Mo., 28.01.2019

Gerry-Weber-Vorstandschef Johannes Ehling wirbt bei den Händlern um Unterstützung – mit Video »Diese Insolvenz ist eine Riesenchance«

Gerry-Weber-Vorstandschef Johannes Ehling auf der cpd; die Marke Taifun feiert in diesem Jahr 30. Geburtstag.

Gerry-Weber-Vorstandschef Johannes Ehling auf der cpd; die Marke Taifun feiert in diesem Jahr 30. Geburtstag. Foto: Bernhard Hertlein

Von Bernhard Hertlein

Düsseldorf/Halle (WB). Am Freitag hat Gerry-Weber-Vorstandschef Johannes Ehling die Belegschaft in Halle über die Insolvenz in Eigenverwaltung informiert. »Ein wirklich schwerer Schritt«, sagt er – zumal die Entscheidung auf Messers Schneide gestanden habe. Nicht einmal 18 Stunden später wirbt er bei den Händlern in Düsseldorf: »Diese Insolvenz ist eine Riesenchance.«

Schneematsch, Regen und ein dunkler, wolkenverhangener Himmel: Das äußere Ambiente entspricht am frühen Samstag in gewisser Weise der Endzeitstimmung, die sich in der deutschen Modebranche breitzumachen droht. Sie kommt nicht von ungefähr. Schließlich haben vor allem der mittelständische Fachhandel, aber auch einige Hersteller wie Tom Taylor, Es­prit und eben Gerry Weber im vergangenen Jahr deutlich Federn gelassen.

Sprache der neuen Mode: leichter und lässiger

Die Parkplätze sind zwar wie immer zur Modemesse cpd voll. In der Halle 29, deren Verkauf im vergangenen Herbst dringend benötigte 36 Millionen Euro in die Kasse der Gerry Weber AG gespült hat, heben die obligatorischen Scheinwerfer die Sorgenfalten aber nur noch mehr hervor. Erst allmählich kommt die Sprache auf die neue Mode: alles leichter und lässiger, mehr Rot und noch mehr Karos als schon jetzt in der laufenden Herbst/Wintersaison.

Kurz nach 11 Uhr trifft Ehling ein: »Meine Mutter hat mich im Fernsehen gesehen und gesagt, ich sehe schlecht aus.« Doch keiner darf sich jetzt hängenlassen, am allerwenigsten der Vorstandschef selbst. »Dazu besteht auch überhaupt kein Anlass«, und er wiederholt: »Diese Insolvenz in Eigenverwaltung ist eine Riesenchance.« Die geplante Restrukturierung habe die Zustimmung des neuen Generalbevollmächtigten Dr. Christian Gerloff und des vom Gericht bestellten Sachwalters der Gläubigerinteressen Stefan Meyer (Pluta). Bis zu 900 der konzernweit 6500 Arbeitsplätze sollen abgebaut und bis zu 230 der zuletzt noch 1200 eigenen Filialen geschlossen werden – nicht mehr, eher vielleicht sogar weniger, wenn sich der Trend der letzten drei Monate fortsetze und Gerry Weber die gesteckten operativen Ziele weiterhin übertreffe.

Am Ende habe es wesentlich an einer Investorengruppe gelegen, die, obschon sie vorher zu vielem ihr Okay gegeben habe, den letzten Schritt nicht gegangen sei, erklärt Ehling. Dagegen hätten die Gründerfamilien und Mehrheitsaktionäre Weber und Hardieck ­allem zugestimmt, was die Banken gefordert hätten.

Marke wandelt sich

Am Sonntag traf Ehling die Vertreter der größten Einzelhandelskunden im Düsseldorfer Hotel »Inside«. Dort hatte man schon wahrgenommen, dass sich die Marke wandelt. Weniger Schnickschnack, feiner, nicht zu viele Schnörkel, nicht zu überladen: Das wünschten sich die Kundinnen ab 50 Jahre von Gerry Weber, wie eine Umfrage ergab, an der sich mehr als 25.000 Frauen beteiligt haben. Von den Händlern erhielt Ehling die größtmögliche Rückendeckung. »Im gehobenen Genre der klassischen Moderne gibt es kein Unternehmen in der Größe, das Gerry Weber ersetzen könnte«, sagten Teilnehmer.

Zu den »Hausaufgaben«, die Ehling zufolge bereits in Angriff genommen wurden, gehört die Reduzierung der ausgelieferten Ware: »Da haben wir in der Vergangenheit aus Angst, einmal nicht lieferfähig zu sein, stark übertrieben.« Die Folgen waren große Überhänge, die dann zu deutlich niedrigeren Preisen verkauft werden mussten, und zu Abschreibungen von 13 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr führten. In diesen Zusammenhang gehört auch Ehlings Programm »Ready to ­wear«. Die Ware soll zu dem Zeitpunkt ausgeliefert werden, wenn sie die Kundin sofort tragen – also keine Herbstware schon im Juli. Gerade in einem langen, heißen Sommer wie 2018 war die unzeitgemäße Präsentation der Ware ein Grund, warum die gesamte Branche mit Ausnahme von E-Commerce und einigen Discountern Umsatzrückgänge verzeichnete.

Um den Wandel den Kundinnen bekannt zu machen, plant Gerry Weber – ungewöhnlich für ein Unternehmen in Insolvenz – ab Juli eine große und breit angelegte Werbekampagne in TV, Social Media und Printmedien. Das Geld dafür gewinne man durch Umschichtung. Unter anderem entfallen Ausgaben für die auslaufende Kampagne mit dem Model Eva Herzigova und für die ausgelaufene Marke »Talk about«.

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