Auch im Streit um die Corona-Maßnahmen wird der politische Kampfbegriff benutzt
Was ist eigentlich Faschismus?

Bielefeld (WB). Es ist wieder oft von Faschismus die Rede. Und das nicht nur, wenn es um den völkisch-nationalistischen AfD-Flügelmann Björn Höcke geht, der nach richterlicher Entscheidung „Faschist“ genannt werden darf. Auch die staatlichen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie halten manche für faschistisch. Wie etwa der Chef des Elektroauto-Herstellers Tesla, Elon Musk: „Den Leuten zu sagen, dass sie ihr Haus nicht verlassen können, dass sie dann festgenommen werden, das ist faschistisch, das ist nicht demokratisch.“

Dienstag, 05.05.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 05.05.2020, 13:32 Uhr
Das italienische Predappio ist als Geburtsort Benito Mussolinis eine Art Wallfahrtsort für Faschisten. Foto: Andreas Schnadwinkel
Das italienische Predappio ist als Geburtsort Benito Mussolinis eine Art Wallfahrtsort für Faschisten. Foto: Andreas Schnadwinkel

Und der Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Prof. Hans Michael Heinig, warnt vor der Gefahr, „dass sich unser Gemeinwesen von einem demokratischen Rechtsstaat in kürzester Frist in einen faschistoid-hysterischen Hygienestaat“ verwandele. Woher kommt also der Begriff? Wie wird er definiert? Und was ist eigentlich Antifaschismus?

Der Begriff

Natürlich beginnt alles bei den alten Römern. „Fasces“ (Lateinisch für „Bündel“) wurde ein Rutenbündel genannt, in dem ein Beil steckte. Das Bündel symbolisierte die Macht eines hohen Amtsträgers, der die Todesstrafe (Beil) anordnen durfte. Ein Stab ist leichter zu brechen als ein Bündel Stäbe – so die Deutung. „Fascio“ heißt im Italienischen „Bund“, Faschisten vereinigen sich also zu einem Bund. Im 19. Jahrhundert spielte das Rutenbündel bei der italienischen Einheitsbewegung eine große Rolle – als Symbol für den Zusammenhalt. Nachdem das Land geeint war, übernahmen Arbeiterverbände den Begriff „Fascismo“.

Dann kam Benito Mussolini (1883-1945) und gründete am 23. März 1919 den Kampfbund „Fasci Italiani di Combattimento“. Das Datum gilt gemeinhin als Geburtsstunde der faschistischen Ideologie. „Diese Bewegungen in Europa waren erkennbar Produkte des Ersten Weltkriegs und seiner Vorgeschichte. Seit 1917 wirkte zudem die Furcht vor dem Ausgreifen der bolschewistischen Revolution“, schreibt der Historiker Magnus Brechtken vom Institut für Zeitgeschichte in München.

Die Definition

Unter Historikern gibt es nicht die eine Definition, auf die sich alle einigen können. So unterscheiden sich die wissenschaftlichen Ansichten darüber, in welchem Maße der deutsche Nationalsozialismus eine Ausprägung des Faschismus war. „Wegen der Singularität des Holocausts ist umstritten, ob er überhaupt zu den europäischen Faschismen gezählt werden kann“, sagt Professor Ulrich M. Schmidt von der Universität St. Gallen. Die Merkmale waren gleich oder zumindest sehr ähnlich: Führerprinzip, Totalitarismus, klares Feindbild, dem Militär entlehnte Parteistruktur und säkularer Religionsersatz mit Riten und Symbolen.

„Faschismus ist Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten trachtet, stets aber im undurchbrechbaren Rahmen nationaler Selbstbehauptung und Autonomie.“ So steht es in der Habilitationsschrift des Historikers Ernst Nolte (1923-2016) aus dem Jahr 1963.

Der italienische Großdenker Umberto Eco (1932-2016), der unter Mussolini aufwuchs, hat sich sein ganzes Leben mit dem Phänomen des Faschismus beschäftigt. Zuletzt ist als eine seiner Hinterlassenschaften die Textsammlung „Der ewige Faschismus“ (Hanser, 80 Seiten, 10 Euro) erschienen. Eco kommt unter anderem zu folgender Erkenntnis: „Faschismus wurde zu einem ‚Allzweckbegriff’, weil man aus faschistischen Regimen Merkmale eliminieren kann und es trotzdem als faschistisch erkennbar sein wird.“ Zu den 14 Merkmalen, die Eco aufgelistet hat, gehören unter anderem Irrationalität, Ablehnung der Moderne, Traditionenkult und Demütigung durch vermeintlichen Reichtum und Macht der Fremden.

