Wie Kliniken in Ostwestfalen-Lippe die letzten Wochen mit Corona erlebt haben
Jeder siebte Infizierte musste ins Krankenhaus

Bielefeld (WB). Von den 3678 Menschen in Ostwestfalen-Lippe, bei denen bisher das Corona-Virus festgestellt wurde, mussten nahezu 500 stationär behandelt werden – fast jeder siebte. Das ergab eine WESTFALEN-BLATT-Umfrage bei den Krankenhäusern der Region.

Freitag, 05.06.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 05.06.2020, 07:35 Uhr
Symbolbild. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Symbolbild. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

119 Menschen überlebten die Infektion nicht, viele von ihnen hatten aber weitere schwere Krankheiten bis hin zum Lungenkrebs. Die Zahl der freien Intensivbetten, die die Kliniken geschaffen hatten, war mehr als ausreichend. Sie wird jetzt wegen der flachen Infektionskurve wieder zurückgefahren, alleine am Donnerstag um 348 Betten. So müssen Patienten mit planbaren Operationen nicht länger warten und die Krankenhäuser können wieder mehr einnehmen. Zehn Prozent der Intensivbetten werden aber weiter für Corona-Patienten freigehalten. Wie Kliniken in Ostwestfalen die letzten Wochen erlebt haben – hier ein Überblick:

Fast alle Organe betroffen

Dr. Jost Niedermeyer, Leiter der Pneumologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ) in Bad Oeynhausen: „Zu Beginn der Pandemie galt die Infektion primär als Lungeninfektion mit möglichem Lungenversagen. Dann setzte sich aber rasch die Erkenntnis durch, dass vor allem bei den schwer verlaufenden Infektionen fast alle Organe betroffen sein können. Es kann insbesondere zu Gerinnungsstörungen, Herzproblemen, Nierenversagen, Einschränkung der Leber- und Darmfunkton sowie neurologischen Komplikationen bis hin zum Schlaganfall kommen. Dies Komplikationen können im Einzelfall entscheidender für den Ausgang der Erkrankung sein als die auslösende Lungenentzündung.”

Weil sich die Allgemeinkrankenhäuser in Ostwestfalen-Lippe medizinisch, technisch und personell gut aufgestellt hatten und eine Welle todkranker Corona-Patienten ausblieb, musste das NRW-Herz- und Diabeteszentrum bisher nur elf Corona-Patienten stationär und einen Patenten ambulant behandeln. Sie waren 34 bis 84 Jahre alt. Das Bereithalten von 20 freien Intensiv-Beatmungsplätzen hat für das HDZ nach dessen Angaben im April etwa 1,8 Millionen Euro Umsatzverlust bedeutet, der aber zum Teil vom Bund kompensiert wird. Alleine für einen Vorrat an Schutzkleidung und Desinfektionsmittel hat das Zentrum mehr als eine Million Euro ausgegeben.

Kranke negativ getestet

„Eine neue Erkenntnis für uns war, dass bei einigen Patienten mit Covid-19 der Test auf das Coronavirus über mehrere Tage negativ ausfiel”, sagt Prof. Dr. Sebastian Rehberg, Intensiv-Koordinator im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (EvKB). „Deshalb richten wir uns – auch wenn der Test zunächst negativ ist – immer nach den klinischen Symptomen wie Geruchsverlust, grippeähnlichen Symptome, Lungenentzündungen und auch nach den typischen Veränderungen der Lunge.” Auch dass Patienten sehr lange beatmet werden müssen sei für andere ähnliche Erkrankungen eher untypisch.

