Mi., 26.02.2020

Nahezu 60 Verletzte: Der Tag nach der Amokfahrt im nordhessischen Volkmarsen Als eine Apotheke zum Lazarett wurde

Gunther Böttrich steht am Dienstag in seiner Apotheke. Bis zu 40 Menschen wurden hier am Rosenmontag nach der Amokfahrt betreut.

Gunther Böttrich steht am Dienstag in seiner Apotheke. Bis zu 40 Menschen wurden hier am Rosenmontag nach der Amokfahrt betreut. Foto: Ralf Benner

Von Ralf Benner

Volkmarsen (WB). Als der Amokfahrer mit seinem Mercedes am Rosenmontag in Volkmarsen in die Menschenmenge fuhr, geschah das in der Nähe der Burg-Apotheke. Apotheker Gunther Böttrich reagierte sofort und öffnete sein Geschäft, das um diese Zeit geschlossen war. „Nach Unterstützung der Erstversorgung draußen haben wir einfach nur geholfen und eine erste Anlaufstelle in diesem grauenhaften Chaos geboten.“

Zeitweise seien bis zu 40 Menschen in der Apotheke behandelt worden, erzählt er. „Es wurden Verletzte auf Tragen zu uns hereingebracht, und Notärzte übernahmen die Versorgung.“ Einige Schwerverletzte seien dann mit Rettungswagen in die Krankenhäuser gebracht worden.

Es habe zahlreiche Verletzungen unterschiedlichster Art gegeben, auch Kopfverletzungen. „Viele Menschen waren unter Schock, darunter viele Kinder.“ Notfallseelsorger seien ebenfalls in der Apotheke gewesen, die Kripo habe in den Räumen seines Geschäfts erste Zeugen befragt. Erst als das Deutsche Rote Kreuz draußen Behandlungszelte aufgebaut habe, leerte sich die Apotheke langsam. Neun Rettungssanitäter und ein Notarzt aus dem Kreis Höxter wurden nach Volkmarsen entsandt. Jeweils zwei Verletzte aus Volkmarsen wurden in das St. Vincenz-Hospital in Brakel sowie in das Helios-Klinikum in Warburg gebracht.

Nach der Amokfahrt stehen die Menschen in dem nordhessischen Städtchen weiter unter Schock, sind traumatisiert. Es herrscht große Ungewissheit über das Motiv des Täters. „Warum musste das passieren?“, fragt eine Volkmarsenerin. Sie kennt Mütter, deren Kinder im Umzug mitliefen oder am Straßenrand die Kamelle aufsammeln wollten und nun zutiefst verstört seien. „Die Kinder weinen ununterbrochen, sind mit ihren Nerven total am Ende“, sagt sie.

Am Dienstagmittag, 20 Stunden nach der Tat des 29-Jährigen, gab die Polizei den Tatort wieder frei. Die Sichtschutzwände wurden abgebaut, gelbe und weiße Kreidezeichnungen der Spurensicherung auf Straße und Bürgersteig erinnern an die Tat. Der Rewe-Markt am Tatort hat wieder geöffnet, doch der Parkplatz ist verwaist, kaum einer betritt um die Mittagszeit den Laden. Die Menschen schweigen, wollen über die Ereignisse des Vortages nicht sprechen.

Aktuell hat sich die Zahl der Verletzten nach Angaben des Polizeipräsidiums Nordhessen auf 60 erhöht. 35 von ihnen sind schwer verletzt, unter ihnen auch Kinder. Noch immer meldeten sich verletzte Personen. Nach Informationen des WESTFALEN-BLATTES, die aus dem näheren Umfeld des Täters stammen, soll der Mann psychotisch gewesen sein und auch Drogen genommen haben. Bei ihm soll es sich zudem um keinen gebürtigen Volkmarsener handeln. Er sei mit seiner Großmutter aus Baden-Württemberg oder Bayern zugezogen.

Die Betroffenheit über diese Horrortat ist auch bei den Karnevalisten im Warburger Land groß. Mit 50 Teilnehmern, die gemeinsam im Bus anreisten, hatte die Karnevalsgesellschaft aus dem Warburger Ortsteil Ossendorf den Festumzug in Volkmarsen besucht. Sie feierten dort im Wirtshaus Phönix unweit des Tatortes. Einige von ihnen verfolgten draußen den Umzug, wurden Zeugen des Vorfalls. „Sie waren so geschockt, dass wir sie im Feuerwehrgerätehaus in Ossendorf von Notfallseelsorgern betreuen lassen mussten“, sagt Jürgen Rabbe, Wehrführer der Warburger Feuerwehr. Drei Notfallseelsorger betreuten im Gerätehaus eine Gruppe von etwa 30 Personen.

„Unsere Gedanken sind bei den Verletzten, ihren Familien und allen, die diese furchtbare Tat miterleben mussten. Wir wünschen den Betroffenen und natürlich auch unseren Freunden vom Volkmarser Karnevalsverein von ganzem Herzen viel Kraft in dieser schweren Zeit“, sagt Ansgar Engemann, Präsident der Karnevalsgesellschaft Rot-Weiss Ossendorf.

Auch Uwe Jonietz, Präsident des Peckelsheimer Karnevalsvereins Pickel-Jauh, drückte seine Bestürzung über die Ereignisse am Rosenmontag aus. „Es ist unbegreiflich, wie sich an einem solchen Tag des Frohsinns solche Geschehnisse ereignen konnten. Allen Verletzten eine baldige Genesung und viel Kraft in den nächsten Tagen um dies alles zu verarbeiten. Gleichzeitig ein großes Dankeschön an die Rettungskräfte, die so schnell vor Ort waren.“

„Das Feiern ist in den Hintergrund getreten. Das war eine schreckliche Tat, die eigentlich nicht in Worte zu fassen ist“, zeigt Uwe Cebul, Vorstandsmitglied und Zugführer bei den Willebadessener Karnevals-Freunden, seine Verbundenheit mit den Opfern der Amokfahrt.

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