Gerry Weber legt Insolvenzplan vor – Aktionäre gehen leer aus - Konzern bleibt an der Börse
Gläubiger erhalten Millionen

Halle (WB). Ob Banken, Lieferanten oder Mitarbeiter: Die Gläubiger des Haller Modekonzerns Gerry Weber dürfen darauf hoffen, mindestens ein Drittel ihres ausstehenden Geldes zu erhalten. Für Großgläubiger gibt es sogar die Chance, Aktionär zu werden und im Falle einer positiven Entwicklung des Unternehmens ohne Verlust davonzukommen. Die Altaktionäre gehen indes leer aus.

Freitag, 23.08.2019, 15:14 Uhr aktualisiert: 24.08.2019, 12:02 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa
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Die genauen Regelungen für den finanziellen Neuanfang des Konzerns sind im Insolvenzplan aufgeführt, den das Amtsgericht Bielefeld jetzt nach einer Vorprüfung freigegeben hat. Die Gläubigerversammlung zur Abstimmung ist für den 18. September angesetzt. »Mit der Annahme des Insolvenzplans wäre der Durchbruch für eine nachhaltige Sanierung von Gerry Weber geschafft«, erklärt Sachwalter Stefan Meyer aus Lübbecke.

Wie viel der insgesamt bislang als Forderungen festgestellten 296 Millionen Euro die Gläubiger am Ende erhalten, ist noch unklar. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab – unter anderem davon, welche Preise beim Verkauf des 2014/15 für 90 Millionen Euro erbauten Logistikzentrums im Haller Gewerbegebiet Ravenna-Park oder des zwölfprozentigen Anteils an der Münchner Tochter Hallhuber erzielt werden.

»Erfreulich hohe Quote«

Unterm Strich sollen die Gläubiger rund 32 bis zu mehr als 50 Prozent ihrer Außenstände erhalten. Und damit deutlich mehr als bei Insolvenzverfahren üblich. Bundesweit liegt die durchschnittliche Quote bei rund 6 Prozent. Sachwalter Meyer spricht von einem »kreativen und maßgeschneiderten Insolvenzplan«, der den verschiedenen Gläubigerinteressen gerecht werde. Sie erhielten eine »erfreulich hohe Quote«.

Die bisherigen Aktionäre verlieren dagegen alles. Ihre Aktien werden wertlos und eingezogen. Aus insolvenzrechtlichen Gründen sei für sie als Eigentümer keine Quotenbefriedigung möglich, da die Gläubiger nicht 100 Prozent ihrer Forderungen erhalten, heißt es. Die Aktionäre werden zwar als eine von sechs Gruppen über den Insolvenzplan abstimmen können. Das Gericht kann eine mögliche Ablehnung aber überstimmen, um eine Gesamtlösung im Sinne der Gläubiger, Mitarbeiter und des Fortbestands des Unternehmens zu ermöglichen.

Die beiden Finanzinvestoren Robus und Whitebox werden nach dem »sanierenden Kapitalschnitt« zunächst alle Aktien halten. Gerry Weber soll dabei ohne Unterbrechung an der Börse bleiben. Die Finanzinvestoren stellen bis zu 49,2 Millionen Euro bereit. 31,2 Millionen davon dienen der Finanzierung der Gläubigerzahlungen. Der Rest soll vor allem dem Konzern zur Verfügung stehen.

Feste Barquote von 12 Prozent für Gläubiger

Für die Gläubiger sieht der Insolvenzplan eine feste Barquote von 12 Prozent vor. Hinzu kommen später Ausschüttungen aus dem Verkauf des Logistikzentrums und der Hallhuber-Beteiligung. Gläubiger mit Forderungen von bis zu 2500 Euro und Mitarbeiter erhalten eine erhöhte Barquote von 27 Prozent sowie anteilig Geld aus weiteren Töpfen wie überschüssiger aktueller oder künftiger Liquidität des Konzerns und bei der Auflösung von Rückstellungen. Dies könne zu einer Gesamtquote von nahezu 50 Prozent führen, teilte der Konzern am Freitag mit.

Gläubiger mit Außenständen von 2500 bis 333.333 Euro können statt der festen Barquote einen Teil ihrer Forderungen in festverzinsliche, bis Ende 2023 laufende Anleihen umwandeln und dem Konzern so Kapital mit auf den Weg geben. Sie müssten dann auf 60 Prozent der Forderung verzichten und erhielten auf die angelegten 40 Prozent einen jährlichen Zins von 4,0 Prozent sowie im Jahr 2023 von 5,0 Prozent. Die Anleihen sollen auch an der Börse gehandelt werden und jederzeit zu Geld gemacht werden können.

Für Großgläubiger mit Außenständen von mehr als einer Drittelmillion sieht der Insolvenzplan alternativ noch eine andere Lösung vor. Sie können auf 70 Prozent ihrer Forderung verzichten und auf die anderen 30 Prozent Wandelanleihen beziehen. Diese werden während der Laufzeit bis Ende 2023 mit jährlich 3,0 Prozent verzinst. Dann können sie in Aktien des Konzerns getauscht werden. Entwickeln die sich positiv, könnte für die diese Gläubiger am Ende sogar unter dem Strich ein Plus stehen.

Würden alle Großgläubiger davon Gebrauch machen, hielten sie am Ende 70 Prozent der neuen Gerry-Weber-Aktien. Mit bis zu 10 Prozent der Aktien soll sich zudem das Management der Gerry Weber AG mit Vorstandschef Johannes Ehling an der Spitze künftig am Konzern beteiligen können.

Das am 25. Januar beantragte Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung soll spätestens bis Jahresende abgeschlossen sein.

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