Prof. Dr. Thomas Vordemvenne, Ärztlicher Direktor des EVKB: „Im Moment halten wir noch sechs Intensivbetten für Corona-Patienten frei. Anfangs waren es, wie vom Gesundheitsministerium gefordert, 54 Intensivbetten für beatmete Patienten.” Doch die Welle schwerkranker Patienten blieb aus. „Zusammen mit dem Krankenhaus Mara haben wir bis heute 17 Corona-Patienten im Alter zwischen 27 und 97 Jahren behandelt. Fünf von ihnen mussten beatmet werden.” Durch das Freihalten der Intensivbetten und das Verschieben planbarer Eingriffe sei die Zahl der Operationen im April um 20 Prozent gesunken. Während die Krankenhäuser für die freigehaltenen Betten eine Pauschale vom Bund bekommen, sieht Prof. Vordemvenne auch Posten, auf denen das Krankenhaus im Moment sitzenzubleiben scheint: „Darunter fallen unter anderem die Tests für Patienten bei der Aufnahme, während des Aufenthalts und vor der Entlassung sowie die Testungen für Mitarbeiter.” Jeder kostet etwa 60 Euro.

Lob für die Krisenstäbe

Dr. Georg Rüter ist Geschäftsführer der Katholischen Krankenhausvereinigung Ostwestfalen, zu der das Mathilden-Hospital Herford, das Franziskus-Hospital Bielefeld und das St.-Vinzenz-Hospital in Rheda-Wiedenbrück gehören. Er sagt: „Wir haben bisher acht Corona-Patienten zwischen 52 und 97 Jahren versorgt. Es gab junge Patienten mit sehr schweren Verläufen und alte mit eher milden Verläufen. Die beiden Todesfälle in unseren Häusern betrafen allerdings alte Menschen mit sehr schweren Vorerkrankungen. Einer war fast 90 und hatte Lungenkrebs.” Nach wie vor werde bei jedem Patienten, der in eines der drei Krankenhäuser aufgenommen werde, ein Abstrich gemacht, der 60 Euro koste. „Bei jedem 100. entdecken wir das Coronavirus.” Obwohl die drei Krankenhäuser als einzige in Ostwestfalen-Lippe vom Robert-Koch-Institut mit dem „Goldsiegel saubere Hände” ausgezeichnet seien, sei der Desinfektionsmittelverbrauch noch einmal um 60 Prozent gestiegen. Rüter lobt die Arbeit der kommunalen Krisenstäbe: „Ich arbeite mit dem Kreis Herford, dem Kreis Gütersloh und der Stadt Bielefeld zusammen, und muss sagen, dass dort sehr professionell gearbeitet wird.”

Unerwartete Verläufe

Auch im Kreisklinikum Herford , das bisher 55 Corona-Patienten zwischen 19 und 93 Jahren stationär versorgt hat, hat sich gezeigt, dass kaum ein Corona-Fall einem anderen gleicht. Prof. Dr. Thorsten Pohle, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, Pneumologie, Diabetologie und Geriatrie: „Wir waren schon erstaunt, dass die Krankheit so unterschiedlich verläuft. Es gab teilweise sehr schwere Verläufe, die nicht immer zu erwarten gewesen wären. Manche Patienten waren sehr schwer erkrankt, haben sich aber schnell erholt. Andere hatten einen nur mäßig schweren, aber sehr langen Krankheitsverlauf. Wieder andere mussten sehr lange intensivmedizinisch behandelt werden. Das ist ein Muster, das man bisher in dieser Form noch nicht kannte.” Bei den Symptomen seien die sehr ausgeprägten Geschmacks- und Geruchsstörungen auffallend gewesen.

Unternehmenssprecherin Monika Bax sagte, das Klinikum habe wie andere Häuser viel investieren müssen, unter anderem in Schutzausrüstung: „Da haben sich die Preise zum Teil mehr als verzehnfacht.” Jeder neue Patient werde weiterhin zur Vorsicht auf das Virus getestet, was 60 Euro pro Abstrich koste. „Es soll eine Gegenfinanzierung geben, aber nur rückwirkend bis zum 14. Mai. Das hieße, dass wir auf den Kosten für zwei Monate sitzenblieben.”

