Di., 06.11.2018

Kurzfristig anberaumte Mitarbeiterversammlung in Paderborn: »Wir sind alle total geschockt« Finke-Schließung: Viele der 300 Mitarbeiter bangen um ihre Existenz

Reichlich Gesprächsbedarf gab es gestern unter den Finke-Mitarbeitern in Paderborn, wie hier nach der Betriebsversammlung der Finke- Logistik. Diese ist von der Schließung zunächst nicht betroffen, wirklich erleichtert sind die meisten aber nicht.

Reichlich Gesprächsbedarf gab es gestern unter den Finke-Mitarbeitern in Paderborn, wie hier nach der Betriebsversammlung der Finke- Logistik. Diese ist von der Schließung zunächst nicht betroffen, wirklich erleichtert sind die meisten aber nicht. Foto: Jörn Hannemann

Von Maike Stahl

Paderborn (WB). Dass es möglicherweise keine guten Nachrichten sind, die sie bei der kurzfristig anberaumten Mitarbeiterversammlung am Montagmorgen erwarten, hatten viele der etwa 300 Mitarbeiter des Finke-Möbelhauses bereits geahnt. Doch dann kam alles noch viel schlimmer.

»Wir haben ja damit gerechnet, dass es Einschnitte geben wird, aber dass die Lichter hier ganz ausgehen sollen, das hat uns total geschockt«, beschreibt eine Verkaufsmitarbeiterin (58), die fast 15 Jahre am Standort Paderborn tätig ist, wie ihre Welt am Montag um 9 Uhr aus den Fugen geriet. »Abreißen. Das kann man doch nicht machen«, sagt sie kopfschüttelnd. Eine Kollegin habe direkt angeregt, eine Mahnwache vor dem Eingang des Möbelhauses zu errichten, das im kommenden Jahr seinen 60. Geburtstag feiern könnte – nach Feiern wird nach diesem Vormittag allerdings niemand mehr zumute sein.

Es herrscht Lethargie

Überall im Haus stehen Mitarbeiter beisammen und erörtern die Lage. »Aussichtslos«, sagt einer. »Wir stehen nach dem 30. Juni alle auf der Straße.« 170 Mitarbeiter aus dem Verkauf und 130 aus der Verwaltung sind von der Schließung betroffen, die in zwei Etappen erfolgen soll: Am 30. Juni endet der Verkauf, am 31. Dezember schließt die Verwaltung. Das Gebäude wird nach den Plänen, die Höffner-Juniorchefin Sonja Krieger und Höffner-Geschäftsführer Andreas Müller sowie Finke-Geschäftsführer Franz-Josef Golücke den etwa 130 in der Cafeteria versammelten Mitarbeitern vorstellten, dann abgerissen. »Ganz viele Kollegen haben in der Versammlung geweint«, berichtet die Verkäuferin. »Sie sehen keine Zukunft mehr.«

Nach der Verkündung des Zukunftskonzepts für Finke habe Lethargie geherrscht, bestätigen auch Betriebsratkreise. Auch der Betriebsrat sei von dieser Entscheidung überrascht worden. »Auch von den schlechten Zahlen in Paderborn. Das war bei den monatlichen Terminen zwischen Wirtschaftsausschuss und Geschäftsführung bisher in der Form auch kein Thema«, berichtet ein Betriebsrat.

Verzögerungen zerren an den Nerven

Begründet worden seien Schließung und Abriss aber nicht nur mit der wirtschaftlichen Lage des Möbelhauses in Paderborn, sondern auch mit dem schlechten Zustand des Gebäudes. Das erkennen auch einige Mitarbeiter aus dem Verkauf an. »Wenn man genau hinschaut, ist das nicht zu übersehen«, sagt ein junger Mann und deutet auf schadhafte Stellen in der Fassade.

Bei Finke-Logistik sollte die Mitarbeiterversammlung ursprünglich um 12 Uhr beginnen. Doch es kommt zu Verzögerungen, die an den Nerven der Mitarbeiter zerren, die durch die Nachricht von der Schließung des Möbelhauses hochgradig besorgt sind. Eine Mitarbeiterin hat eigens ihren Urlaub abgebrochen. Um 13 Uhr kommt sie dann einigermaßen erleichtert aus dem Bürotrakt an der Halberstädter Straße. »Freuen kann man sich angesichts der Gesamtsituation nicht wirklich, aber es gut zu wissen, dass es für uns erst einmal weitergeht«, sagt sie. Begründet wurde dies offenbar damit, dass Höffner mit einem System arbeite, dass mit dem von Finke nicht kompatibel sei, so dass der Standort zunächst erhalten bleibe. »Darüber, was danach kommt, denken wir jetzt lieber gar nicht nach.«

59 Jahre Finke

1959 gründete Franz Finke das Möbelunternehmen auf 100 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Sein Sohn Wilfried trat 1968 in das Unternehmen ein und übernahm 1978 die Geschäftsleitung des mehrfach erweiterten Paderborner Möbelhauses.

Weitere Standorte werden in Erfurt (1993), Kassel (1995), Münster (1998) und Jena (2004) eröffnet. Das Möbelhaus in Paderborn wird 2003 auf 42.000 Quadratmeter ausgebaut. Zuletzt wurde 2014 das Logistikzentrum in Paderborn erweitert und 2015 das Möbelkompetenzzentrum »finke Center« in Hamm eröffnet.

In diesem Jahr verkaufte Wilfried Finke das Unternehmen an die Höffner-Gruppe.

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