dpa) - SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zählt im Kampf gegen das Coronavirus auf das Verhalten der Menschen - weniger auf die Eindämmungsmaßnahmen.

«Es wird darauf ankommen, wie sich die Bevölkerung verhält. Das ist wichtiger als einzelne Maßnahmen. Viele Auflagen lassen sich ohnehin schwer überprüfen», sagte der Mediziner den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Bei einer weiterhin so schnellen Ausbreitung des Coronavirus rechnet Lauterbach mit lokalen Shutdowns in Deutschland. «Es ist ganz simpel. Der R-Wert liegt bei etwa 1,3. Wenn wir den nicht runter bekommen, steigen die täglichen Fallzahlen innerhalb kürzester Zeit so stark an, dass die Kliniken und Gesundheitsämter überlaufen werden. Dann kommen lokale Shutdowns.» Die auch R-Wert genannte Reproduktionszahl gibt an, wie viele weitere Menschen ein Infizierter ansteckt. Laut Lagebericht des Robert Koch-Instituts von Samstagabend lag der R-Wert bei 1,4.

Am frühen Sonntagmorgen meldete das Robert Koch-Institut 5587 Corona-Neuinfektionen in Deutschland, eine Woche zuvor waren es 3483 neue Fälle. Am Samstag war mit 7830 zum dritten Mal in Folge einen Höchstwert erreicht worden. An Sonntag und Montagen sind die erfassten Fallzahlen meist niedriger, auch weil am Wochenende nicht alle Gesundheitsämter Daten an das RKI übermitteln.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Menschen angesichts sprunghaft gestiegener Corona-Infektionszahlen am Samstag aufgefordert, soziale Kontakte zu beschränken und weniger zu reisen. «Wir müssen jetzt alles tun, damit das Virus sich nicht unkontrolliert ausbreitet. Dabei zählt jetzt jeder Tag», sagte die CDU-Politikerin in ihrer wöchentlichen Videobotschaft.

Unterstützung für ihren Appell bekam die CDU-Politikerin von Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder. Der CSU-Chef sagte «Bild am Sonntag»: «Die Lage ist ernst. Wenn wir nicht rasch gegensteuern, gerät Corona außer Kontrolle. Wer zögert, riskiert einen zweiten Lockdown. Nie waren Umsicht, Vorsicht und Solidarität so wichtig wie jetzt.» Kritik kam hingegen von FDP-Chef Christian Lindner, er sagte dem Blatt: «Wenn die Bundeskanzlerin eine solche Dramatik sieht, muss sie umgehend eine Regierungserklärung abgeben. Ein Podcast ersetzt nicht die Debatte im Bundestag, wenn es um Grundrechte geht.»

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans rief die jüngere Generation zu mehr Umsicht und Solidarität auf. «Da müssen wir dieser Generation, die in unserer Gesellschaft in vielen ethischen Fragen wie Klimaschutz oder internationale Konflikte ein wichtiger Mahner ist, ganz unmissverständlich sagen: Es geht auch hier nicht nur um Euch, sondern Ihr gefährdet mit Eurem Verhalten auch andere, besonders die Schwächeren», sagte Walter-Borjans dem «Spiegel». Er betonte zugleich, man solle «nicht einer ganzen Generation schlechten Charakter unterstellen».

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer fordert im Kampf gegen das Coronavirus eine stärkere Unterstützung durch die Bundeswehr in den Gesundheitsämtern. «Wir sind in der exponentiellen Phase», sagte der CDU-Politiker der «Bild am Sonntag». «Wir müssen damit rechnen, dass sich die Zahl der Neuinfektionen im Drei- oder Vier-Tages-Rhythmus verdoppelt. Das bringt die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung von Kontakten positiv getesteter Fälle an ihre Grenzen und wir können die Infektionsketten nicht mehr unterbrechen.»

Laut Kretschmer müssen die Gesundheitsämter dringend personell aufgerüstet werden. «Da muss die Bundeswehr stärker eingebunden und Mitarbeiter aus den Landesministerien abgeordnet werden. Die Polizei muss den Ordnungsämtern bei der Kontrolle der Maßnahmen helfen.»

Mehr als zwei Drittel der Deutschen sind einer Umfrage zufolge mit dem Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung tendenziell zufrieden. 68 Prozent der Befragten beurteilten die Führung in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar im Auftrag von «Bild am Sonntag» als «eher gut». Für 27 Prozent ist sie «eher schlecht». 4 Prozent antworteten mit «weiß nicht».

Am Samstag hatte das Bundespräsidialamt mitgeteilt, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sich in Quarantäne begeben habe. Einer seiner Bodyguards war positiv auf das Virus getestet worden. Ein erster Corona-Test bei dem Staatsoberhaupt fiel negativ aus. Steinmeier bleibe selbstverständlich weiter in Quarantäne, derzeit befinde er sich in seiner Dienstvilla in Berlin-Dahlem, hieß es. In den kommenden Tagen soll Steinmeier erneut getestet werden.

© dpa-infocom, dpa:201018-99-984024/4

Kommentare

Paul Schneider  schrieb: 18.10.2020 09:00
Verhalten der Bürger
Inzwischen dürfte den meisten klar geworden sein, dass die Corona-Pandemie kein Fehlalarm ist. Gleichwohl ist die hysterische Überreaktion mancher Politiker unverständlich, die meinen, uns Schutzmassnahmen aufdiktieren zu müssen, um im nächsten Moment wieder abschzuwächen oder gar widerrufen. Fakt ist doch, dass Menschen, die mit Covid-19 infiziert sind, in der Regel nur eine Woche infektiös sind. Wenn man die Statistiken, z. B. aus den USA, näher bertrachtet, dann sind 94 % der sogenannten "Corona-Toten" nicht daran gestorben, sondern sie hatten schwere zusätzliche Erkrankungen die offensichtlich zum Tode führten, wobei in den meisten Fällen ein extrem hohes Alter hinzukam. Nun ist Lauterbach kein ausgewiesener Infektologe, aber immerhin Mediziner, der genau weiss, dass der Tod zum Leben gehört. Ich hätte von ihm erwartet, dass er sich die Todesstatistik der Bundesrepublik genau ansieht, um festzustellen, dass sich die Sterberate seit Corona nicht signifikant erhöht hat. Also muss doch sein Hauptaugenmerk den tatsächlich Gefährdeten gelten. Dass sind nun einmal die Menschen mit erheblichen Vorerkrankungen und vor allen Dingen die Älteren in dieser Risikogruppe.
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