Die Historie

Als „Erfinder“ des Faschismus und Mussolinis Mentor gilt der Schriftsteller Gabriele D’Annunzio (1863-1938), ein politisch unsteter Geist und begeisterter Weltkriegssoldat. Nach Ende des Ersten Weltkriegs setzte sich der literarische Vertreter des spätromantischen Symbolismus und bekennende Militarist an die Spitze einer Truppe aus 2500 Freischärlern und Soldaten der italienischen Armee, um die Adria-Stadt Fiume – das heutige Rijeka in Kroatien – am 12. September 1919 zu besetzen. Grund für die Wahnsinnsaktion: Am 10. September 1919 war der Vertrag von Saint-Germain unterzeichnet worden, worin Fiume dem jugoslawischen Königreich zugesprochen werden sollte. D’Annunzio gründete in Fiume die Repubblica del Carnaro (Republik der Kvarner Bucht), die bis zum ihrem Ende am 12. November 1920 nicht anerkannt wurde. Doch die 14 Monate der Regentschaft auf dem faschistischen Versuchsfeld Fiume dienten Mussolini zum Teil als Vorlage.

Der spätere „Duce“ (Führer) war von Haus aus Sozialist und machte in der sozialistischen Partei PSI Karriere. „Er war der beliebteste Führer des radikalen Flügels der PSI. Irgendwann 1920 begreift Mussolini, dass die Angst eine größere politische Kraft ist als die Hoffnung“, sagt der Schriftsteller Antonio Scurati, dessen Mussolini-Roman „M – Der Sohn des Jahrhunderts“ (Klett-Cotta, 830 Seiten, 32 Euro) gerade erschienen ist. Welche Angst Mussolini meinte? „Der Faschismus war eine Antwort auf die bolschewistische Bedrohung, die mit der Oktoberrevolution in Russland und den Begeisterungsstürmen in der europäischen linken Szene sehr konkret war“, so die Analyse des Historikers Prof. Dr. Peter Hoeres von der Universität Würzburg.

Im Herbst 1922 übernahm Mussolini, der ein Jahr zuvor die Partito Nazionale Fascista gegründet hatte, schließlich die Regierungsgeschäfte in Rom und begann damit, die Macht seiner faschistischen Bewegung auszubauen und zu festigen.

Die „Erben“

Weil viele Deutsche meinen, dass Mussolini so eine Art „italienischer Hitler“ gewesen sei, wundern sie sich bei Aufenthalten in Italien darüber, dass der „Duce“ dort ziemlich gegenwärtig ist – ob als Kalendermotiv oder als Projektionsfläche für Politiker. Oder auf dem Eingangsschild eines Strandbades in Chioggia an der Adria mit dem Schriftzug „Ordnung, Sau­berkeit, Disziplin“. Im März 2019 lobte der Präsident des Europäischen Parlaments, der Italiener Antonio Tajani aus Silvio Berlusconis Partei „Forza Italia“, Mussolini öffentlich. Das war dem italienischen Wahlkampf geschuldet, schadete aber – wegen Tajanis herausgehobener Position – dem Gründungsgedanken Europas.

Was die neofaschistischen „Er­ben“ Mussolinis angeht, da zieht der ehemalige ORF-Korrespondent Lorenz Gallmetzer eine gerade Linie. Zumindest im Titel seines Buches „Von Mussolini zu Salvini“ (K&S Verlag, 190 Seiten, 22 Euro). „Wer heutige Populisten, von Salvini über Trump bis Bolsonaro, als Wiedergänger Mussolinis stilisiert, wird weder der historischen Figur noch der Gegenwart gerecht. Aber klar ist auch: Jeder Populist bewegt sich in der Spur, die Mussolini gelegt hat. Mussolini war der Archetypus aller Populisten“, sagt der Autor Antonio Scurati.

Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus’. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus’.

Ignazio Silone, Schriftsteller

Während Italiens ehemaliger Ministerpräsident und heutiger Europaparlamentarier Silvio Berlusconi nicht einmal von seinen ärgsten Gegnern „Faschist“ genannt wurde, sondern ein überaus erfolgreicher Populist war, zitiert Italiens vielleicht nächster Regierungschef Matteo Salvini (Lega) schon mal den „Duce“ an dessen Geburtstag mit dessen Worten: „Viel Feind, viel Ehr.“ Dass der Ex-Innenminister Mussolinis Mittel im Umgang mit dem Volk zumindest sehr genau kennt, zeigen die Bilder von Salvinis sommerlichen Wahlkampftouren an den Stränden Italiens. Die Botschaft des Auftretens: Ich habe einen Pasta- und Bierbauch wie ihr, ich bin einer von euch. Übrigens war Salvini – wie Mussolini – in jungen Jahren ein ausgewiesener Linker: ein Kommunist.

Der Antifaschismus

Bleiben wir in Italien, wo der Faschismus seine Wurzeln hat. Dem Schriftsteller Ignazio Silone (1900-1978), der als Linker während der Mussolini-Herrschaft leiden musste, wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus’. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus’.“ Silone wusste, wovon er sprach, und zog sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus der linken Parteipolitik zurück.

„Faschismus“ als Kampfbegriff führten die Gegner der Faschisten in den 1920er Jahren ein. Linksradikale Demokratiefeinde wie der Bulgare Georgi Dimitroff (1882-1949) versuchten, den Faschismus im bürgerlich-liberalen Lager zu verorten. „Der Faschismus ist die terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“, sagte Dimitroff 1935 in Moskau bei VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern, KI) in seiner Funktion als KI-Generalsekretär.

