Do., 16.01.2020

Aber auch im Kreis Höxter steigt die Überschuldungsquote – jetzt gleichauf mit Gütersloh Stadtbewohner in Zahlungsnöten

In den Innenstädten Bielefelds und Mindens ist die Überschuldungsquote besonders hoch. Die solventesten Zahler leben in Marienmünster, Hille und einem Bezirk Bielefelds.

In den Innenstädten Bielefelds und Mindens ist die Überschuldungsquote besonders hoch. Die solventesten Zahler leben in Marienmünster, Hille und einem Bezirk Bielefelds. Foto: Lunk

Von Bernhard Hertlein

Bielefeld/Höxter (WB). Jahrelang haben sich Verkäufer und Banken in Ostwestfalen-Lippe sehr sicher sein können, dass sie das ihnen zustehende Geld auch bekommen. Da lag die Überschuldungsquote in der Region teilweise deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. 2019 aber ist der Abstand auf 0,03 Prozentpunkte zusammengeschmolzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie 2020 auch in OWL die Zehn-Prozent-Marke reißt, ist angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahre groß.

Aus den Daten der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die die Überschuldung zum großen Teil straßengenau darstellen kann, geht hervor, dass Bielefeld gleich mit fünf Postleitzahl-Bezirken (33602, 33607, 33609, 33647, 33689) in der Liste der zehn Orte in OWL auftaucht, in denen es die meisten Zahlungsprobleme gibt. Dazwischen belegen die Innenstädte von Minden (Postleitzahl 33423), Herford (32052 und 33051), Bad Oeynhausen (32545) sowie als einzige eher ländliche Kommune Extertal (32699) die Plätze 2 und 4 sowie 7 bis 9.

Bielefeld am unteren und oberen Ende

Zugleich taucht Bielefeld mit den Stadtteilen Dornberg (33619) und Hoberge (33615) aber auch in der Liste der am wenigsten verschuldeten Postleitzahlbezirke auf den Plätzen 3 und 7 auf. Am Stadtteil Sennestadt (33689) kann man, so Creditreform-Geschäftsführer Udo Roggenbuck, beobachten, wie ein Stadtteil über viele Jahre immer weiter absinkt – bis auf aktuell Platz 10 in der aktuellen Flop-Liste von ganz Ostwestfalen-Lippe.

Umgekehrt sind die Bewohner von Marienmünster im Kreis Höxter traditionell die zuverlässigsten Zahler in der Region. Die Quote ist sogar noch um 0,8 Prozentpunkte zurückgegangen und erreicht mit 5,63 Prozent im bundesweiten Vergleich ein Niveau, das sonst nur für bayrische und einige baden-württembergische Kommunen typisch ist. Gute Noten bekommen außerdem Hille im Kreis Minden-Lübbecke, Borchen, Lichtenau (beide Kreis Paderborn) sowie die zu Lippe gehörende Gemeinde Leopoldshöhe.

Kreis Paderborn liegt unterm Bundesdurchschnitt

Bundesweit war der Kreis Eichstätt mit 3,98 Prozent 2019 der einzige, in dem die Quote unter die Vier-Prozent-Marke gerutscht ist. Nordrhein-Westfalen liegt mit 11,71 Prozent im unteren Drittel der Bundesländer; dahinter folgen nur noch Berlin, Sachsen-Anhalt und Bremen. Bremerhaven belegt bei den Kommunen den negativen Spitzenplatz; hier kommt mehr als jeder Fünfte (21,67 Prozent) seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nach.

Trotz eines über die Jahre stetigen Anstiegs bei der Überschuldungsquote auf jetzt 8,68 Prozent) hat der Kreis Höxter seine Spitzenposition in OWL noch einmal behauptet. Inzwischen liegt er allerdings genau gleichauf mit dem Kreis Gütersloh. Der Kreis Paderborn liegt mit 9,28 Prozent noch unter dem Bundesdurchschnitt, der Kreis Lippe mit 10,10 Prozent erstmals darunter. Davor rangieren noch die Kreise Minden-Lübbecke (10,35), Herford (10,96) und die Stadt Bielefeld (11,27).

Überschuldungsquote auf dem Lande niedriger als in Städten

Grundsätzlich ist die Überschuldungsquote in den Städten weiter höher als auf dem Land. Laut Creditreform sind steigende Wohnungsmieten eine Ursache. Das zeige sich auch daran, dass Bezirke, in denen Wohneigentum stärker verbreitet sei, die Quote unter dem Durchschnitt liege. Zudem sei, so die Experten der Auskunftei, der Anteil der Langzeitarbeitslosen in den Städten höher. Als weiteren Faktor nennen sie Teleshopping und Onlinehändler, die rund um die Uhr zum Kauf verführen. Trotz negativer Auskünfte werde viel ausgeliefert und führe später zu Zahlungsproblemen.

Zu den Gruppen, in denen die Überschuldung – zwar auf niedrigerem Niveau – deutlich wächst, gehören neben alleinerziehende Frauen auch ältere Menschen. Roggenbuck zufolge haben viele von ihnen bereits Phasen hinter sich, in denen das Einkommen nicht ausgereicht hat, um die Ausgaben zu decken.

Senioren zunehmend betroffen

Verschärft wird die Situation der Älteren dadurch, dass sie im Rentenalter kaum Möglichkeiten haben, ihr Einkommen zu erhöhen, um so wieder aus Verschuldung herauszukommen. Laut Dirk Schott, Geschäftsführer von Creditreform am Standort Gütersloh, werden die Probleme bei den Älteren in den nächsten Jahren noch zunehmen. Ursache sei, dass die Menschen zu dem Zeitpunkt, wo sie finanziell dazu in der Lage wären, zu wenig für die Altersvorsorge zurücklegen. „Ausgehend von der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank ist die Bevölkerung zu einem immer größeren Prozentsatz der Meinung, dass sich Sparen nicht mehr lohnt“, sagt Schott. Das räche sich. Creditreform teilt in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Einschätzung von Gewerkschaften, dass sich die Altersarmut künftig noch verstärke.

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