So., 01.12.2019

Autohersteller suchen in Israels Metropole nach den Mobilitätslösungen für die Zukunft Verkehrslabor Tel Aviv

In Tel Aviv ist immer Stau, und ausreichend Parkplätze gibt es auch nicht. Das macht erfinderisch.

In Tel Aviv ist immer Stau, und ausreichend Parkplätze gibt es auch nicht. Das macht erfinderisch. Foto: Andreas Schnadwinkel

Von Andreas Schnadwinkel

Tel Aviv (WB). Israel produziert keine Autos. Trotzdem haben alle Autohersteller ihre Dependancen im Land. Nicht um auf dem schwierigen Verkaufsmarkt, den der Staat mit hohen Einfuhrsteuern belastet, mehr Pkw abzusetzen. Es geht um die Mobilität der Zukunft. Und da arbeiten die in Tel Aviv angesiedelten Start-ups an vielversprechenden Lösungen.

Die Szenestadt am östlichen Mittelmeer gilt mit ihren 430.000 Einwohnern als das ideale Testfeld. Dafür gibt es mehrere Gründe. In Tel Aviv ist praktisch immer Stau. Die Zahl der Autos hat sich seit 2002 um 84 Prozent erhöht, gleichzeitig hat sich die Straßenfläche nur um 45 Prozent vergrößert.

Außerdem hat der Großraum die zweithöchste Hightech-Dichte der Welt – nach dem Silicon Valley im US-Bundesstaat Kalifornien. Im Bereich der Mobilität forschen heute etwa 650 Start-ups, 2013 waren es keine 90. Alle US-Internetriesen sind in Israel vertreten, allen voran Amazon wegen der Logistik. Bei der Zustellung von Waren sieht der Konzern Einsparpotenzial bei Personal, Kraftstoff und Kohlendioxid.

Stephanie Vox leitet in Tel Aviv VW Konnect. Mit ihrem Team sucht sie bei Start-ups nach Technologien. Foto: Andreas Schnadwinkel

Die Anwesenheit internationaler Autokonzerne wie Daimler, BMW, Ford, Renault, Nissan und Volkswagen befeuert den Boom zusätzlich. „Tel Aviv ist der Markt für Mobilität“, sagt Stephanie Vox. Die 34-Jährige ist Leiterin von VW Konnect. Seit mehr als einem Jahr hat dieser sogenannte Innovation-Hub die Aufgabe, Technologien zu entdecken, von denen die Volkswagen-Gruppe profitieren kann. Dabei haben Stefanie Vox und ihr sechsköpfiges Team die Modelle aller Konzernmarken im Kopf.

Welche Ideen könnten speziell für Porsche, Seat oder Skoda interessant sein? „Wir erkennen Trends, überprüfen und bewerten Start-ups. Derzeit befinden sich 17 Start-up-Technologien in der Vortestphase. Viel dreht sich zum Beispiel um die Kameratechnik zur Insassenerkennung.“

Stephanie Vox erfährt an jedem Tag, warum ihr Arbeitgeber zum Anbieter ganzheitlicher Mobilität werden und seine Kunden künftig sehr flexibel von A nach B bringen will. „End to End“ heißt dieser Ansatz. In Tel Aviv stelle sich an jedem Morgen von neuem die Frage, welches Verkehrsmittel das sinnvollste ist. An diesem Tag hat sie sich für den E-Tretroller entschieden: „Acht Minuten mit dem E-Scooter statt 25 Minuten mit dem Auto.“ Und der öffentliche Raum ist in Tel Aviv Nahkampfzone. An den Kreuzungen stehen E-Tretroller in erster Reihe neben Autos, Lkw, E-Bikes und Vespas.

Der E-Tretroller heißt in Israel E-Scooter. 200.000 soll es in Tel Aviv geben. Hier ist das Gerät weniger Spielzeug als in Deutschland, sondern schon ein Fortbewegungsmittel. Deswegen: Helmpflicht. Foto: Andreas Schnadwinkel

In Israel hat die Deutsche schnell erkannt, welche Rolle das Militär in der Gesellschaft spielt. Ein Staat, der sich 24 Stunden am Tag gegen seine benachbarten Feinde verteidigen muss, tickt anders als das Heimatland. „Viele Ideen kommen aus der Armee, sie ist der Technologiemotor. Dort werden die jungen Israelis in Cyber-Spezialeinheiten ausgebildet und schaffen sich ihre Netzwerke, die sie nach dem Militärdienst nutzen, um Start-ups zu gründen.“ Als weitere Erfolgsfaktoren in Israel nennt sie: Gründergeist, positive Fehlerkultur, Präsenz internationaler Konzerne und Regierungsunterstützung.

