Mo., 20.01.2020

Vor 50 Jahren wurde Uta Ranke-Heinemann die erste katholische Theologie-Professorin „Rebellenblut“

1969: Uta Ranke-Heinemann, Tochter des Bundespräsidenten, tanzt beim Bundespresseball in der Bonner Beethovenhalle mit Krupp-Manager Bertold Beitz.

1969: Uta Ranke-Heinemann, Tochter des Bundespräsidenten, tanzt beim Bundespresseball in der Bonner Beethovenhalle mit Krupp-Manager Bertold Beitz. Foto: dpa

Von Helge Toben

Essen (dpa). Es war eine kleine Sensation: Vor 50 Jahren wurde die katholische Theologin Uta Ranke-Heinemann habilitiert – und als wohl erste Frau der Welt zur katholischen Theologieprofessorin ernannt. Die problematische Sexualmoral der katholischen Kirche machte sie später zu ihrem Hauptthema.

Vorgeschlagen vom Theologen Karl Rahner legte die streitbare Wissenschaftlerin ihre bisherigen Arbeiten einer Professoren-Kommission vor und wurde Ende Oktober 1969 habilitiert. Die Tochter des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann war damals 42 Jahre alt und lehrte an der Pädagogischen Hochschule Neuss. Ende Januar 1970 – laut Archiv der Universität Duisburg-Essen vermutlich am 26. – wurde sie dann zur vermutlich ersten Professorin in katholischer Theologie weltweit ernannt.

Möglich gemacht habe das 1968 eine Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz, erklärt Marie-Theres Wacker, emeritierte Theologieprofessorin an der Universität Münster. Die Bischöfe hätten bestimmt, dass es unter anderem in der Religionspädagogik Ausnahmen von der Regel geben sollte, dass sich nur Priester – und damit Männer – habilitieren konnten. „Damals war viel möglich, es herrschte eine Aufbruchstimmung“, sagt die 67-Jährige, die in Münster 20 Jahre lang die Theologische Frauenforschung vertrat.

1972 habe die Bischofskonferenz die Ausnahmen dann auf alle theologischen Fächer ausgedehnt und Laien damit den Zugang zu allen Lehrstühlen ermöglicht. Dennoch blieben Frauen als Theologie-Professorinnen die Ausnahme: „Normalität stellte sich nur sehr langsam ein“, sagt Wacker.

Als sie Professorin wird, hat Ranke-Heinemann schon einen turbulenten Werdegang hinter sich, in dem sie oft die erste war: Erstes Mädchen etwa am traditionsreichen und zuvor rein männlich dominierten Burggymnasium in ihrer Heimatstadt Essen. Von Haus aus evangelisch, studiert sie 13 Semester evangelische Theologie in Bonn, Basel, Oxford und Montpellier. 1953 wird sie katholisch, „auf der Suche nach der großen Toleranz“, wie sie später schrieb. „Ich kam allerdings vom Regen in die Traufe“, kommentierte sie ihren Konfessionswechsel rückblickend.

1954 promoviert sie in München in Katholischer Theologie. Auch beim Doktortitel war sie zusammen mit der späteren feministischen Theologin Elisabeth Gössmann die erste Frau in Deutschland.

Ab 1980 lehrt Ranke-Heinemann in Duisburg, ab 1985 in Essen die Fächer Neues Testament und Alte Kirchengeschichte. „Sie war nie eine reine Schreibtischtheologin, sondern hat sich immer auch politisch-kritisch geäußert“, sagt Wacker.

Während des Vietnamkrieges setzt sie sich für ein Verbot der Napalmbombe ein und reist in den kommunistischen Norden. 1979 bringt sie Lebensmittel in das hungernde Kambodscha. 1999 bewirbt sie sich um das höchste Staatsamt in Deutschland – als partei- und aussichtslose Bundespräsidentschafts-Kandidatin für die PDS. Die Wahl gewinnt Johannes Rau (1931-2006), der mit einer Nichte von Ranke-Heinemann verheiratet ist.

„Von allen meinen Kindern hat Uta mein Rebellenblut am meisten geerbt“, zitierte sie vor Jahren ihren Vater Gustav Heinemann. Die Kontroverse der Wissenschaftlerin mit der konservativen Amtskirche war denn auch vorprogrammiert. Sie entzündete sich bereits Ende der 60er Jahre an der Frage des päpstlichen Verbots der Empfängnisverhütung. Nach langen Kämpfen ist es schließlich das von Ranke-Heinemann laut bezweifelte Dogma der Jungfrauengeburt Marias, das den Ruhrbischof Franz Hengsbach 1987 zum Entzug ihrer kirchlichen Lehrbefugnis veranlasst. Sie verliert ihren theologischen Lehrstuhl. Die Uni Essen richtet daraufhin für sie einen neuen Lehrstuhl für Religionsgeschichte ein.

1988 erscheint ihr kirchenkritisches Hauptwerk „Eunuchen für das Himmelreich“ über die Sexualmoral der katholischen Kirche. „Sie hat darin den Finger auf das Problem der Sexualfeindlichkeit der Kirche gelegt und damit in eine Wunde, deren Größe sie damals noch gar nicht ahnen konnte“, sagt Wacker. In vielen Talkshows ist sie fortan in ihrem mintgrünen Lederkostüm als kämpferische und wortgewandte Kirchenkritikerin zu Gast. Trotz aller Kritik ausgetreten aus der katholischen Kirche ist Ranke-Heinemann nicht. „Sie wollte die Kirche nicht abschaffen, sie wollte sie modernisieren, reformieren“, sagt ihr Sohn Andreas Ranke (59). „Das war nicht destruktiv, das haben sie nur nicht verstanden.“

Mittlerweile ist es um die Theologin still geworden. Sie lebe zurückgezogen in Essen und sei inzwischen auf Hilfe angewiesen, sagt ihr Sohn. Anfang Oktober möchte sie ihren 92. Geburtstag feiern.

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