Tönnies unter Druck
Mehr als 1300 Corona-Fälle in Fleischfabrik

Der Corona-Ausbruch mit mehr als 1300 Infizierten in einer Fleischfabrik stellt NRW-Ministerpräsident Laschet vor eine Herausforderung. Die Behörden versuchen, die Infektionskette zu unterbrechen. In der Kritik steht der Unternehmer Clemens Tönnies.

Sonntag, 21.06.2020, 17:34 Uhr aktualisiert: 21.06.2020, 17:36 Uhr
Soldaten der Bundeswehr helfen auf dem Betriebsgelände der Firma Tönnies bei einer Corona-Reihenuntersuchung.
Soldaten der Bundeswehr helfen auf dem Betriebsgelände der Firma Tönnies bei einer Corona-Reihenuntersuchung. Foto: Deeke

Gütersloh/Berlin (dpa) - Nach dem Corona-Ausbruch mit mehr als 1300 Infizierten in einer Fabrik des Fleischkonzerns Tönnies bleiben dem Kreis Gütersloh drastische Einschränkungen des Alltags vorerst erspart.

Nach einer Krisensitzung stellte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet jedoch klar, dass ein regionaler Lockdown weiter eine Option sei, um die Infektionen unter Kontrolle zu bekommen. In der Kritik von Politik und Verbraucherschützern stehen der Unternehmer Clemens Tönnies sowie die Branche insgesamt - der Vorwurf: Ungesunder Preiskampf bei Fleisch zu Lasten der Beschäftigten, der Landwirte und des Tierwohls.

Es gebe «ein enormes Pandemie-Risiko», warnte Laschet am Sonntag in Gütersloh. Das Infektionsgeschehen sei jedoch bei der Firma lokalisierbar, und es gebe keine Infektionskette in die übrige Bevölkerung der Region. Sein Kabinett war zu einer Krisensitzung zusammengekommen.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält die Entscheidung für falsch. «Der Ausbruch blieb so lange unentdeckt, dass er sich längst auf die Bevölkerung ausdehnen konnte», twitterte er.

Lokale Ausbrüche wie im Kreis Gütersloh bestimmen weiterhin das Infektionsgeschehen in Deutschland. Insgesamt haben die lokalen Behörden dem Robert Koch-Institut (RKI) 687 Neuinfektionen binnen eines Tages gemeldet, wie das RKI meldete (Datenstand 21.06., 0.00 Uhr). Die Zahl der Neuinfektionen liegt deutlich über den Werten, die bis etwa Mitte Juni täglich gemeldet wurden.

Die Zahl der Infizierten in der Fabrik in Rheda-Wiedenbrück stieg bis Sonntag nach Angaben des Kreises auf 1331. Die Tests auf dem Gelände der Firma seien am Samstag abgeschlossen worden, hieß es. Insgesamt 6139 Tests seien gemacht worden, 5899 Befunde lägen zunächst vor, bei 4568 Beschäftigten sei das Virus nicht nachgewiesen worden.

In den vier Krankenhäusern im Landkreis werden derzeit 21 Covid-19-Patienten stationär behandelt. Davon liegen 6 Personen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden. Fünf der sechs sind nach Angaben des Kreises Tönnies-Beschäftigte.

Laschet warnte Tönnies-Beschäftigte aus anderen Ländern vor einer überstürzten Abreise in ihre Heimat und versprach «bestmögliche medizinische Behandlung» in Deutschland. Es würden so viele Dolmetscher wie möglich in die Unterkünfte der Beschäftigten geschickt. Das Problem sei, dass diese auf 1300 Liegenschaften verteilt seien. Drei Hundertschaften der Polizei unterstützten die Ordnungsämter dabei, die Quarantäne aller rund 6500 Mitarbeiter durchzusetzen.

Der Regierungschef nahm wie auch Vertreter der Botschaften Rumäniens, Polens und Bulgariens an einer Sitzung des Krisenstabs im Kreis Gütersloh teil.

Die Politik sieht parteiübergreifend Handlungsbedarf. «Fleisch ist zu billig», sagte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Sie setzt sich daher nun auch für eine Tierwohlabgabe ein, die auf Fleisch, Wurst und anderes aufgeschlagen werden könnte. «Dabei soll Fleisch kein Luxusprodukt für Reiche werden. Aber auch keine Alltagsramschware.»

