Do., 13.06.2019

Kammerpräsidentin Lena Strothmann verabschiedet sich nach 19 Jahren in den Ruhestand Strothmann: »Das Handwerk muss mit der Zeit gehen«

Lena Strothmann im Gespräch.

Lena Strothmann im Gespräch. Foto: Thomas F. Starke

Bielefeld (WB). In der Geschichte des OWL-Handwerks endet am 26. Juni eine Ära. An dem Tag entscheiden die neugewählten Mitglieder der Vollversammlung über die Nachfolge an der Spitze der Kammer. Lena Strothmann (66) hatte das Amt 19 Jahre inne. Mit ihr sprach Bernhard Hertlein.

Abschied von der Nähnadel und Abschied vom Bundestag: Beides liegt schon hinter Ihnen. Nun gehen Sie auch als Präsidentin der OWL-Handwerkskammer in den Ruhestand. Welcher Abschied ist der schwerste?

Lena Strothmann: Der jetzige. Schon weil es der letzte und damit der endgültige ist. Andererseits hatte ich genügend Vorbereitungszeit, um mich jetzt auch auf den neuen Lebensabschnitt zu freuen. Ein Trost ist: Man geht niemals so ganz. Ich werde weiter an Veranstaltungen teilnehmen und bleibe damit der Handwerkerfamilie verbunden.

 

Sie waren viele Jahre lang nicht nur die erste, sondern auch die einzige Frau, die eine Handwerkskammer in Deutschland ehrenamtlich geführt hat. Wie steht es heute um die Gleichstellung im Handwerk?

Strothmann: Die eigentliche Herausforderung ist, Frauen für die Übernahme von Ehrenämtern zu gewinnen. Handwerkerinnen sind ohnehin schon doppelt belastet – durch die Familienarbeit und im Betrieb. Wenn ein Mann ein Ehrenamt übernimmt, gibt es meistens eine Frau, die ihm den Rücken freihält. Frauen haben es da schwerer, vor allem wenn mehrere Kinder da sind. Ich weiß das, obwohl wir nur eine Tochter haben. Trotz großer Fortschritte über das gesamte Handwerk gibt es immer noch Gewerke, die von Männern dominiert werden. In Berufen wie Friseurin, Kosmetikerin, Augenoptikerin, Schneiderin und Raumausstatterin sind Frauen dagegen in den berufsständischen Verbänden schon adäquat vertreten.

 

Vor 15 Jahren haben die Handwerkskammern den Kampf um die Beibehaltung des Meisterbriefs in vielen Berufen verloren. Nun scheint es, dass die Reform zumindest in Teilen zurückgedreht wird. Wie gern hätten Sie das noch im Amt miterlebt?

Strothmann: Sehr gern. Als ich in den Bundestag gewählt wurde, war die damalige Regierung von SPD-Kanzler Gerhard Schröder gerade dabei, zahlreiche Meisterberufe aus der Handwerksrolle A zu streichen. Obwohl wir gute Argumente dagegen hatten, konnte die Handwerksorganisation nur das Schlimmste verhindern. Jetzt ist die Große Koalition dabei, einige Berufe wieder in die Liste zurückzuführen. Das Vorhaben ist inzwischen auf so gutem Weg, dass es meinen Einsatz nicht mehr braucht.

 

Welche Berufe soll das vor allem betreffen?

Strothmann: Das wird nach objektiven Kriterien entschieden – auf der Grundlage von Studien, die gerade in Arbeit sind. Es gibt einige Berufe wie etwa die Fliesenleger, in denen der Druck sehr groß ist. Und andere, die wie die Gebäudereiniger gar nicht zurückkehren wollen.

 

Von Seiten der Monopolkommission wird dem Handwerk vorgehalten, es scheue den Wettbewerb. Stimmt das?

Strothmann: Nein. Wir wollen nur keinen ungleichen Wettbewerb, bei dem ein Meisterbetrieb viel höhere Kosten schultern muss als die Konkurrenz, die nicht ausbildet und einen niedrigeren Aufwand zu tragen hat.

 

Allerdings klagen die Verbraucher über hohe Preise sowie lange Warte- bzw. Lieferzeiten. Liegt das nicht auch an dem schweren Zugang zum Job?

