Di., 25.06.2019

Stiftung Warentest hält jedes vierte frei verkäufliche Medikament für »wenig geeignet« Rezeptfrei – aber nicht empfohlen

Erkältung? Kopfschmerzen? Magengrimmen? Selbstmedikation mit rezeptfreien Medikamenten ist nach Ansicht der Stiftung Warentest nur bedingt empfehlenswert.

Erkältung? Kopfschmerzen? Magengrimmen? Selbstmedikation mit rezeptfreien Medikamenten ist nach Ansicht der Stiftung Warentest nur bedingt empfehlenswert. Foto: Matthias Hiekel/dpa

Von Bernhard Hertlein

Berlin (WB). Etwa 50.000 der in Deutschland zugelassenen 100.000 Medikamente sind in den Apotheken rezeptfrei erhältlich. Viele sind ungeeignet, heißt es in einem Bericht der Stiftung Warentest. Darunter finden sich auch Präparate mit bekanntem Namen.

Von den 2000 Präparaten, die die Experten der Stiftung Warentest untersucht haben, erfüllten 500, und damit jedes vierte Medikament, die Erwartungen nicht. »Nur weil ein Arzneimittel in Deutschland zugelassen ist, muss es nicht empfehlenswert sein«, erklärte Prof. Gerd Glaeske, Pharmazeut und Experte der Stiftung Warentest. Konkret kritisiert er, dass Wirksamkeitsstudien oft zu kurz liefen. Damit ließen sich Nebenwirkungen, die erst nach längerer Einnahme entstehen, nicht erkennen. Für grundsätzlich kritikwürdig halten die Experten Kombipräparate mit mehreren Inhaltsstoffen.

Die schlechteste Bewertung bekommt ein Medikament, dessen therapeutische Wirksamkeit nach Ansicht der Experten nicht ausreichend belegt oder im Vergleich zu seinen Nebenwirkungen zu gering ist. Ein paar Beispiele aus dem Testbericht:

Schmerzen

Bei Schmerzmitteln ist die Kombination mehrerer Wirkstoffe offenbar besonders verbreitet. Für »wenig geeignet« halten die Tester Spalt Schmerztabletten , Thomapyrin Classic, Titralgan und Neuralgin , weil sie ASS und Paracetamol kombinieren. Wenn zusätzlich Koffein beigemischt sei, wie unter anderem bei Doppel Spalt Compact und Vivimed mit Coffein bestehe die Gefahr, dass das Mittel zu lange und zu oft genommen werde.

Erkältung

Als »wenig geeignet« stuft die Stiftung den Erkältungssirup Wick MediNait ein. Dabei handle es sich um eine Kombination aus einem Schmerz- und einem Hustenmittel sowie einem beruhigenden und einem anregenden Präparat. Außerdem enthalte Wick MediNait 18 Prozent Alkohol. Auch von anderen Kombi-Arzneien der Wick-Gruppe sowie von Aspirin Complex Granulat und Grippostad C Kapseln rät die Stiftung Warentest ab. Die einzelnen Symptome sollten besser getrennt behandelt werden. Gegen Schmerzen und Fieber reiche Paracetamol allein. Bei heftigem Schnupfen sei die Anwendung von abschwellenden Nasensprays und -tropfen verträglicher. Abgeraten wird bei Schnupfen auch von den Rhinopront Kombi Tabletten , weil sie unnötige Nebenwirkungen verursachten.

Halsentzündung

Abgeraten wird unter anderem von Medikamenten, die Antibiotika enthalten wie Dorithricin und Lemocin , weil sie gegen Viren unwirksam sind. Benzocain, unter anderem in Dolo-Dobendan und Dorithricin, kann dem Bericht zufolge Allergien hervorrufen.

Sodbrennen

Bei Gaviscon Advance Pfefferminz Suspension und Retterspitz Wasser innerlich kritisieren die Experten sowohl die Kombination als auch nicht ausreichende Nachweise für die Wirksamkeit. Wirkstoffe wie Hydrotalcit, Magaldrat, Ranitidin, Omeprazol und Pantoprazol eigneten sich besser.

Verstopfung

Abtei Abführkapseln SN enthalten Rizinusöl. Das sei besonders drastisch und oft mit Nebenwirkungen verbunden. Aus dem gleichen Grund halten die Experten auch die Doppelherz Abführkapseln für »wenig geeignet«. Das Gleiche gilt für den Wirkstoff Aloe, der in Chol-Kugeletten und in Kräuterlax enthalten ist. Keine gute Alternative sei Obstinol M ; das dickflüssige Paraffin könne beim Verschlucken zu Ablagerungen in der Lunge führen. Em­pfohlen werden Abführmittel, die stattdessen Lactulose, Macrogol oder für den kurzfristigen Einsatz Sennes, Bisacodyl oder Natriumpicosulfat enthalten.

Durchfall

Bei Colina , Tannacomp Tabletten und Uzara haben die Tester Zweifel an der therapeutischen Wirksamkeit. Außerdem enthalte Uzara 43 Prozent Alkohol. Als Alternative wird für die kurzzeitige Anwendung Loperamid empfohlen. Als Basistherapie ersetze eine Elektrolytlösung Flüssigkeit und andere Substanzen, die bei Durchfall verloren gehen.

Schürfwunden, Narben

Wenig geeignet sind nach Ansicht der Stiftung Warentest Contractubex Gel, Pyolysin Salbe (therapeutische Wirksamkeit in beiden Fällen nicht ausreichend nachgewiesen) und das Brand- und Wundgel Medice . Offene Brandwunden sollten generell nicht selbst behandelt werden.

Heuschnupfen

Abgeraten wird von Reactine duo Retard (schwerwiegende Nebenwirkungen bei Daueranwendung) und Allergo Conjunct Augentropfen . Bei akuten Beschwerden empfehlen die Experten Tabletten, Tropfen oder Saft mit Cetirizin oder Loratadin sowie zur lokalen Anwendung mit Azelastin und Levocabastin.

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