Kreis verschafft sich Zugang zu Personaldaten – „Vertrauen in die Firma gleich Null“
1029 Tönnies-Mitarbeiter positiv getestet

Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück (WB/igs/dpa). Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies sind mittlerweile 1029 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet worden. Der Kreis hat sich in der Nacht zu Samstag Zugang zu den Personaldaten verschafft. Das Vertrauen in die Firma sei „gleich Null”, erklärte Krisenstabsleiter Thomas Kuhlbusch am Samstag.

Samstag, 20.06.2020, 15:42 Uhr aktualisiert: 20.06.2020, 17:02 Uhr
Die Reihentestungen auf dem Tönnies-Gelände werden auch am Samstag fortgesetzt. Foto: Bundeswehr/Deeke
Die Reihentestungen auf dem Tönnies-Gelände werden auch am Samstag fortgesetzt. Foto: Bundeswehr/Deeke

Insgesamt 3127 Befunde würden mittlerweile vorliegen, sagte Landrat Sven-Georg Adenauer am Samstag bei einer Pressekonferenz in Gütersloh. Er betonte: „Wir haben keinen signifikanten Eintrag von Corona-Fällen in die allgemeine Bevölkerung.“ Nach Auskunft von Adenauer falle der Anstieg nicht mehr so stark aus. Am Vortag waren es noch 830 positive Befunde (bei 1266 ausgewerteten Tests) gewesen.

Als Herd der Infektion scheint sich jedenfalls der Bereich der Zerlegung in dem Unternehmen herauszustellen. „Zwei Drittel der Mitarbeiter sind infiziert, das ist ein erschreckend hoher Wert”, sagte Kuhlbusch. „Wir müssen die Lage in den Griff bekommen.”

Zugriff auf Personalakten

Die Kreisverwaltung und der Arbeitsschutz hatten sich in der Nacht zu Samstag Zugriff auf die Personalakten der Firma Tönnies verschafft. „Das Unternehmen hatte es nicht geschafft, uns alle Adressen zu liefern“, sagte Adenauer. Darauf seien die Behörden gemeinsam am Freitagabend um 21 Uhr in die Konzern-Zentrale gegangen. Bis 1.30 Uhr in der Nacht dauerte die Aktion. Jetzt liegen 1300 Adressen von Wohnungen allein für den Kreis Gütersloh vor.

Das Verhältnis zwischen dem Kreis Gütersloh und der Firma Tönnies ist offenbar zerrüttet. „Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich Null. Das muss ich so deutlich sagen“, sagte Thomas Kuhlbusch am Samstag. Der Fachbereichsleiter Gesundheit beim Kreis berichtete, dass Tönnies bis Freitag Listen der Beschäftigten geliefert hatte, bei denen bei 30 Prozent die Adressen fehlten. Bei Anfragen habe die Firma immer zögerlich reagiert. Kuhlbusch gab an, dass durch die Aktion auch das “Dunkelfeld des Subunternehmertums” aufgehellt werden konnte.

Mobile Teams suchen Betroffene auf

Mobile Teams sollen nun – startend in den Schwerpunkt-Wohnorten Rheda-Wiedenbrück und Herzebrock-Clarholz – die Mitarbeiter an den 1300 Adressen aufsuchen. Dort sollen in die Testungen auch Familienangehörige mit einbezogen werden. Die zunächst 20 Teams sollen die Betroffenen auch über die Quarantäne-Regeln informieren.

„Die Teams gehen raus, damit die Menschen eine Ansprache haben. Sie sind zum Teil sehr verängstigt”, sagte Kuhlbusch. „Sie brauchen unsere Unterstützung und Solidarität.” Die mobilen Teams würden unterstützt von Polizei und Bundeswehr sowie Dolmetschern.

Alle Mitarbeiter unter Quarantäne

Seit Freitag stehen alle 7000 Mitarbeiter des Unternehmens unter Quarantäne. Das betreffe auch die Verwaltung, das Management und die Konzernspitze, teilte der Kreis Gütersloh am Freitagabend mit. Einige Mitarbeiter können den Angaben nach aber in sogenannte Arbeitsquarantäne. Das heißt, dass sie sich nur zwischen Arbeits- und Wohnort bewegen dürfen. Nach einer Verfügung des Kreises soll der Fleischbetrieb in Rheda-Wiedenbrück für 14 Tage geschlossen bleiben.

Protest vor dem Werk

Rund 60 Menschen hatten sich am Samstagmittag vor dem Werk des Schlachtereibetriebs Tönnies in Rheda-Wiedenbrück getroffen, um gegen den Konzern zu protestieren. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr den Menschen die Rechte klaut“, rief ein Sprechchor. Zahlreiche Menschen hielten Plakate hoch, auf denen etwa stand: „Stoppt das System Tönnies“ und „Tiere sind keine Ware“. Einige Protestierende hatten sich mit Kunstblut bemalt. Ein Sprecher der Polizei vor Ort sagte am frühen Nachmittag, die angemeldete Demonstration verlaufe bislang friedlich.

