Sa., 23.03.2019

Modekonzern arbeitet an Zukunftsplan – Regelungen für Stellenabbau Gerry-Weber-Mitarbeiter verzichten auf Geld

Die Zentrale des Modekonzerns Gerry Weber: Die Lohneinbußen treffen vor allem 600 der 1100 Mitarbeiter am Stammsitz Halle.

Die Zentrale des Modekonzerns Gerry Weber: Die Lohneinbußen treffen vor allem 600 der 1100 Mitarbeiter am Stammsitz Halle. Foto: Oliver Schwabe

Von Oliver Horst

Halle (WB). Der ums Überleben kämpfende Haller Modekonzern Gerry Weber macht bei der Sanierung Fortschritte und arbeitet weiter am Zukunftskonzept. Die Mitarbeiter haben am Freitag Lohneinbußen zugestimmt . Zudem sind jetzt auch Eckpunkte für den geplanten Abbau von bis zu 900 der konzernweit 6500 Stellen festgelegt.

Rund 90 Prozent der Mitglieder der IG Metall in der Belegschaft stimmten dem von Gewerkschaft und Unternehmensspitze ausgehandelten »Zukunftstarifvertrag« zu. Das sagte Ute Herkströter, Geschäftsführerin der IG Metall Bielefeld. Dieser gilt für 600 Mitarbeiter bei der Konzernmutter sowie in der Verwaltung der für die Filialen zuständigen Einzelhandelstochter Retail GmbH, die beide Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet haben.
Urlaubs- und Weihnachtsgeld entfallen demnach im laufenden Jahr komplett, 2020 sollen sie zu jeweils 25 Prozent gezahlt werden. Für 2021 ist die Zahlung von 75 Prozent des tariflichen Urlaubsgelds vorgesehen und von 50 Prozent des Weihnachtsgelds sowie weitere 50 Prozent als Bleibeprämie für treue Mitarbeiter. Weitere Ausschüttungen sollen aus zwei Töpfen erfolgen, die bei der Konzernmutter mit 800.000 und bei Retail mit 500.000 Euro gefüllt werden. IG- Metall-Mitglieder erhalten ab April 2020 auch Ausschüttungen aus einem Fonds mit 200.000 Euro.
Die Flächentariferhöhungen 2019 um 2,6 Prozent und 2020 um 2,3 Prozent werden mit dreimonatiger Verzögerung in Kraft treten. Die Einmalzahlung von 340 Euro wird halbiert. Herkströter: »Ab April 2022 gilt wieder der Flächentarif.« Zudem habe die Gewerkschaft zum Jahresende ein Sonderkündigungsrecht, falls die Investorensuche abgebrochen wird.
Etwa 200 Mitarbeiter für das Großhandelsgeschäft in Halle stunden derweil das noch ausstehende Weihnachtsgeld 2018. Den 300 Beschäftigten des Logistikzentrums wird die Sonderzahlung dagegen kurzfristig ausgezahlt.
Die Einbußen seien geringer als beim ursprünglichen, im Januar vor dem Insolvenzantrag ausgehandelten Sanierungstarifvertrag, sagte Herkströter. Der wiederum hatte aber Nachzahlungen vorgesehen für den Fall, dass die Lage des Unternehmens dies zulässt.

Weniger Filialen könnten geschlossen werden

Zudem haben Betriebsrat und Konzernleitung Eckpunkte zum Stellenabbau vereinbart. Details wollte Betriebsratschef Lutz Bormann noch nicht nennen. Für die Konzernmutter und die Retail GmbH gelten wegen der Insolvenzanträge gesetzliche Höchstgrenzen bei Abfindungen. So dürfen für die betroffenen Mitarbeiter beider Firmen maximal 2,5 Monatsgehälter in einen Topf fließen. Nach WESTFALEN-BLATT-Informationen sieht die Einigung eine niedrigere Quote und eine einstellige Millionensumme vor.
Bormann hofft, dass am Ende deutlich weniger als 900 Stellen wegfallen . Und zwar, weil weniger als die ursprünglich geplanten 230 von rund 1200 Filialen geschlossen werden. »Der Konzern erhält von Vermietern immer wieder Angebote für Mietminderungen. So kommen einige Filialen quasi über Nacht aus der Verlustzone in die schwarzen Zahlen.« Durch die Filialschließungen sollten rund 600 Stellen wegfallen, weitere 300 in der Zentrale und im Logistikzentrum in Halle. Beides kann mit Insolvenzeröffnung schneller erfolgen, weil Miet- und Arbeitsverträge dann mit dreimonatiger Frist gekündigt werden können.

»Wettbewerb der Konzepte«

»Alle Beteiligten wollen eine zeitnahe Umsetzung. Die Mitarbeiter haben dann Klarheit und der Konzern kann Investoren ein fertiges Konzept präsentieren«, sagt Bormann. Ein Konzernsprecher bezeichnete die Gespräche mit der Arbeitnehmerseite als »konstruktiv, atmosphärisch gut und von gegenseitigem Respekt geprägt«. Bormann berichtet zudem von großer Loyalität der Mitarbeiter. »Es haben weniger Kollegen von sich aus gekündigt als befürchtet.« Zu der Treue dürfte die Perspektive beitragen, dass es bei Gerry Weber dauerhaft weitergehen könnte. Dem Vernehmen nach läuft das Geschäft – wie auch in der gesamten Modebranche – derzeit gut und deutlich besser als im sehr schwierigen Vorjahr.
Das sorgt für zusätzliche Zuversicht – und dürfte auch Gespräche mit Investoren einfacher machen. Wie berichtet, sucht die Investmentbank Macquarie weltweit nach Käufern oder Geldgebern. Parallel dazu wird an Plan B gearbeitet: Einem Insolvenzplan, der mit einer Reduzierung der Schulden von mehr als 200 Millionen Euro die Basis für einen Neubeginn legen soll. Der als Generalbevollmächtigter tätige Sanierungsexperte Dr. Christian Gerloff spricht von einem »Wettbewerb der Konzepte«. Er erwartet, dass sich die Zukunft des Modekonzerns bis Ende Juni entscheidet.

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