Eltern kritisieren nicht funktionierenden Unterricht und Betreuungsschwierigkeiten
Familien klagen beim OVG gegen Grundschul-Lockdown

Bielefeld (WB) -

Bei Familie Reese begann Tag eins des Schul-Lockdowns holprig. „Jakob saß um 7.50 Uhr vor seinem Rechner und wartete auf die Mathelehrerin, aber die Online-Plattform des Gymnasiums war überlastet, jedenfalls funktionierte sie nicht“, sagt die Juristin Dr. Nicole Reese, Dozentin an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Bielefeld.

Dienstag, 12.01.2021, 03:25 Uhr aktualisiert: 12.01.2021, 07:02 Uhr
Dr. Nicole Reese mit ihren Töchtern Emma (9) und Lotte (6), zwei ihrer vier Kinder. Die Dozentin kümmert sich drei Tage in der Woche um die drei Töchter und den Sohn. Danach übernimmt ihr Mann für zwei Tage.
Dr. Nicole Reese mit ihren Töchtern Emma (9) und Lotte (6), zwei ihrer vier Kinder. Die Dozentin kümmert sich drei Tage in der Woche um die drei Töchter und den Sohn. Danach übernimmt ihr Mann für zwei Tage. Foto: Althoff

Die Lehrerin sei allerdings sehr engagiert und habe Probleme vorausgesehen. „Sie hat schon Ende letzter Woche Internetlinks verschickt und konnte sofort auf die Video-Plattform Zoom umsteigen.“

2,5 Millionen Kinder und Jugendliche sollen seit Montag in NRW aus der Ferne unterrichtet werden. Doch wegen erwarteter Schwierigkeiten verschoben manche Schulen den Start. „Bei unseren anderen drei Kindern fiel der Unterricht aus“, sagt Nicole Reese. „Die Schulen haben einen sogenannten Organisationstag eingelegt, von dem wir auch erst am Donnerstag erfahren haben.“

Die Dozentin ist erklärte Gegnerin des Schul-Lockdowns und gehört zu einer Gruppe von Eltern, die am Mittwoch eine Normenkontrollklage beim nordrhein-westfälischen Oberverwaltungsgericht in Münster einreichen wollen. „Wir fordern, dass unsere Kinder trotz Corona vernünftig unterrichtet werden. Das geht online nicht. In Jakobs Mathestunde fehlten am ersten Tag des Lockdowns schon fünf Schüler“, sagt die 46-Jährige. „Nicht jede Familie kann sich für jedes Kind einen Computer oder ein Tablet leisten.“

Mehr als 10.000 Euro haben Nicole Reese und andere Eltern innerhalb eines Tages nach einem Internetaufruf gespendet bekommen, um die Klage durchzufechten. Die Gerichtsgebühren betragen zwar nur etwa 800 Euro, aber das Verfassen der Klageschrift bedarf einer Expertin. Deshalb wurde die mit Normenkontrollklagen erfahrene Anwältin Jessica Hamed aus Mainz beauftragt.

Nicole Reese sagt, die Landesregierung habe nicht alle milderen Mittel ausgeschöpft, bevor sie die Schulen geschlossen habe. „Man hätte es mit täglichen Schnelltests für Lehrer, festen Schüler-Lehrer-Gruppen, versetzten Anfangszeiten und Unterricht in schulfremden Räumen probieren können.“

Solange die Industrie mit kompletten Belegschaften arbeiten dürfe, solange Zusammenkünfte mit bis zu 250 Menschen genehmigt würden, solange Busse und Bahnen jeden Tag voll seien – so lange sei es nicht vertretbar, Schüler in den Lockdown zu schicken. Es gebe sicher viele Kinder, die wegen fehlender Unterstützung durch ihre Eltern das Lerndefizit der nächsten Wochen nicht mehr aufholen könnten. „Da wird viel Schaden angerichtet.“

Dazu komme, dass viele Eltern riesige Probleme hätten, die Kinderbetreuung zu organisieren. „Mein Mann und ich haben den Luxus, dass wir beim Land beschäftigt sind und Corona uns keine Existenzängste beschert.“ Aber die Organisation des Alltags sei ähnlich kompliziert wie in anderen Familien. „Ich musste meine Vorlesungen auf zwei Tage bündeln und bleibe die restlichen drei Tage zu Hause. Bei vier Kindern bleibt allerdings keine Zeit, Klausuren zu korrigieren oder Vorlesungen vorzubereiten. Damit fange ich dann abends um 22 Uhr an.“

Die restlichen beiden Tage übernehme ihr Mann, der bei der Staatsanwaltschaft arbeite, die Betreuung. „Als Beamter kann man drei freie Tage pro Jahr für besondere Anlässe beantragen. Das hat er getan, aber die reichen natürlich nicht. Vielleicht muss er noch Urlaub nehmen.“ Theoretisch könne ihr Mann zwar auch zu Hause arbeiten, aber die Justiz habe dafür zu wenig Computer. „Das hätte man alles schon seit Monaten vorbereiten können“, sagt die Dozentin. Sie ist skeptisch, dass die von ihr mitorganisierte Klage Erfolg haben wird. „Das OVG tut im Moment alles, um die Politik zu stützen. Aber im Interesse unserer Kinder wollen wir es wenigstens versuchen.“

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