Di., 31.03.2020

Bis 12. März noch leichter Rückgang bei der Zahl der Erwerbslosen in Deutschland Mehr Kurzarbeiter als in der Finanzkrise

Senkt der Arbeitgeber die Wochenarbeitszeit, haben Arbeitnehmer Anspruch auf Kurzarbeitergeld.

Senkt der Arbeitgeber die Wochenarbeitszeit, haben Arbeitnehmer Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Foto: dpa

Berlin/Bielefeld (WB/in/dpa). Bundesweit haben bislang 470.000 Betriebe infolge der Coronavirus-Krise Kurzarbeit angezeigt. Das erklärten am Dienstag Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und der Vorstandsvorsitzende des Bundesagentur (BA), Detlef Scheele, in Berlin. In den normalen Monaten des vergangenen Jahres seien nur 1300 Anzeigen für Kurzarbeit eingegangen. Nach einem bundesweit noch stabilen Arbeitsmarkt – ausschlaggebend für die Statistik war das Datum 12. März – erwartet Scheele deutschlandweit einen kurzfristigen Anstieg der Arbeitslosenzahl im April um 150.000 bis 200.000.

Für Ostwestfalen-Lippe würde das nach Angaben von Thomas Richter, Leiter der Arbeitsagentur im Bezirk Bielefeld-Gütersloh, bedeuten, dass die Zahl von zuletzt fast 61.500 Arbeitslosen in der Region im April um 3000 bis 5000 steigen könnte.

Anstieg deutlich steiler als in der Finanzkrise

Besorgnis erregend ist der Anstieg von Kurzarbeit vor allem im Vergleich mit der Finanzkrise 2008/09. In weniger als einem Monat haben Richter zufolge in OWL 10.000 Betriebe Anträge eingereicht. Zum Vergleich: In den zwölf Monaten des Jahres 2009 waren es insgesamt 4000. „Allerdings waren damals vor allem größere Industriebetriebe betroffen“, erklärt der Experte. Heute seien vom Maschinenbaubetrieb mit 2000 Beschäftigten bis zum Friseur oder Gastwirt mit vielleicht drei Mitarbeitern alle Betriebsgrößen vertreten.

Thomas Richter Foto: Hertlein

Regional ist mit 4000 Anträgen auf Kurzarbeit ein Schwerpunkt in Bielefeld und Kreis Gütersloh feststellbar. Richter führt dies vor allem auf der höheren Anteil an Industriebetrieben zurück. Auf die übrigen OWL-Arbeitsamtsbezirke Paderborn-Höxter, Herford/Minden-Lübbecke und Lippe entfallen demnach jeweils 2000 Anträge auf Kurzarbeit. In ganz Nordrhein-Westfalen meldeten bis 26. März 96.000 Betriebe Kurzarbeit an.

Über die Zahl der Beschäftigten, die von Kurzarbeit betroffenen sind, könne jetzt noch keine Aussage gemacht werden, erklärt Richter. Schließlich könne zwischen dem Antrag und der tatsächlich für die Zahlung von Kurzarbeitergeld später abgerechneten Beschäftigtenzahl eine große Differenz liegen. Auch hätten die Agenturen in der Kürze der Zeit nur die Betriebe zählen können. Mitte Mai, so Richter, könne man aber Näheres mitteilen. Die Agentur in Bielefeld, die das Thema Kurzarbeit außer für den eigenen Bezirk auch für ganz OWL sowie die Agenturen in Meschede und Soest bearbeitet, hat ihr Team diesbezüglich von 170 auf 420 mehr als verdoppelt.

Arbeitsminister Heil: Geld ist genug da

Zum Finanzproblem soll die Kurzarbeit für die Bundesagentur nicht werden. „Das Geld ist kein limitierender Faktor um den Rechtsanspruch auf Kurzarbeit zu finanzieren“, erklärte Scheele. 100.000 Kurzarbeiter kosteten pro Monat bei einem Ausfall von 50 Prozent rund 79 Millionen Euro. Die Bundesregierung rechnet mit mehr als zwei Millionen Kurzarbeitern in diesem Jahr – das wären deutlich mehr als während der Finanzkrise im Frühjahr 2009, Damals waren es bundesweit 1,44 Millionen. Arbeitsminister Heil betonte, es gebe derzeit keine Überlegungen, die höheren Ausgaben mit Hilfe einer Beitragserhöhung bei der Arbeitslosenversicherung gegenzufinanzieren. Die Bundesagentur habe in guten Zeiten gut gewirtschaftet und eine Rücklage angehäuft. Zudem sei die Arbeitslosigkeit und damit auch die Ausgaben für Arbeitslosengeld vergleichsweise niedrig. Die Arbeitsagentur zahlt Kurzarbeitern für die ausgefallenen Stunden 60 bzw. 67 Prozent des in dieser Zeit anfallenden Nettolohns.

Die gute Nachricht: Unmittelbar vor Ausbruch der Corona-Krise sank die Arbeitslosigkeit in Deutschland noch einmal. Im März waren nach Angaben der Bundesagentur bundesweit 2,335 Millionen Menschen ohne Job, 60.000 weniger als im Februar, aber 34.000 mehr als im März 2019. Die Arbeitslosenquote sank im März um 0,2 Punkte auf 5,1 Prozent. Die regionalen Unterschiede sind weiter groß. In Bremen lag die Quote bei 10,0, in Bayern bei 3,1 Prozent. In NRW blieb sie stabil bei 6,7 Prozent.

OWL-Arbeitslosenquote im Vergleich zum Februar 2020 gesunken

In Ostwestfalen-Lippe ging die Arbeitslosenquote im Vergleich zum Vormonat von 5,5 auf 5,4 Prozent zurück. Im März 2019 lag sie mit 5,2 Prozent allerdings noch niedriger. Den höchsten Anstieg bei der Arbeitslosenzahl gab es im Jahresvergleich mit 1039 in Bielefeld, gefolgt von Minden-Lübbecke mit 921. In Lippe und im Kreis Höxter ging die Zahl im Jahresvergleich leicht zurück.

Um jahreszeitliche Effekte bereinigt errechneten die Nürnberger Statistiker bundesweit ein leichtes Plus von 1000 Arbeitslosen im März. Die eher ungünstige Entwicklung am Arbeitsmarkt schon vor der Corona-Krise wird auch durch einen Blick auf die Nachfrage nach Arbeitskräften deutlich. Im März waren bei der Bundesagentur 691.000 offene Stellen gemeldet, das sind 106.000 weniger als noch vor einem Jahr.

Allerdings hat die Zahl der Erwerbstätigen im Februar nach Angaben des Statistischen Bundesamtes saisonbereinigt mit 45,24 Millionen noch einmal einen Rekordwert erreicht. Im Vormonat waren es 45,23 Millionen. Im Februar 2019 hatte die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erstmals die Marke von 45,0 Millionen überschritten. Im Januar 2019 waren es 44,997 Millionen.

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