„Alle denken groß und global, weil der Heimatmarkt zu klein ist.“ In der Szene drehe sich, so Vox, fast alles um die Frage: „Wer ist das nächste Mobileye?“ Mobil­eye ist die größte Erfolgsgeschichte in Israels Hightech-Industrie. 2017 hat der Chipgigant Intel das Software-Unternehmen aus Jerusalem übernommen – für 15,3 Milliarden US-Dollar. Der führende Anbieter von Fahrassistenzsystemen arbeitet mit 25 Autoherstellern zusammen. Auch VW hat ein Joint Venture mit Mobileye. Seit Anfang 2019 entwickelt man einen Mitfahrdienst für den Stadtverkehr mit vernetzten, selbstfahrenden Elektroautos, der 2022 am Markt sein soll. Drei Partner sind an Bord: VW liefert die E-Autos, Mobileye die Technik für den autonomen Betrieb, und Champion Motors ist für Logistik und Infrastruktur verantwortlich. Der israelische Taxi-Service Gett, in den VW vor drei Jahren 300 Millionen Euro investiert hat, scheint bei dem Projekt keine Rolle zu spielen. Dafür wohl das VW-Projekt Sedric, ein fahrerloser Kleinbus ohne Lenkrad und Pedale.

Trotz der Rückschläge bei den Tests zum autonomen Fahren – die Unfälle bei Uber, Google und Tesla sprechen nicht für eine absehbare Marktreife – gibt man sich in Israel davon überzeugt, dass Autos schon bald auf unterschiedlichen Levels selbstständig unterwegs sein könnten. „In Europa wird das autonome Fahren etwa im Jahr 2024 oder 2025 kommen“, sagt der ehemalige VW-Digitalmanager Johann Jungwirth, der vor kurzem zu Mobileye gewechselt ist.

Wer in Tel Aviv schnell von A nach B kommen will, der verzichtet auf ein Auto. Viele der E-Tretroller sind keine Leihroller, sondern Eigentum. 20.000 Roller sollen pro Jahr geklaut werden. Foto: Andreas Schnadwinkel

Vernetzung erfordert Sicherheit vor Angriffen auf die Daten. Auch da kommt die Armee ins Spiel. Die meisten Start-ups entstehen aus der Cyber-Einheit 8200, mittlerweile die größte Gruppe bei den IDF (Israel Defense Forces). Ein Beispiel dafür ist Cymotive, das VW 2016 mit drei israelischen Experten für Cybersicherheit gegründet hat. Denn dass es Hackerattacken auf die in vernetzten Autos gespeicherten Daten (Navigation, Passwörter, Kreditkartennummern) geben wird, ist der Branche klar. Entsprechend gut müssen die Daten geschützt werden. „Da sind die Bedenken in Israel geringer als in Deutschland, weil hier immer zuerst an einer Lösung gearbeitet wird“, sagt Stephanie Vox und verweist auf die Debatte über WLAN in Cafés, als es um die Haftung der Gastronomen bei möglichen Verstößen ging.

Dass Volkswagen sich vom reinen Autohersteller (Hardware) zum Mobilitätskonzern (Software) entwickeln will, macht die Investitionsbereitschaft deutlich. Bis 2023 sollen 44 Milliarden Euro in die Bereiche Elektromobilität, autonomes Fahren, Mobilitätsservice und Digitalisierung fließen. Dabei ist VW durchaus von Visionen getrieben: Von Wolfsburg aus soll Navigation neu erfunden werden; mit der gigantischen Rechenleistung von Quantencomputern soll staufreies Fahren möglich werden.

Solche Visionen gehören beim autonomen Fahren dazu. „Wir wünschen uns, dass damit auch Blinde und Kinder mobiler werden können. Und wir wollen weniger Fahrzeuge auf den Straßen“, erklärt Vox. Sie ist überzeugt: „Wenn ein autonomes Auto sicher in Tel Aviv fahren kann, kann es eigentlich überall fahren.“ Aber jeder Raum erfordere eine andere Lösung: „Was in Tel Aviv funktioniert, klappt so vielleicht nicht in Paris und sicher nicht in Ohio.“

Stephanie Vox weiß, dass die Frage der individuellen Mobilität auch eine Frage des Alters ist. „Neue Generationen entwickeln neue Technologien. Für mich war es selbstverständlich, einen Führerschein zu haben. Meine Schwester ist elf Jahre jünger als ich und denkt da anders. Sie gehört schon zur Generation nach mir. Und für sie und die Generation nach ihr wird das, was für uns noch Zukunft ist, schon normaler Alltag sein.“

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