Strothmann: In Zeiten einer Hochkonjunktur und des Fachkräftemangels sind längere Wartezeiten keine Sensation. Unsere Betriebe müssen zudem mit höheren Material-, Personal- und anderen Kosten zum Beispiel für Energie zurechtkommen. Wenn Betriebe ohne Meisterbrief andere Preise anbieten, dann hat das oft auch damit zu tun, dass sie nicht gelernt haben, nachhaltig zu kalkulieren.

 

Das Handwerk war stets stolz auf seine Integrationskraft. Viele Meister haben es sich früher als Verdienst angerechnet, wenn sie einen Jugendlichen mit keinem oder einem schlechten Schulabschluss auf die Sprünge helfen konnten. Wie ist das heute?

Strothmann: Genauso. Allerdings stellen wir fest, dass die Ausbildungsreife der Jugendlichen abgenommen hat. Da ist der Staat in der Verantwortung.

 

Sie hatten einen wesentlichen Anteil an der »Charta der Vielfalt«, auf die sich das Handwerk verständigt hat. Wie sieht es konkret mit der Integration von Migranten und Flüchtlingen ins Handwerk aus?

Strothmann: Das Handwerk leistet gerade in OWL einen großen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen. Inzwischen ist das Alltag und läuft geräuschlos. Voraussetzung ist, dass die Flüchtlinge die Sprache erlernen. Und natürlich wünschen wir uns, dass sie nicht während oder unmittelbar nach der Ausbildung zurückgeschickt werden.

 

Nennen Sie bitte drei Argumente, warum ein Abiturient heutigentags nicht studieren, sondern eine duale handwerkliche Ausbildung anstreben sollte!

Strothmann: Erstens wegen der vielen und sehr unterschiedlichen Karrierechancen. Zweitens hat der, der nach Abschluss einer Lehre studiert, wegen seiner Erfahrungen in der Praxis deutlich bessere Chancen, eine gute Stelle in einem Unternehmen zu bekommen. Drittens lohnt sich die handwerkliche Ausbildung auch finanziell. Der Geselle verdient schon lange gutes Geld, wenn der Student noch von Bafög leben muss.

 

Eine Frage an die Schneiderin: Die deutsche Textilindustrie erlebt eine schwere Zeit. Wie geht es dem deutschen Schneiderhandwerk?

Strothmann: Auch wir haben es schwer, gerade im ländlichen Raum. Man muss keinen Meisterbrief haben, um sich selbstständig zu machen. Das geht zum Beispiel auch mit dem Abschluss an einer Hochschule für Design. Aber diese Betriebe können keine neuen Gesellen ausbilden. Das ist ein Grund, warum die Ausbildung im traditionellen Schneiderhandwerk zurückgeht.

 

Und was möchten Sie Ihrem Nachfolger auf den Weg geben?

Strothmann: Es ist wichtig, die gesellschaftlichen Strömungen einer Zeit zu erkennen. Neue Aufgaben fordern andere Antworten. Das Handwerk muss mit der Zeit gehen, damit es für die Schulabgänger attraktiv bleibt. Das gilt auch für die technische Entwicklung. Es ist Aufgabe der Handwerkskammer, in Sachen Digitalisierung voranzugehen und die Mitgliedsbetriebe auf dem Laufenden zu halten. Mit dem Bau des Campus Handwerk haben wir dafür eine wichtige Voraussetzung geschaffen. Das Gebäude muss aber weiter mit Leben gefüllt werden.

Zur Person

Lena Strothmann, in Münster geboren, hat nach Schulbesuchen in Lippstadt und Soest eine Lehre zur Damenschneiderin absolviert. Anschließend studierte sie in München Modedesign. 1983 machte sie sich in Gütersloh selbstständig. Ab 1993 war sie Geschäftsführerin der Firma Kleegräfe und Strothmann »Die Maßschneider«.

Politisch engagierte sich Strothmann für die CDU und gehörte von 2003 bis 2013 dem Deutschen Bundestag an.

1998 wurde Strothmann zur Präsidentin der OWL-Handwerkskammer gewählt – als erste Frau an der Spitze einer Handwerkskammer in Deutschland. Von 2002 bis 2004 war sie stellvertretende Vorsitzende des Westdeutschen Handwerkskammertags und seit 2005 im Präsidium des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH).

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