Di., 28.05.2019

Politische Einschätzungen der jungen Wählerschaft Wie »Generation Y« über die Europawahl denkt

Seit Monaten rufen junge Leute jeden Freitag zu Demonstrationen auf. Die Aktion »Fridays-for-Future« erfolgte auch vor dem Hintergrund der laufenden Europawahl.

Seit Monaten rufen junge Leute jeden Freitag zu Demonstrationen auf. Die Aktion »Fridays-for-Future« erfolgte auch vor dem Hintergrund der laufenden Europawahl. Foto: dpa

Bielefeld (WB). Wie ticken die jungen Leute heute? Warum gehen sie zu Fridays-for-Future-Demos? Und hat das Rezo-Video das Wahlergebnis beeinflusst? Nicht nur Union und SPD fragen sich nach der Europawahl, wie sie  die Generation der Jungwähler künftig besser erreichen können.

Wir haben drei junge Frauen, die in unserer Redaktion arbeiten, um ihre persönliche Einschätzung gebeten. Wie haben sie den Wahlkampf erlebt – und warum sind die Grünen in dieser Altersgruppe erste Wahl?

»Gemeckert wird immer gern«

 

Freya Schlottmann (28), Redaktionsvolontärin, aus Steinhagen

 Freitag für Freitag sind in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder tausende junge Menschen auf die Straßen gegangen, um zu demonstrieren. Für mehr Engagement gegen den Klimawandel, für die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Erde zu retten, für die Zukunft der nachfolgenden Generationen. In den Sozialen Medien sind diese Demonstrationen stets heiß diskutiert worden. Von »Schulschwänzern« oder »Lemmingen« war da oftmals die Rede. Und »Samstags würde wahrscheinlich niemand kommen«. Gemeckert wird halt immer gern. Vor allem von denjenigen, die sich selbst nicht aktiv für ihre Interessen einsetzen wollen und stattdessen lieber zuhause vor dem PC ihrem Unmut freien Lauf lassen.

Der Grund, weshalb sich so viele junge Menschen an diesem Protest beteiligt haben, scheint ein simpler zu sein: Die politischen Themen, die die momentan noch federführenden Parteien verfolgen, sind nicht mehr diejenigen, die Jungwähler maßgeblich interessieren. Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind angesagt. Und weil keiner zuhören oder handeln will, versuchen sich die jungen Wähler mit Demonstrationen und anderen Mitteln Gehör zu verschaffen. Im Vergleich mit den ewig langweiligen Wahlplakaten, der Dauerschleife an immer gleichen Wahlwerbespots oder den Diskussionsrunden in jeder erdenklichen Talkshow ist diese Art von Wahlkampf der Wählerschaft selbst das, was mir im Vorfeld der jüngsten Europawahl am prägendsten aufgefallen ist. Und wie das Ergebnis zeigt, scheint dieses Engagement Früchte zu tragen. Die Grünen, die Klimaschutz seit Urzeiten predigen, erhalten in Deutschland die zweitmeisten Stimmen.

In meinem persönlichen Umfeld sind vor allem die Grünen ein vielfach diskutiertes Thema vor der Europawahl gewesen. Klimapolitik schön und gut, aber was ist mit dem Rest? Was ist mit den vielen anderen wichtigen Fragen, auf die die Grünen vielleicht (noch) keine richtige Antwort wissen? Das habe ich nur allzu oft gehört. Auch bei Fridays for Future haben nicht alle dieselbe Meinung geteilt. Der Wahl-O-Mat sollte bei vielen deshalb vor dem Gang zur Urne noch schnell letzte Klarheit über die eigenen Interessen bringen und zeigen, worauf man den persönlichen Fokus legt. Und das Ergebnis ist bei allen meinen Bekannten letztlich ähnlich überraschend ausgefallen, wie das Wahlergebnis selbst: Klimaschutz geht irgendwie an niemandem so richtig vorbei.

»Das Zauberwort heißt Klimaschutz« 

Foto: Althoff

Kim-Kristin Rethorst (24), Onlineredaktion, aus Bielefeld

Europa hat gewählt und in Deutschland ist der Schock groß:  Die herbe Niederlage für CDU und SPD , Erfolge bei den Rechten und ein großer Zugewinn für die Grünen. Doch sollte uns dieses Ergebnis wirklich überraschen?

Zumindest bei mir zuhause hat sich am Sonntagabend niemand gewundert, als die ersten Hochrechnungen publik wurden. Seit ich denken kann – und vor allem seitdem ich wählen gehen darf – ist es alle Jahre wieder unser Ritual, sich am Wahlsonntag mit der Familie zu treffen und gemeinsam zum Wahllokal zu schlendern, um dort sein Kreuz zu setzen. Meine Familie war es auch, die mir schon früh eingebläut hat, wie wichtig politisches Interesse und Engagement sind und dass Wählen ein Privileg und somit Pflicht ist.