Grünen-Chef Robert Habeck sagte der dpa: «Wir müssen hin zu einer Tierhaltung, die am Wohle der Tiere ausgerichtet ist und nicht einzig und alleine auf Dumping-Preise und Wettbewerbslogiken.»

«Ein höherer Preis durch eine neue Fleischsteuer oder Tierwohlabgabe garantiert leider keine bessere Qualität, kein höheres Tierwohl oder Arbeitssicherheit in Schlachtereien», sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, der «Rheinischen Post».

NRW-Ministerpräsident Laschet richtete sich direkt an das Unternehmen. «Wir werden auch Herrn Tönnies beim Wort nehmen, dass er gesagt hat, es kann keinen Zustand geben wie zuvor. Wir brauchen neue Regeln, neue Bedingungen - und das ist auch das, was wir vom Unternehmen erwarten», sagte Laschet.

Klöckner kritisierte die Zentralisierung der Schlachtbranche. «Wie man sieht, hat Größe dann einen Negativpreis.» Landwirte müssten von ihrer Arbeit leben können, auch um Ställe umzubauen.

Unionsfraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) forderte ein Ende der Preiswerbung für Fleisch. Der wöchentliche Preiskampf der Supermärkte sei «unanständig». Der SPD-Agrarpolitiker Rainer Spiering sagte der dpa: «Dass Fleisch derartig verramscht wird, hat mit dem Verramschen von Arbeitskräften zu tun.»

Kommentare

Michaela Dierkes  schrieb: 22.06.2020 14:48
Wann endlich wird Bildung systemrelevant?
Man kann sich nur wundern: man geht durch die Straßen Güterslohs und findet geöffnete Restaurants, Warenhäuser und Fachgeschäfte. Menschen in kleineren Gruppen (nein, nicht zwei, denn die Kontaktbeschränkung wurde ja nicht mit einer bestimmten Personenzahl verknüpft) flanieren entspannt durch die Straßen. Fitnessstudios sind geöffnet. Nur Schulen und Kitas sind geschlossen. Und es drängt sich die Frage auf: warum ausgerechnet sie?
Sicher, Tönnies-Mitarbeitern haben Kinder und die sind auch unter den Schülerinnen und Schülern. Aber sind sie nicht auch in der Stadt unterwegs? Schwitzen sie neben anderen Menschen im Fitnessstudio oder sitzen nebenan im Café? Man wird den Eindruck nicht los, dass Herr Adenauer schnell handeln wollte, ohne jemandem zu fest auf die Füße treten wollen. Und die Wirtschaft hat von Anfang an lauter geschrien als die Millionen von Eltern und Kindern im Land.
Zwei von meinen Kindern haben seit dem 13. März keine Schule mehr von innen gesehen. Dank Herrn Tönnies‘ Verantwortungslosigkeit werden sie es auch vor den Ferien nicht mehr tun. Wenn sie – vielleicht – im August zurückkehren dürfen, haben sie fünf Monate keinen richtigen Unterricht mehr genossen. Und bei aller Euphorie bezüglich des Digitalisierungsschubs, den die Schulen durch die Corona-Pandemie erhalten: der Kontakt von Mensch zu Mensch, zu Lehrer*innen und Mitschüler*innen, die Auseinandersetzung mit dem Lernstoff, aber auch mit den Klassenkamerad*innen, kann kein iPad und kein Laptop ersetzen. Während die fleißigen und die mit ehrgeizigen und/ oder gebildeten Eltern sich ihren Unterrichtsstoff selbst erarbeiten, geht uns eine gerade eine ganze Gruppe von Kindern verloren: sie versumpfen vor ihren digitalen Endgeräten, weil Eltern nicht mehr die Zeit oder die Kraft haben, sich zu kümmern. Ihnen und allen anderen fehlen wichtige Übungs- und Praxisphasen, die kein noch so gut gestalteter digitaler Unterricht ersetzen kann.
Wir haben gelernt, dass es offensichtliche systemrelevant ist, täglich Tausende von Schweinen zu schlachten, in der Muckibude seinen Body zu stählen, Eis zu schlecken und Klopapier kaufen zu können.
Aber wann endlich wird Bildung systemrelevant?
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