Kollaps vor TV-Interview
Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann tot

Thomas Oppermann hatte schon Ideen für sein neues Leben nach der Bundestagswahl. Jetzt ist der 66-Jährige tot. Zusammengebrochen am Rande einer Fernsehsendung. Nicht nur seine Partei ist schockiert.

Montag, 26.10.2020, 21:48 Uhr aktualisiert: 26.10.2020, 21:50 Uhr
Thomas Oppermann zog 2005 in den Bundestag ein. Von 2013 bis 2017 war der Jurist Vorsitzender der SPD-Fraktion.
Thomas Oppermann zog 2005 in den Bundestag ein. Von 2013 bis 2017 war der Jurist Vorsitzender der SPD-Fraktion. Foto: Britta Pedersen

Berlin (dpa) - Der überraschende Tod von Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann hat parteiübergreifend tiefe Bestürzung ausgelöst. Der 66-jährige SPD-Politiker war am Sonntagabend nur Minuten vor einem geplanten Interview mit dem ZDF zusammengebrochen, wie der Fernsehsender am Montag erklärte.

Zur Todesursache gab es zunächst keine Informationen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Oppermann als «charakterstarken Kämpfer für Demokratie, für den Rechtsstaat, für Fortschritt und Gerechtigkeit». Oppermann sei in seinen Ämtern immer ein eigenständiger und unverwechselbarer Charakter gewesen - «eine Persönlichkeit, die sich nicht dem Zeitgeist unterwarf und deren politisches Denken nicht an ideologischen Grenzen Halt machte».

Die SPD reagierte schockiert. «Die Zeit bleibt gerade stehen», schrieb der Abgeordnete Sören Bartol auf Twitter. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) betonte: «Unser Land verliert einen versierten Politiker, der Bundestag einen herausragenden Vizepräsidenten und die SPD einen leidenschaftlichen und kämpferischen Genossen. Wir alle verlieren einen Freund - und sind traurig.»

Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich tief traurig. «Ich habe ihn über viele Jahre als verlässlichen und fairen sozialdemokratischen Partner in großen Koalitionen geschätzt», sagte sie laut Regierungssprecher Steffen Seibert über Oppermann. Als Vizepräsident des Bundestags habe er sich «in turbulenter Zeit um unser Parlament verdient gemacht».

SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich würdigte Oppermann für «seine beherzte und zupackende Art». SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil schrieb auf Twitter, er habe Oppermann als Gesprächspartner und Ratgeber sehr geschätzt. «Man konnte lachen mit ihm. Seine Leidenschaft für Politik war für jeden spürbar. Sein viel zu früher Tod schockt mich.» Die Parteivorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken betonten: «Wir sind stolz, dass Thomas einer der Unseren war.» Sie sprachen der Familie, Oppermanns Partnerin und seinen vier Kindern, ihre Anteilnahme aus.

Oppermann war nach ZDF-Angaben am Sonntag zum Thema «Bundestag und Corona» als Live-Interviewgast in die Sendung «Berlin direkt» eingeladen. Er sollte aus dem Göttinger Max-Planck-Institut in die Sendung geschaltet werden. Während der erste Beitrag lief, sei er plötzlich zusammengebrochen. Oppermann sei dann in die Universitätsklinik Göttingen gebracht worden. «Das ganze Team von "Berlin direkt" ist bestürzt und tief betroffen», teilte der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Theo Koll, mit. Noch im Vorgespräch habe Oppermann wie gewohnt entspannt gewirkt.

Der in Niedersachsen politisch groß gewordene SPD-Politiker hatte Ende August angekündigt, bei der Bundestagswahl 2021 nicht erneut anzutreten. «Nach 30 Jahren als Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag und im Deutschen Bundestag ist für mich jetzt der richtige Zeitpunkt, noch einmal etwas anderes zu machen und mir neue Projekte vorzunehmen», erklärte er damals.

Gerade nach dieser Ankündigung sei Oppermann «voller Vorfreude auf kommende Projekte» gewesen, berichtete Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. «Ich behalte ihn vor allem als Vollblut-Parlamentarier in Erinnerung.» Als Abgeordneter im Bundestag habe sich Oppermann auf leidenschaftlich geführten Schlagabtausch verstanden, als Vizepräsident sei er auf die Wahrung der Würde des Hauses bedacht gewesen. «Er wird uns gerade in dieser - nicht zuletzt durch die Pandemie - ungemein herausfordernden Legislaturperiode sehr fehlen.»

Oppermann war 2005 in den Bundestag eingezogen. Von 2013 bis 2017 war der Jurist Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Seinen Wahlkreis Göttingen gewann er viermal hintereinander direkt. Zuletzt setzte er sich besonders für eine Verkleinerung des Bundestags ein.

Der geborene Westfale saß seit 1990 zunächst im Niedersächsischen Landtag. 1998 machte ihn Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) zum Wissenschaftsminister. Das blieb er bis zur SPD-Wahlniederlage 2003.

Auch Politiker anderer Parteien reagierten bestürzt auf Oppermanns Tod. «Wir verlieren einen klugen, debattenstarken und humorvollen Politiker und überzeugten Parlamentarier», schrieb FDP-Chef Christian Lindner auf Twitter. CSU-Chef Markus Söder sagte: «Er war ein großer und engagierter Demokrat.» CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer erklärte, der SPD-Politiker werde in der politischen Arbeit fehlen.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erinnerte an die gemeinsame Zeit als parlamentarische Geschäftsführer ihrer Bundestagsfraktionen. «Aus dem Gegeneinander von Regierung und Opposition wurde Freundschaft: So haben wir Manches bewegt», schrieb er. «Du warst ein großartiger Demokrat und ein wirklich feiner Kerl.»

Auch Linksfraktionschef Dietmar Bartsch bezeichnete Oppermann als feinen Menschen - «verlässlich und mit Herzblut bei der Sache.» Die Fraktionschefs der Grünen, Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, würdigten ihn als überzeugten Demokraten und Parlamentarier. «Und er war ein fröhlicher und verbindlicher Mensch.»

Die AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Alexander Gauland sprachen ebenfalls von einem «großen Verlust» und erklärten: «Der Deutsche Bundestag verliert mit ihm einen fairen Vizepräsidenten und einen aufrechten Demokraten, der stets auf Sachlichkeit bedacht war.»

Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) trauerte. Der Sportfan Oppermann war Vorsitzender der DFB-Ethikkommission gewesen. Verbandspräsident Fritz Keller würdigte ihn als «große Persönlichkeit, deren Weitsicht, Erfahrung, aber auch deren Verantwortungsbewusstsein wir in Zeiten wie diesen, in denen der Fußball wie die gesamte Gesellschaft vor großen Herausforderungen stehen, nötiger hätten denn je.

© dpa-infocom, dpa:201026-99-82158/9

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