Unsere Generation lebt online. Wir treffen uns nicht mehr, sondern chatten nur noch, reden höchstens per Sprachnachricht miteinander und Social Media ist unser Leben. Doch Social Media kann eben auch viel. Nie war der Zugang zu Medien so einfach. Das Hin- und Herschicken von Postings oder Artikeln ist unser Meinungsaustausch und regt häufig zum Diskutieren an. Wir können Informationen blitzschnell miteinander teilen und anschließend darüber reden – falls wir das dann doch mal tun.

Dass sich heutzutage viele von keiner Partei zu 100 Prozent vertreten fühlen, ist ein nachvollziehbares Argument, jedoch kein Grund dafür, keinen Gebrauch von seinem Wahlrecht zu machen. Wenn es Menschen in der Politik gibt, von denen ich mich verstanden fühle, sind es meist Vertreter der Jugendorganisationen der Parteien. Doch ist es nicht genau das, was uns Hoffnung machen darf für die Zukunft?

Bei der Europawahl 2014 lag die Wahlbeteiligung der 21- bis 24-Jährigen bei 35,3 Prozent und war die niedrigste von allen Altersgruppen. Man kann nur hoffen, dass in diesem Jahr deutlich mehr junge Menschen wählen gegangen sind.  Eindeutig ist schon jetzt die Verschiebung der Stimmverteilung. Heute haben bei den 18- bis 24-Jährigen nicht mehr Sozialdemokraten und Unioner die Nase vorn, sondern ganz klar die Grünen. Und Warum? Das Zauberwort lautet Klimaschutz. Der Begriff, an dem seit Monaten niemand vorbeikommt und für den sich besonders junge Menschen in den vergangenen Monaten verstärkt einsetzen.

Die »stinkend faule Generation Y«

 

Vivian Winzler (25), Onlineredaktion, aus Bielefeld

Die Ergebnisse der Europawahl schlagen auch im Netz hohe Wellen. Dass gerade die Grünen bei der Wahl so horrend abschneiden, scheint für viele Leute ein Schock zu sein – nicht jedoch für die »Generation Y«, wie sie häufig genannt wird. Die Wählerschaft im Alter von 18 bis 30 Jahren wird gerne an den Pranger gestellt. Grün wählen ist ja schließlich so ein typisches Studenten-Ding. Tatsächlich haben 34 Prozent der 18 bis 24-Jährigen für die Grünen gestimmt. Für mich ist dieses Ergebnis keine große Überraschung.

Mein Bekanntenkreis, der sich fast ausschließlich zu der ach so faulen »Generation Y« zählen lässt, hat sich schon vor dem viralen  Video von Youtuber Rezo für Politik interessiert. Und Fakt ist, dass CDU und SPD den Eindruck erwecken, schlichtweg kein Interesse an der jüngeren Wählerschaft zu haben. Daran ändern auch keine Uni-Gruppierungen oder Instagram-Accounts etwas. Meiner Meinung nach legen die großen Parteien ein zu großes Augenmerk auf ihre vertraute Wählerschaft. Man hat den Eindruck, dass sich CDU und SPD auf ihrer Zielgruppe ausruhen, die größtenteils aus der Generation unserer Eltern besteht.  Auch mit ihren »Antworten« auf Youtuber Rezo haben sich die großen Parteien keinen Gefallen getan.

Die Tweets von CDU-Abgeordneten, die von »Fakenews« und »Meinungsdiktatur« sprechen, sind da noch die harmloseren. Schlimmer sind die, die Rezo als Teil einer privilegierten, verweichlichten Generation darstellen. Dabei geht es nicht um Rezo als Person. Viel mehr zeigt es uns, was die CDU von »uns«, der faulen Generation Y, wirklich hält. Und dass man mit solchen Aussagen keine neuen Wähler generieren kann, sollte etablierten Politikern klar sein. Die Grünen sind bestimmt nicht die Non-plus-Ultra-Partei. Sie haben keine Fangemeinde, die kopflos dem nacheifert, was eine Greta Thunberg oder ein Robert Habeck predigen. Vielmehr erkennen die Grünen am ehesten, was viele junge Menschen bewegt. Und ja, Themen wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind nun mal etwas, das jeden bewegen sollte.

Sätze wie »wir haben ja keine anderen Probleme« haben wir oft gehört – zu oft. Aber andere Themen traut man uns scheinbar auch nicht zu. Unsere Generation hat einen Stempel verpasst bekommen, den sie nicht verdient hat. Wir sind interessiert, wir informieren uns, wir TUN etwas, und das ist nicht nur freitags die Schule schwänzen. Das Wahlergebnis zeigt, dass die Generation Y nicht länger belächelt und ignoriert werden kann. Es wurde höchste Zeit.

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