Fr., 14.06.2019

Becker: »Man hat sie nicht umsonst die Gräfin genannt« Steffi Graf wird 50

Steffi Graf feiert Geburtstag. Das Foto zeigt sie bei den Gerry-Weber-Open (heute Noventi-Open) in Halle 2011.

Steffi Graf feiert Geburtstag. Das Foto zeigt sie bei den Gerry-Weber-Open (heute Noventi-Open) in Halle 2011. Foto: Oliver Schwabe

Von Oliver Kreth

Bielefeld (WB). Vor Jahren hat das heutige Geburtstagskind einmal gesagt, dass sie nicht mehr Steffi genannt werden möchte. Sie heiße Stefanie Graf. Wirklich beherzigt wurde und wird ihr Wunsch nicht. Nicht nur in Deutschland ist sie weiter Steffi. Oder die Gräfin.

Das ist naheliegend. Das Adeln von Tennisspielern war in den 80er- und 90er-Jahren in Deutschland aber auch so populär. Da gab es noch den Roten Baron aus Leimen, so etwas wie der extrovertierte Gegenentwurf der Brühlerin, die an diesem Freitag 50 wird.

Graf ist die Unvergleichliche. Vor allem natürlich sportlich: 22 Grand-Slam-Turniere hat sie im Einzel gewonnen, 1988 holte sie als bisher einzige Tennisspielerin den Golden Slam, 377 Wochen stand sie an Weltranglistenposition 1. Sie war das Fräulein Forehand.

Dazu noch diese Beinarbeit (um ihre Beine beneideten sie wohl außerdem viele Frauen). Die Rückhand nur als Slice gespielt – beständig wie Ebbe und Flut. Den ersten Titel auf der Tour holte Steffi Graf am 13. April 1986 in Hilton Head Island, den letzten am 5. Juni 1999 in Paris, da trieb sie die aufmüpfige junge Schweizerin Martina Hingis weinend in die Arme ihrer Mutter.

Graf spielte und gewann fast immer

Eine Karriere in Zahlen

Grand-Slam-Turniersiege: 22;

Australian Open: 1988, 1989, 1990, 1994;

French Open: 1987, 1988, 1993, 1995, 1996, 1999;

Wimbledon: 1988 (Einzel und Doppel), 1989, 1991, 1992, 1993, 1995, 1996;

US Open: 1988, 1989, 1993, 1995, 1996

Karrieretitel: 107 (Einzel), 11 (Doppel)

Grand-Slam-Siegquote: 89,7 Prozent (278 Siege, 32 Niederlagen)

Siegquote: 88,7 Prozent (900 Siege, 115 Niederlagen)

Olympische Medaillen: 1988: Einzel-Gold, Doppel-Bronze; 1992: Einzel-Silber

Weltranglistenerste: 377 Wochen (186 Wochen in Folge, Graf teilt sich den Rekord mit Serena Williams; acht Mal beendete die Deutsche das Jahr als Beste)

Beste Jahresbilanz Einzel: 86 Siege, zwei Niederlagen (1989)

Preisgeld: 21.891.306 US-Dollar (Rekord bis Januar 2008)

Abseits des Platzes war Stefanie Maria Graf (geboren in Mannheim) unerreichbar, getrieben und abgeschirmt von ihrem Vater Peter Graf, der auch ihr Manager war. Wie seine Tochter wirklich war, das wussten die wenigsten. Graf konnte zudem auch lange den langen Schatten nutzen, den ihr Tennisnachbar aus Baden-Württemberg warf. Becker siegte und verlor und fluchte und jubelte. Und ließ die Deutschen an seinen Liebschaften teilhaben. Graf spielte und gewann fast immer. Und als bekannt wurde, dass Alexander Mronz ihr erster Freund ist, da dachten viele: Das hat doch ihr Vater arrangiert, damit es keine Gerüchte gibt.

