Bielefelder Zeitarbeitsfirma Piening zwischen Kurzarbeit und Personalbedarf im Pflegebereich
Mehr Kranke auch ohne Corona

Bielefeld (WB). Normalerweise gelten Zeitarbeitsfirmen als Frühindikator für Konjunkturkrisen. Doch diesmal war zumindest bei dem führenden Personaldienstleister in Ostwestfalen-Lippe, der Piening-Gruppe, alles anders. „Einige unserer Kunden haben ihre Produktion fast über Nacht von 100 auf 0 heruntergefahren“, berichtet der geschäftsführende Gesellschafter Holger Piening.

Montag, 30.03.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 30.03.2020, 06:28 Uhr
Foto aus der Zeit vor Cororona-Krise und Homeoffice: Holger Piening mit drei Leitzielen des Familienunternehmens in der Zentrale der Firmengruppe in Bielefeld-Sennestadt. Der Personaldienstleister beschäftigt insgesamt etwa 7000 Mitarbeiter. Foto: Oliver Schwabe
Foto aus der Zeit vor Cororona-Krise und Homeoffice: Holger Piening mit drei Leitzielen des Familienunternehmens in der Zentrale der Firmengruppe in Bielefeld-Sennestadt. Der Personaldienstleister beschäftigt insgesamt etwa 7000 Mitarbeiter. Foto: Oliver Schwabe

Klar, dass davon auch die Zeitarbeitnehmer betroffen sind. „Wir sind seit drei Wochen im Krisenmodus“, sagt Piening. Zunächst wurde alles, was an Vorsichtsmaßnahmen gegen das Coronavirus möglich ist, installiert. Dass der Krankenstand gestiegen sei, sogar exorbitant gestiegen sei, habe allenfalls mit der Angst vor dem Virus zu tun: „An Corona selbst ist nach meiner Kenntnis bisher keiner unserer Mitarbeiter erkrankt.“ Hier wirke sich möglicherweise auch aus, dass sich Beschäftigte mit Erkältungssymptomen telefonisch für bis zu 14 Tage krankschreiben lassen können, ohne ihren Arzt aufzusuchen.

„Kassen sollen früher mit Krankengeld einspringen“

Vor Piening haben auch schon Unternehmen der Gebäudereinigung und des Bewachungsgewerbes auf das Problem hingewiesen. Statt normalerweise acht Prozent, fallen dort aktuell bis zu 35 Prozent der Mitarbeiter wegen Krankschreibung aus, berichtete kürzlich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung”. Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft und der Bundesinnungsverband des Gebäudereinigerhandwerks wollen deshalb, dass die Krankenkassen früher mit Krankengeld einspringen – eine Forderung, der sich Piening anschließt.

Der Chef selbst wechselte wie viele andere aus der Bielefelder Verwaltung ins Homeoffice. Inzwischen muss auch er für sein Unternehmen Kurzarbeit beantragen, ohne zu wissen, welches Ausmaß dies annehmen wird: „Wir entscheiden immer noch von Tag zu Tag neu.“

Steigender Personabedarf im Geschäftsbereich Incare

abei gibt es durchaus Bereiche, die derzeit sogar einen erhöhten Bedarf an Arbeitskräften haben. Dazu zählt vor allem der Geschäftsbereich Incare , der sich auf Krankenhaus- und Pflegepersonal spezialisiert hat. Auch die Lagerlogistik und die Hersteller von Desinfektionsmitteln brauchen zusätzliche Arbeitskräfte. Hier ergibt sich Piening zufolge allerdings das Problem, dass es viel zu wenige Bewerber gibt: „Und wenn doch, dann scheuen sie sich offenbar wegen des Coronavirus zu einem Bewerbungsgespräch zu kommen. Darauf haben wir bereits reagiert und unseren Auswahl- und Einstellungsprozess angepasst.“

Im Krankenhaus- und Pflegebereich kommt in grenznahen Bereichen ein weiteres Problem hinzu: Der Grenzübertritt für Arbeitspendler etwa nach Polen und Tschechien ist erschwert oder nicht mehr möglich. Grundsätzlich sind noch sehr viel mehr der insgesamt 7000 Beschäftigten des Unternehmens von den Grenzschließungen in Europa betroffen. „Viele Mitarbeiter kommen aus den osteuropäischen Staaten“, berichtet Holger Piening. „Und natürlich ist es ihnen wichtig, dass sie von Zeit zu Zeit ihre Verwandten und Freunde in der Heimat besuchen. Wenn sie das jetzt tun, müssen sie erst einmal zwei Wochen in Quarantäne und fallen für das Unternehmen aus.“

„Wenn die Krise lange dauert, droht größerer Wohlstandsverlust”

Auch aus diesem Grund hofft Piening, dass die derzeitigen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit wegen des Coronavirus nicht allzu lange dauern. Ansonsten werde es für die Gesellschaft sehr schwer werden, die Krise ohne größeren Wohlstandsverlust zu überstehen.

Von den 7000 Piening-Mitarbeitern kommen etwa 3000 aus Ostwestfalen-Lippe. Insgesamt verfügt die Unternehmensgruppe über 85 Niederlassungen.

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