Schneller Wissensaustausch

Das Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn hat bisher 22 Corona-Patienten behandelt – hauptsächlich Menschen über 80 mit Vorerkrankungen. Sprecherin Simone Yousef: „Unser Dank gilt den medizinischen Fachgesellschaften, die die aktuelle Literatur für alle Ärzte freigeschaltet und auch Seminare im Internet veranstaltet haben. So konnten sich Ärzte und Pflegekräfte sehr gut vorbereiten. Dazu haben aber auch interne Fortbildungen, zum Beispiel zur Bedienung der Beatmungsgeräte, beigetragen.” Die Umsatzeinbußen im April beziffert das Haus mit 50 bis 60 Prozent. „Dazu kommen Kosten etwa zum Testen aller Mitarbeiter und Patienten, für die die Kostenübernahme bis heute nicht geklärt ist.” Darüber sein man sehr enttäuscht.

101 Patienten behandelt

Durch eine Masseninfektion während eines „Bayerischen Abends” in Espelkamp war der Kreis Minden-Lübbecke zu Beginn der Pandemie besonders stark betroffen. Dr. Olaf Bornemeier, der Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken: „Wir haben bisher 101 Corona-Patienten behandelt.” Der jüngste sei erst zwölf Jahre alt gewesen, der älteste 96.

Ohne das große Engagement der Mitarbeiter sei die Bewältigung der Krise nicht möglich wäre, sagt Bornemeier. „Wir haben am Klinikum Minden als Hauptbehandlungsort für Corona-Patienten eine kreisweite Anlaufstelle für Verdachtsfälle eingerichtet, Intensivbetten und Beatmungsplätze aufgestockt und die Testkapazitäten auf 2000 mögliche Tests pro Tag erhöht.”

Asymptomatische Fälle

Wie wenig bisher über das Virus bekannt ist – das mussten auch die Ärzte im Lukas-Krankenhaus Bünde und in der Geriatrischen Fachklinik Enger erfahren. „Wir hatten mehrere asymptomatische Fälle”, sagt Geschäftsführer Roland von der Mühlen . „Bei uns lagen Corona-Patienten ohne die typischen Anzeichen. Sie waren fieberfrei, hatten keine Atemnot und auch sonst nicht die typischen Symptome.” Bisher seien 13 Corona-Patienten zwischen 60 und 93 Jahren in den beiden Häusern behandelt worden. Der Umsatzverlust durch freigehaltene Betten liege bei 30 beziehungsweise 45 Prozent, wobei Kompensationszahlungen des Bundes noch nicht gegengerechnet seien. Investiert habe man in eine neuen Intensivstation, neue Beatmungsgeräte und Zugangsschleusen.

Auch Junge schwer krank

Schwerste Verläufe auch bei jungen Infizierten – davon berichtet Prof. Dr. Andreas Götte, Chefarzt der Medizinischen Klinik II des St.-Vincenz-Krankenhauses in Paderborn . Hatte das Krankenhaus in den ersten Wochen der Pandemie noch fünf Intensivbetten für Corona-Patienten freigehalten, so sind es jetzt noch drei, was der aktuellen Vorgabe des Landes entspricht, zehn Prozent der Intensivbetten in Reserve zu behalten. Prof. Götte: „Einige jüngere Patienten brauchten eine maximale intensivmedizinische Therapie mit Beatmung.”

In Einzelfällen hätten sie sogar an eine Lungenersatzmaschine und ein Dialysegerät angeschlossen werden müssen, sagt der Arzt. „Auffällig war, dass die Corona-Infektion bei einigen Patienten Embolien und Thrombosen verursachte, die die Organe zusätzlich schädigten. Das ist sonst bei viralen Infektionen unüblich.”

Dr. Martin Baur, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Anästhesiologie der St.-Vincenz-Krankenhauses, sagt, im Unternehmensverbund mit der Frauen- und Kinderklinik St. Louise und dem St.-Josefs-Krankenhaus Salzkotten habe man bisher 51 Corona-Patienten versorgt. „Sie waren zwischen sechs und 90 Jahre alt.” Dr. Martin Baur: „Natürlich werden auch Kinder, die bei uns aus anderen Gründen aufgenommen werden, auf das Corona-Virus getestet. Und wir kommen da auch zu positiven Befunden - auch wenn alle Symptome fehlen.” Bisher hätte alle Kinder die Infektion schnell überwunden..

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