Fr., 11.10.2019

Landkreis Hameln/Pyrmont stand im Missbrauchsfall Lüdge in der Kritik Burnout wegen Lügde: Landrat Tjark Bartels tritt zurück

Auf ärztliches Anraten hat Landrat Tjark Bartels das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport, gebeten, das Verfahren zur Versetzung in den Ruhestand einzuleiten.

Auf ärztliches Anraten hat Landrat Tjark Bartels das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport, gebeten, das Verfahren zur Versetzung in den Ruhestand einzuleiten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Von Florian Weyand

Hannover/Lügde (WB). Der im Missbrauchsfall von Lügde unter Druck geratene Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels, hat seinen Rücktritt angekündigt. Der SPD-Politiker ist an Burnout erkrankt.

Nach dreimonatiger Krankheit habe er entschieden, nicht in seine Behörde zurückzukehren, teilte Bartels am Freitag in einer Videobotschaft auf Youtube mit. Als einen Grund nannte der 50-jährige Kommunalpolitiker Anfeindungen in den Sozialen Medien. »Ich habe das Ziel, wieder gänzlich zu gesunden. Nach Rücksprache mit meinen Ärzten muss ich die Bilanz ziehen, dass es nicht funktionieren wird, wenn ich in meinen Beruf zurückkehre.«

Im Zuge der Ermittlungen zum hundertfachen sexuellen Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz waren massive Behördenfehler ans Licht gekommen. So hatte das Jugendamt Hameln dem mittlerweile verurteilten Haupttäter Andreas V. trotz mehrerer Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten die Pflegschaft für ein Mädchen übertragen. Zudem hatte eine Mitarbeiterin eine Passage aus der Pflegekind-Akte kurz vor Beschlagnahmung durch die Staatsanwaltschaft gelöscht. Bartels hatte das Landratsamt im Oktober 2013 angetreten – in Nachfolge von Rüdiger Butte (SPD), der in seinem Büro von einem Rentner erschossen worden war.

Bartels räumt erneut Fehlentscheidungen ein

In seiner Erklärung räumte Bartels erneut Fehlentscheidungen des Landkreises ein: Das, was man hätte sehen können, sei nicht gesehen worden. »In Lügde hat sich über 20 Jahre eine Serie schwerer Verbrechen ereignet – und auch wir waren daran beteiligt, weil in den letzten drei Jahren ein Kind in der Obhut des Jugendamts Hameln-Pyrmont beim Täter gelebt hat«, sagte Bartels. Die Fehler seien auf Entscheidungen in seinem Haus zurückzuführen. Man sei es den Menschen schuldig, dass ein neues Lügde unwahrscheinlich werde.

Kein gutes Haar ließ der SPD-Politiker an den Sozialen Medien, die eine Ursache für seine Erkrankung seien. Bartels wurde dort massiv angefeindet. Auch am Freitag musste ein Kommentarbereich auf der Internetseite des Norddeutschen Rundfunks, auf der der Rücktritt des Landrats vermeldet wurde, wegen Beschimpfungen gesperrt werden. Bartels habe schon vor dem Missbrauchsskandal Beschimpfungen aushalten müssen. »Im Fall Lügde war meine Grenze aber deutlich überschritten«, sagt Bartels.

Kritik an Sozialen Medien

In seiner Videobotschaft ging er auch kritisch mit Kollegen aus dem politischen Betrieb um, die zu sehr auf der Welle der Sozialen Medien surfen würden, um dort um Wählerstimmen zu buhlen. Viele Politiker würden im Inneren häufig abwägen, wie sie bei Facebook, Twitter oder Instagram ankommen. »Und das führt nicht zu guten Ergebnissen. Und ich glaube, dass wir uns darüber ernsthaft Gedanken machen müssen«, warnt Bartels.

Nachdem der Politiker mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit gegangen ist, will er jetzt erst einmal gesund werden. Im Zuge des Lügde-Verfahrens habe er die Symptome seiner Erkrankung über Wochen ignoriert und normal weiter gearbeitet. Mit dem Rücktritt zog er die Reißleine – und der Gesundungsprozess kann beginnen. Ob es für Bartels eine Rückkehr in die Politik geben werde, ließ er offen. »Das kann ich heute beim besten Willen nicht entscheiden, ich werde das zu gegebener Zeit machen.«

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6993300?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2616245%2F