Negativschlagzeilen gab es wenige in den öffentlichen Jahren des Geburtstagskinds. Da gab es im Frühjahr 1990 die Affäre Peter Graf/Nacktmodell mit anschließender Erpressung des Vaters durch den Boxpromoter Ebby Thust. 1993 dann die Messerattacke eines Hardcore-Steffi-Graf-Fans, der Monica Seles in den Rücken stach.

Ermittlungen im Jahr 1995

Heftig wurde es 1995, als die Staatsanwaltschaft Mannheim gegen Peter und Stefanie Graf wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung ermittelte. Es folgten Hausdurchsuchungen. Es ging um Plastiktüten, illegale Steuersparmodelle und Anlageformen. Vater Graf kam in U-Haft, der Geständige wurde dann 1997 wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 12,3 Millionen Mark zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt.

Ob das alles aus Steffi Stefanie werden ließ, ist Spekulation. Die Folgen waren offensichtlich: Die Tochter nabelte sich vom Vater ab und kümmerte sich um die Finanzen. Medien hatten zuvor berichtet, dass bei den immensen Steuernachzahlungen fast das gesamte Vermögen der Familie Graf habe eingesetzt werden müssen, um eine weitere Strafverfolgung zu vermeiden. Bis 1996 hatte Graf 32 Millionen Mark Preisgeld gewonnen, etwa 54 Millionen durch Sponsorenverträge sowie über neun Millionen durch Schaukämpfe.

In diesen Jahren spielte sie weniger und verlor für ihre Verhältnisse viel. Dann im Juni 1997 die Knieverletzung mit anschließender OP, kein Match in zwölf Monaten, raus aus der Weltrangliste. Aber die Kämpferin kam zurück und zeigte 1999 in Paris noch einmal, wer die Gräfin (»Die wundervollste Erinnerung meiner Karriere«) ist und wer nicht.

Andre Agassi war schwer verliebt

Zu dem Zeitpunkt hatte sich schon ein Mann in ihr Leben geschlichen. Mit Briefen. Mit Hilfe seines Trainers Brad Gilbert, der den Kontakt zur Verehrten über ihren Trainer Heinz Günthardt herstellte. Mit Anrufen. Dem demonstrativen Ausziehen des T-Shirts vor einem gemeinsamen Training. Andre Agassi war schwer verliebt. Und nach langem Zögern – Graf war damals seit sechs Jahren mit Michael Bartels liiert – gab sie nach. Nicht wenige rieben sich die Augen, als sie 1999 die Fotos mit den Frischverliebten an einem Boxring in Las Vegas sahen: Die Gräfin und der Tennis-Punk – das kann doch nicht gutgehen.

Das konnte es. Und das tut es. Das Paar lebt mit den Kindern Jaden Gil (17/Baseball) und Jaz Elle (15/Hip-Hop) weitgehend unbehelligt in Las Vegas. Interviews gibt Graf selten, öffentliche Auftritte für Sponsoren oder ihre Stiftung »Children for Tomorrow« sind rar. Zuletzt erzählte Graf Anfang des Jahres Reportern der aus­tralischen Zeitung »Herald Sun«, dass ihre Kinder nicht mitfliegen konnten, weil sie zur Schule gehen mussten. Der »Gala« verriet sie mal, dass sie mutiger sei als ihr Mann, wenn es darum ginge, mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen. Der »Bild am Sonntag« sagte sie vor einem Jahr, dass sie sich »nie« mit ihrem Mann streite. Ansonsten gewährt sie kaum Einblicke in ihr Leben. Auch nicht darüber, wie sie ihren runden Geburtstag feiert, wie sie lebt und wie ihr Alltag heute aussieht.

Dafür sprachen und sprechen andere über sie: »Man hat sie ja nicht umsonst die Gräfin genannt, weil sie einfach einmalig ist«, sagt Boris Becker. Angelique Kerber lobt in der »Bild«: »Dein Kämpferherz und deine Stärke haben mir gezeigt, was alles möglich ist, wenn man nie den Glauben an sich verliert.« Für ihren Ex-Trainer Klaus Hofsäss ist Stefanie Graf schlicht »unvergleichbar«.

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