Insolvenzverfahren beendet – Gläubiger, Vorstand und Belegschaft reagieren erleichtert – Mit Kommentar
Gerry Weber: „Rückkehr zur Normalität“

Halle (WB). Neustart am Neujahrstag: Das Amtsgericht Bielefeld hat das Insolvenzverfahren der Gerry Weber International AG am 31. Dezember 2019 für beendet erklärt . Das Haller Modeunternehmen steht damit von sofort an wieder auf eigenen Füßen.

Donnerstag, 02.01.2020, 20:51 Uhr aktualisiert: 02.01.2020, 20:54 Uhr
Das Insolvenzverfahren der Gerry Weber International AG ist vom Amtsgericht Bielefeld für beendet erklärt worden. Foto: Bernhard Hertlein
Das Insolvenzverfahren der Gerry Weber International AG ist vom Amtsgericht Bielefeld für beendet erklärt worden. Foto: Bernhard Hertlein

Mitarbeiterzahl in Halle auf knapp 600 reduziert

Jedes Jahr schließen Hunderte Modegeschäfte

In nur zehn Jahren hat sich die Zahl der Modegeschäfte von fast 23.000 auf 15.000 Läden reduziert. Das berichtet die „Lebensmittel-Zeitung“ unter Berufung auf den Handelsverband Textil (BTE). Die Online-Konkurrenz setze den Modehandel in den Städten unter Druck. „Wir verlieren jedes Jahr mehrere Hundert Geschäfte”, erklärte BTE-Hauptgeschäftsführer Rolf Pangels. Neben der Konkurrenz aus dem Internet bereite den mittelständischen Händlern oft die Suche nach einem Nachfolger Probleme.

Dabei liefen die Geschäfte im Modehandel insgesamt im Augenblick eigentlich recht gut. 2019 war laut Pangels kein schlechtes Jahr für die Branche, und auch 2020 hoffe man auf ein leichtes Umsatzplus. Doch profitieren nicht alle Anbieter in gleichem Maß. Gewinner seien im Textilhandel derzeit Online-Anbieter und Outlet-Center.

Grund sind laut BTW unfaire Wettbewerbsbedingungen. “Im Moment hat man das Gefühl, dass die Politik den kleineren Händlern Knüppel zwischen die Beine wirft, während den Onlineriesen das Geschäft so einfach wie möglich gemacht wird”, sagte Pangels. Zum Beispiel dürften Online-Händler jeden Sonntag ihre Ware verkaufen. Die Geschäfte in den Innenstädten hätten dagegen große Hürden zu überwinden, wenn sie auch nur ausnahmsweise einmal sonntags öffnen wollten.

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Knapp ein Jahr ist es her, dass Gerry Weber am 25. Januar 2019 den Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt hat. Am 1. April ordnete das Amtsgericht Bielefeld das Verfahren an. In den folgenden Monaten wurde der vom Vorstand erarbeitete Sanierungsplan mit den Gläubigern und der Belegschaft abgestimmt.

Anschließend begann die Umsetzung, zu der unter anderem der Verkauf der Modemarke Hallhuber gehörte. Die Mitarbeiterzahl am Stammsitz in Halle wurde von etwa 800 auf knapp 600 reduziert. Zudem wurden bis zu 150 Markengeschäfte geschlossen. Verschoben wurde der ebenfalls geplante Verkauf des neuen Logistikzentrums im Haller Gewerbegebiet Ravenna Park. Der Geschäftsbetrieb lief das ganze Jahr uneingeschränkt weiter.

Neues Jahr: Unternehmen im Normalbetrieb

„Wir haben die Insolvenzphase genutzt, um die bereits zuvor eingeleitete Restrukturierung und Neuausrichtung unseres Geschäfts konsequent voranzutreiben“, erklärte Vorstandssprecher Johannes Ehling. Das neue Jahr beginne Gerry Weber wieder als Unternehmen im Normalbetrieb „mit einer soliden Kapitalbasis, neuen Eigentümern und mit einem klaren Konzept für die Zukunft“. Ehling dankt den Mitarbeitern: „Sie können stolz auf das sein, was in dieser Zeit erreicht wurde. Jetzt sollte unser Blick nur noch nach vorne gehen.“

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Auch Betriebsratschef Lutz Bormann begrüßte den Abschluss der Insolvenz – jedenfalls für die AG. Bei der für die eigenen Läden zuständigen Retail GmbH, die 2019 etwa einen Monat nach der Holding ebenfalls Insolvenz angemeldet hat, dauert das Verfahren noch an. Es wird nach Aussage des Amtsgerichts Bielefeld voraussichtlich Ende Februar abgeschlossen sein. Von den 600 Beschäftigten in der Zentrale sind etwa 50 diesem Bereich zuordnet. Bormann hofft, dass jetzt „wieder ein Stück weit Normalität ins Unternehmen einkehrt“. Augenblicklich seien die Kollegen dabei, die neue Kollektion zu erarbeiten.

Komplexes Verfahren in nicht einmal einem Jahr beendet

Auch Christian Gerloff, in der entscheidenden Phase Generalbevollmächtigter bei Gerry Weber, äußerte sich am Donnerstag positiv: „Das Insolvenzverfahren ist ein Musterbeispiel für das gelungene Zusammenspiel aller Beteiligten.“ So sei es gelungen, das komplexe Verfahren in nicht einmal einem Jahr zu beenden und die weit überwiegende Anzahl der Arbeitsplätze zu erhalten. Dazu zählt Gerloff neben 3600 Jobs bei Gerry Weber auch die bei der früheren Tochtergesellschaft Hallhuber. Schnelligkeit und Klarheit über den weiteren Weg seien in der schnelllebigen Modebranche „sehr wichtige Kriterien, um das Vertrauen der Kunden und der Geschäftspartner zu behalten.“

Zufrieden zeigt sich auch Stefan Meyer, Rechtsanwalt bei Pluta und Vertreter der Gläubiger in dem Verfahren. Mit 32 bis zu mehr als 50 Prozent sei die Quote überdurchschnittlich. Am 18. September haben die Gläubiger den Insolvenzplan angenommen. Am 25. Oktober erlangte er Rechtskraft und wird seitdem umgesetzt.

Voraussetzung war, dass die sogenannten Plansponsoren Robus Capital Management Ltd., Whitebox Advisors LLP und J.P. Morgan Securities plc neue Mittel von bis zu 49 Millionen Euro zur Gläubigerbefriedigung und zur Finanzierung des operativen Geschäfts bereitstellten.

Im Gegenzug besitzen sie nun 100 Prozent des Aktienkapitals, wobei 16 Prozent auf J.P. Morgan und je 42 Prozent auf die beiden anderen Investoren fallen. Augenblicklich sei die AG dabei, für die neuen Aktien das erforderliche reduzierte Börsenprospekt zu erstellen, erklärte Unternehmenssprecher Gundolf Moritz am Donnerstag. Welche Kosten das Insolvenzverfahren bei Gerry Weber verursacht hat, konnte er nicht sagen. In der ursprünglichen Insolvenzplanung waren fünf Millionen Euro veranschlagt.

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