Organisiert wurde der Protest von mehreren Umwelt- und Tierschutzorganisationen, unter anderem Fridays for Future. „Wir verstehen uns als Gerechtigkeitsbewegung“, so Stefan Schneidt von Fridays For Future Gütersloh. Tönnies verstoße klar gegen Arbeitsrecht und Tierwohl.

Weitere Kräfte der Bundeswehr

Die Bundeswehr hat ihren Einsatz am Werk des Schlachtereibetriebs Tönnies in Rheda-Wiedenbück ausgebaut. „Wir haben noch 40 weitere Soldaten hinzu geholt“, sagte Bundeswehrsprecher Uwe Kort am Samstag. „20 davon helfen bei der Dokumentation und 20 bei der Kontaktpersonennachverfolgung.“ Die Kräfte seien mit zehn Fahrzeugen der Bundeswehr unterwegs und würden gemeinsam mit medizinischem Personal und Mitarbeitern des Kreises Gütersloh Unterkünfte abfahren und dort Menschen testen. Laut Kort sprechen die Soldaten osteuropäische Sprachen, um sich mit den Arbeitern verständigen zu können.

Bereits am Freitag waren insgesamt 25 Soldaten in Rheda-Wiedenbrück eingetroffen. Sprecher Uwe Kort schließt nicht aus, dass weitere Soldaten angefordert werden könnten.

Polizei auf Großeinsatz eingestellt

Die Polizei ist auf einen Großeinsatz eingestellt. Bei der Polizei Bielefeld wurde eine sogenannte BAO, eine Besondere Aufbauorganisation gebildet, die mögliche Einsätze landesweit koordiniert. Beamte einer Einsatzhundertschaft verteilten sich am Samstag im Gebiet des Kreises Gütersloh.

Nach Angaben einer Sprecherin der Polizei Bielefeld sollen sie bei Anforderung durch die Ordnungsbehörden unterstützend tätig werden, „beispielsweise wenn Kontrollen durchgeführt werden“. Dies war nach ihren Angaben bis zum Mittag noch nicht der Fall. „Wir werden als Polizei nicht eigeninitiativ tätig“, sagte die Sprecherin.

Regionalen Lockdown verhindern

„Wir haben noch die Chance zu verhindern, dass es zu einem regionalen Lockdown kommt“, sagte Adenauer am Samstag. Am Tag zuvor hatte Ministerpräsident Armin Laschet mitgeteilt, dass ein regionaler Lockdown nicht mehr auszuschließen sei , wenn sich das Infektionsgeschehen nicht mehr lokalisieren lasse.

Verl stellt Wohngebiet unter Quarantäne

Die Stadt Verl hat sich derweil „aufgrund der immer mehr zuspitzenden Lage“ dazu entschieden, große Bereiche in Verl-Sürenheide, in denen viele Tönnies-Mitarbeiter leben, unter Quarantäne gestellt. Betroffen sind nach Auskunft von Bürgermeister Michael Esken Bereiche am Zollhausweg, der Grillenstraße und Libellenstraße.

„Die entsprechende Einrichtung unter Beteiligung von Bauhof, Feuerwehr und Polizei läuft derzeit an“, teilte Bürgermeister Michael Esken am Samstagnachmittag per Facebook mit. Er werde, wenn er etwas Ruhe habe, ausführlich berichten und begründen. „Wir werden auch sicherstellen, dass die Menschen vor Ort versorgt sind.“

 

Kommentare

Heiner  schrieb: 21.06.2020 10:06
20 Teams für 1300 Adressen?
20 Teams um potentiell Infizierte an 1300 Adressen aufzusuchen? Das ist hoffentlich nur ein Missverständnis, denn selbst wenn jedes Team 10 Adressen täglich angefahren und die betroffenen Personen informieren kann, dann würde das doch 14 Tage dauern, bis alle abgearbeitet sind.
Klaus Sahnwaldt  schrieb: 20.06.2020 20:46
Widerlicher Betrug am Verbraucher
Dies ist eine schwere kriminelle Angelegenheit und sollte so verfolgt werden. Da hilft auch keine "lächerliche Entschuldigung"! Sich auf diese Art die Taschen füllen? Geht nicht. Den Endverbraucher auf eine schlimme und widerliche Art betrügen? Geht nicht. Die höchstmögliche Strafe verhängen und ein lebenslanges Verbot für
ein Gründungsverbot einer neuen Firma. Es verdirbt den Anreiz auf ein ordentliches Stück Fleisch. Ich werde mein Fleisch nur noch bei einem Metzger meines Vertrauens kaufen
2 Kommentare
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