Ist Antifaschismus im Kern also eigentlich Antikapitalismus? „Tatsächlich haben Gruppen diesen Begriff für sich vereinnahmt, für die der Widerstand gegen Rechtsaußen zwar identitätsstiftend ist, die aber letztlich auf eine Abschaffung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, der parlamentarischen Demokratie und der bürgerlichen Gesellschaft abzielen. Antifaschismus ist nicht linksradikal, er ist Bürgerpflicht“, sagt FDP-Bundesvorstandsmitglied Martin Hagen.

Und Historiker Peter Hoeres (Uni Würzburg) konstatiert: „Der heutige Antifaschismus mit allseitiger Anwendung des Faschismusbegriffs ist nichts anderes als die alte Volksfrontstrategie. Die Feinderklärung an ‚die Rechte’, zu der man Liberale, Konservative, Populisten und Faschisten gleichermaßen zählt, ist total – eine Bürgerkriegserklärung ohne Ausweg. Die Bürgerlichen sollen genötigt werden, sich zu entscheiden, in welches Lager des gespaltenen vormaligen Gemeinwesens sie gehören.“

Die Auswüchse

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus’. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus’.“ Lässt sich Ignazio Silones Zitat belegen? Was ist dran an der These, dass Leute, die von sich behaupten, Antifaschisten zu sein, Mittel der Faschisten anwenden? Auffällig ist in diesem Zusammenhang der Titel der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ der Bundeszentrale für politische Bildung vom 16. Oktober 2017. Auf dem Cover steht: „(Anti-)Faschismus“. Zwei Seiten einer Medaille?

Für die Antifa ist die Sache klar: Die AfD ist der Feind – und alles und jeder in ihrem Umfeld. Als im Frühjahr 2017 ein sizilianischer Gastronom in seinem Lokal „Casa Mia“ auch Leute bediente, die als Anhänger der Pegida-Bewegung zu erkennen waren, fand er wenig später Antifa-Aufkleber an den Scheiben seines Geschäfts und den auf die Hauswand gesprühten Spruch „Nazis verpisst euch“. Die Kampagne verfing: Die Brauerei kündigte den Pachtvertrag, und der sizilianische Wirt, der mit Politik nichts am Hut haben wollte, war seiner Existenz beraubt.

Ähnliches passierte im Sommer 2017 in Berlin. Zwei progressive israelische Buchhändler planten eine Veranstaltung über das umstrittene Werk des italienischen Kulturphilosophen Julius Evola (1898-1974), einen Faschisten. Ihr Ansatz: Man müsse das Denken der intellektuellen Faschisten ergründen und verstehen, um auch die von heute erkennen zu können. So weit dachte die Antifa nicht, erzeugte einen Shitstorm samt Boykottaufruf – und der Buchladen musste schließen.

Die Begrifflichkeit

Wenn der Vorwurf von „Faschismus“ oder „faschistoidem Verhalten“ fällt, dann treffen diese Begriffe – ihrer Definition nach – nicht immer zu. Nachdem der Kabarettist Serdar Somuncu einer WDR-Redakteurin nach dem Schnitt eines Auftritts Zensur vorgeworfen und diese beleidigt hatte, traf man sich 2017 vor dem Hamburger Landgericht wieder. „Und diese Arschlöcher nehmen sich heraus, im Namen der Gebührenzahler, uns zu zensieren. Und das war für mich die Keimzelle des Faschismus“, so Somuncu.

Airbus-Manager Alexander Reinhardt griff im Oktober 2019 die linksradikalen Klimaschutzaktivisten von „Extinction Rebellion“ an und schrieb bei Twitter: „Eure faschistoide Logosprache passt nahtlos zu Eurem diktatorischen Absolutheitsanspruch, der Eure Partikularinteressen rücksichtslos über das Allgemeinwohl stellt. Mit der gleichen Logik marschiert die Türkei gerade in Nordsyrien ein.“ Zur Türkei unter Präsident Erdogan passt an dieser Stelle die Einschätzung der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer: „Der politisierte Islam ist der Faschismus des 21. Jahrhunderts.“

An diesen drei Beispielen lässt sich erkennen, dass die Begriffe sinnvoll oder weniger sinnvoll benutzt werden. Dazu noch einmal der Schriftsteller Antonio Scurati: „Faschismusvergleiche halte ich für völlig kontraproduktiv und irreführend. In Italien ist das Attribut ‚faschistisch’ schon lange zur sinnentleerten Schmähung mutiert. Wenn alles, was einer ausgestellten moralischen Überlegenheit der Linken nicht ins Weltbild passt, ‚faschistisch’ genannt wird, besteht die Gefahr, das zu verharmlosen, was wirklich ‚Faschismus’ genannt werden muss.“

In den „Souvenirläden“ Predappios können Mussolini-Verehrer allerlei Devotionalien erstehen – ganz legal natürlich.

In den „Souvenirläden“ Predappios können Mussolini-Verehrer allerlei Devotionalien erstehen – ganz legal natürlich. Foto: Andreas Schnadwinkel

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