Zehntausende sind geflohen
Sieg in Tigray? Äthiopien erklärt Offensive für beendet

Seit Wochen wüten Kämpfe zwischen Äthiopiens Streitkräften und der Führung der Region Tigray. Nun erklärt der äthiopische Regierungschef das Ende der Offensive - doch ob dies wahrhaftigen Frieden bringt, ist noch ungewiss.

Sonntag, 29.11.2020, 22:08 Uhr aktualisiert: 29.11.2020, 22:10 Uhr
Geflüchtete aus Tigray haben in einem Flüchtlingslager im Sudan Zuflucht gefunden.
Geflüchtete aus Tigray haben in einem Flüchtlingslager im Sudan Zuflucht gefunden. Foto: Nariman El-Mofty

Nairobi (dpa) - Nach mehr als drei Wochen erbitterter Kämpfe hat die Regierung Äthiopiens ihre Offensive in der Region Tigray nach eigenen Angaben beendet. «Die Föderalregierung beherrscht nun die Stadt Mekelle komplett», sagte Ministerpräsident Abiy Ahmed über die Hauptstadt der Region Tigray.

Der Militäreinsatz sei mit größter Präzision erfolgt und habe sichergestellt, dass Zivilisten nicht zum Ziel geworden seien, hieß es. Die TPLF äußerte sich zunächst nicht zu der Verkündung. Doch Experten mahnten am Sonntag, dass das Ende der Offensive nicht unbedingt das Ende des Konflikts bedeute.

Nach Monaten der Spannungen hatte Äthiopiens Regierung Anfang November eine Offensive gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) eröffnet, die in der Nordregion an der Macht ist. Während die TPLF den äthiopischen Streitkräften vorwarf, auch Zivilisten anzugreifen, bestand die Zentralregierung darauf, dass nur militärische Ziele der TPLF angegriffen und Zivileinrichtungen sowie Wohngebiete geschont worden seien.

Allerdings war es während des Konflikts nicht möglich, Aussagen beider Seiten zu verifizieren. Internet- und Telefonverbindungen waren gekappt, Straßen blockiert und die Strom- und Wasserversorgung war eingeschränkt.

Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Katastrophe in Tigray. Jüngst sagten Caritas International und andere NGOs, dass keine der Kriegsparteien gewillt sei, «Hilfsorganisationen Zugang zu den notleidenden Menschen in Tigray zu gewähren». Etwa 1,5 Millionen Menschen seien von Kampfhandlungen bedroht und von der Lebensmittel- und Wasserversorgung abgeschnitten, warnten sie. Mindestens 43.000 Menschen sind dem UN-Flüchtlingshilfswerk zufolge bereits in das Nachbarland Sudan geflohen.

Abiy bezeichnete die Offensive als «Gesetzesvollzugs-Operation» gegen eine Gruppe, die sich der Zentralregierung widersetzt habe. Der Ministerpräsident warf der TPLF vor, seit seinem Amtsantritt 2018 seinen Reformprozess untergraben zu haben und sich die Macht zurückholen zu wollen. Die TPLF hingegen beschrieb den Konflikt als Angriff auf die Menschen von Tigray.

Nach Beendung der Offensive werde die Polizei nun nach «TPLF-Kriminellen» suchen und sie vor Gericht stellen, teilte Abiy mit. Zudem stünde der Wiederaufbau von Tigray bevor und die Geflüchteten müssten zurückgeholt werden.

Krankenwagen und Autos des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) hätten in Mekelle Verletzte und Getötete zu medizinischen Einrichtungen transportieren können, teilte das IKRK mit. Die Organisation warnte aber, dass medizinisches Material und Arzneien in Mekelle nach drei Wochen unterbrochener Lieferketten knapp seien.

Die US-Botschaft in Asmara, der Hauptstadt des Nachbarlandes Eritrea, teilte in der Nacht zum Sonntag mit, dass sechs Explosionen Asmara erschüttert hätten. Der Hintergrund war zunächst unklar, aber die TPLF hatte vor einigen Wochen Raketen auf Eritrea mit der Begründung abgefeuert, vom Flughafen Asmara würden Luftangriffe auf die TPLF geflogen.

«Was als nächstes kommt, ist ungewiss», sagte am Sonntag Murithi Mutiga von der Denkfabrik International Crisis Group. Die TPLF habe sich zwar aus Mekelle und anderen Städten zurückgezogen. Sie habe aber die Feuerkraft und das militärische Wissen, um den Konflikt gegen die äthiopischen Streitkräfte fortzuführen. Auch fühlten sich viele Menschen in Tigray von Abiys Regierung marginalisiert.

Allerdings sei der Abschluss der Offensive ein «signifikanter Erfolg für den Ministerpräsidenten», sagt Mutiga. Ob dies Tigray befrieden könne oder ein langer Konflikt mit Aufständischen bevorstehe, hänge von Abiy ab: «Die zentrale Frage ist, ob die Menschen von Tigray überzeugt werden können, dass sie zu Äthiopien gehören.»

Der Konflikt entlarvte die tiefen Risse in Äthiopien. Während Abiy mit seinem Reformkurs und Friedensschluss mit dem Langzeit-Rivalen Eritrea weltweit gefeiert wurde und 2019 den Friedensnobelpreis erhielt, verschärften sich in seiner Heimat unter seiner Regierung die ethnischen und politische Spannungen - unter anderem zwischen der Zentralregierung und der TPLF. Die Partei und Rebellengruppe dominierte mehr als 25 Jahre lang das Land und regierte mit harter Hand, wurde aber seit 2018 von Abiy zunehmend rausgedrängt.

© dpa-infocom, dpa:201129-99-506299/4

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