Sa., 10.11.2018

Im flämischen Ypern wird seit dem 1. Mai 1928 jeden Abend an die Toten des Ersten Weltkriegs erinnert Das Gedenken kann gar nicht groß genug sein

Ypern lebt vom Kriegsgedenken: 54.896 Namen gefallener Soldaten sind in die Wände des Triumphbogens Menenpoort graviert. An jedem Abend eines Jahres wird in der flämischen Stadt das Signal »The Last Post« geblasen.

Ypern lebt vom Kriegsgedenken: 54.896 Namen gefallener Soldaten sind in die Wände des Triumphbogens Menenpoort graviert. An jedem Abend eines Jahres wird in der flämischen Stadt das Signal »The Last Post« geblasen.

Von Andreas Schnadwinkel

Ypern (WB). Belgiens König Philippe und seine Frau, Königin Mathilde, fahren am Sonntag von Brüssel nach Ypern. Dort hat dieser 11. November, der 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, eine spezielle Bedeutung.

Seit dem 1. Mai 1928 wird in der flämischen Stadt ohne Ausnahme an jedem Abend um 20 Uhr das militärische Hornsignal »The Last Post« (»Der letzte Wachposten«) geblasen – zur ewigen Erinnerung an die Toten. Dieses Gedenken wird am Sonntag ganz besonders sein, wenn das Königspaar an der Zeremonie teilnehmen wird.

Weißer Torbau für Gedenken

54.896 Namen sind in die Wände des Menenpoort (Menen-Tor) graviert. Namen von Soldaten, die in den drei Flandernschlachten in den Gräben und auf den Feldern rund um Ypern fielen. Die Männer gehörten zu Armeen der britischen Commonwealth-Staaten, die hier insgesamt etwa 250.000 Soldaten verloren.

Menenpoort ist ein imposanter weißer Torbau, der an den Pariser Triumphbogen erinnert. 1927 entstand er an der Stelle, von der aus die Einheiten im Ersten Weltkrieg an die nahe gelegene Front marschiert waren.

Jeden Abend begeben sich mehrere tausend Besucher schon gut eine Stunde vor Beginn des »Last Post« von Yperns Hauptplatz, dem Grote Markt mit dem Flanders-Fields-Museum in der Lakenhalle, zum Ort des Gedenkens. Die langen, breiten Bürgersteige sind mit Kordeln von der Menenstraat abgesperrt, die unter dem Torbogen verläuft.

Bürger von Ypern bauten Stadt neu auf

Niemand versucht sich in die erste Reihe vorzudrängeln. Briten sind eben diszipliniert, wenn es darum geht, Reihen zu bilden und sich anzustellen. Fast alle Besucher kommen aus dem Vereinigten Königreich oder aus Irland. In der flämischen Vorzeigestadt mit ihren 35.000 Einwohnern waren in den vier Hauptgedenkjahren an den »Great War« so gut wie alle Hotelzimmer ausgebucht. Viele Gäste wichen ins Umland aus, wo sich zahlreiche Denkmäler und Soldatenfriedhöfe befinden.

»Groß« war der Erste Weltkrieg aus britischer Sicht, weil das Empire von 1914 bis 1918 die höchsten Verluste in seiner Geschichte hinnehmen musste. Nach Kriegsende schlug Kabinettsmitglied Winston Churchill vor, Ypern nicht neu zu errichten. Der Politiker wollte die von den Deutschen zerstörte Stadt als Mahnmal gegen den Krieg stehen lassen. Das kam für die Bürger von Ypern nicht in Betracht, sie bauten ihre Stadt wieder auf. Und zwar ziemlich genau so, wie sie gewesen war.

Erster Testort für tödliches Senfgas

Wie kein anderer Ort steht Ypern für das Grauen des Kriegs. Am 22. April 1915 setzten deutsche Truppen erstmals Chlorgas ein, um sich im zermürbenden Stellungskrieg einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Gut zwei Jahre später war es erneut bei Ypern, als die kaiserlichen Soldaten am 12. Juli 1917 Senfgas testeten, das nach dem Einsatzort »Yperit« genannt wurde.

An 365 Tagen, an jedem einzelnen Abend eines Jahres, ruft die Stadt die Kriegsgräuel in Erinnerung. Stets mit dabei sind Mitglieder von Gedenkkomitees, die in ihren Uniformen die gefallenen Soldaten ehren. Punkt 20 Uhr marschiert eine Ehrengarde auf, fünf Trompeter nehmen Aufstellung und blasen den »Last Post« – mit dem Versprechen: »We will remember them« (Wir werden uns an sie erinnern). Nur 20 Minuten dauert die würdevolle Zeremonie.

Und so wird es auch am kommenden Montag und an allen anderen Tagen sein, wenn das Königspaar nicht dabei ist.

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