Was Arbeitnehmer einbüßen und Arbeitgeber einsparen
Das bedeutet Kurzarbeit finanziell

Bielefeld (WB). Tausende Arbeitnehmer in OWL erhalten in diesen Tagen erstmals Kurzarbeitergeld – die Corona-Krise macht’s nötig. Doch welche Gehaltseinbuße bedeutet das konkret und welche Ersparnis hat eigentlich der Arbeitgeber? Das WESTFALEN-BLATT rechnet anhand von vier Beispielen vor.

Donnerstag, 30.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 30.04.2020, 11:30 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa
Symbolbild. Foto: dpa

Fall 1: Lediger Arbeitnehmer ohne Kinder, Steuerklasse 1, 3500 Euro Bruttolohn, 50 Prozent Kurzarbeit: In normalen Zeiten bleiben von 3500 Euro brutto nach Abzug von Steuern (607,59 Euro) und Sozialabgaben für die Kranken-, Pflege-, Renten- sowie Arbeitslosenversicherung (702,63) netto 2189,78 Euro. Der Arbeitgeber zahlt derweil insgesamt – also inklusive seinem Anteil an Sozialabgaben – 4193,88 Euro.

Durch die Kurzarbeit ergeben sich grundlegende Veränderungen: Der reguläre Bruttolohn halbiert sich auf 1750 Euro. Damit sinkt die Steuerlast des Arbeitnehmers auf 136,28 Euro und seine Sozialabgaben halbieren sich auf 351,31 Euro. Weil der Arbeitnehmer kinderlos ist, erhält er gemäß der Kurzarbeitergeldregelungen 60 Prozent der Differenz vom Nettoentgelt erstattet: im Beispielfall 572,77 Euro. Damit beträgt die Lohnzahlung 1835,18 Euro – eine Einbuße gegenüber dem regulären Nettolohn von rund 355 Euro oder gut 16 Prozent.

Frisch beschlossen wurde zudem, dass von Mai bis Jahresende das Kurzarbeitergeld bei mindestens 50 Prozent Arbeitsausfall ab dem 4. Monat gesetzlich auf 70 Prozent (77 mit Kindern) aufgestockt wird – das wären 668,23 € Euro –, ab dem siebten Monat auf 80 (87) Prozent – hier 763,70 Euro.

Die Belastung des Arbeitgebers sinkt deutlich – das erklärte Ziel des Kurzarbeitergeldes, um in Krisenzeiten Entlassungen aus Kostengründen möglichst zu verhindern. Neben dem Nettolohn von 1750 Euro hat der Arbeitgeber bei Kurzarbeit infolge der Corona-Krise noch 346,94 Euro an Sozialabgaben zu zahlen. Daraus ergeben sich Gesamtkosten von 2096,94 Euro – exakt die Hälfte der ohne Kurzarbeit fälligen Summe.

Dabei kommt eine Sonderregelung in der Corona-Krise zum Tragen: Denn in normalen Zeiten muss der Arbeitgeber im Falle von Kurzarbeit 80 Prozent der auf die Lohndifferenz entfallenden Sozialabgaben zahlen – und zwar sowohl Arbeitnehmer- als auch Arbeitgeberanteil. Das wären im konkreten Beispiel 521,50 Euro. Dann läge die Gesamtbelastung bei 2618,44 Euro. Die Bundesregierung hat aber in der Corona-Krise beschlossen, dass der Staat von März an bis Jahresende diese Kosten voll übernimmt.

Fall 2: Verheiratete Arbeitnehmerin, zwei Kinder, Steuerklasse 5, 2500 Bruttolohn, 100 Prozent Kurzarbeit: Ohne Kurzarbeit werden aus 2500 Euro brutto durch den Abzug von Steuern (635,96) und Sozialabgaben (495,63) netto 1368,41 Euro. Der Arbeitgeber zahlt insgesamt 2995,63 Euro.

Infolge der Kurzarbeit mit einem Arbeitsausfall von 100 Prozent kommt kein Lohn mehr vom Arbeitgeber – damit fallen auch die Steuerlast und Sozialabgaben auf Null. An Kurzarbeitergeld werden, weil die Frau Kinder hat, 67 Prozent des entfallenden Nettolohns gezahlt – 944,16 Euro. Die Einbuße beläuft sich also auf rund 450 Euro oder 31 Prozent.

Ab dem vierten Monat erhält die Frau 1085,08, Euro ab dem siebten Monat wären es 1226 Euro.

Für den Arbeitgeber entfallen in dieser Konstellation sämtliche Lohnkosten. Durch die Corona-Sonderregelung übernimmt der Staat die Sozialabgaben von monatlich 745 Euro.

Fall 3: Verheirateter Arbeitnehmer, ein Kind, Steuerklasse 3, 8000 Euro Bruttolohn, 50 Prozent Kurzarbeit: Im Falle eines Gutverdieners fallen die Einbußen des Arbeitnehmers prozentual höher aus: Normalerweise werden aus 8000 brutto minus Steuern (1692,22) und Sozialabgaben (1161,61) noch 5146,17 Euro netto. Bei der Kurzarbeit verringert sich die Steuerlast auf 395,82 Euro, die Sozialabgaben sinken auf 793 Euro. Weil das Kurzarbeitergeld auf eine Bemessungsgrenze von 6900 Euro begrenzt ist, wird nicht der volle Lohnausfall berücksichtigt. Das Kurzarbeitergeld beläuft sich im konkreten Fall auf 1009,19 Euro – die Auszahlung damit auf 3820,37 Euro. Der Arbeitnehmer büßt rund 1325 Euro oder fast 26 Prozent seines Nettos ein.

Ab dem vierten Monat steigt die Auszahlung auf 3970,99, ab dem siebten Monat auf 4121,62 Euro.

Für den Arbeitgeber reduziert sich die Lohnzahlung auf 4000 Euro, die Sozialabgaben sinken auf 793 Euro. Die Gesamtbelastung bewegt sich damit bei 4793 Euro – oder rund 52,5 Prozent des regulären Lohnaufwands. Die Corona-Sonderregelung für die Sozialabgaben verringern die Kosten um 667,62 Euro im Monat.

Fall 4: Arbeitnehmer ledig, ein Kind, Steuerklasse 1, 2500 Euro Bruttolohn, 80 Prozent Kurzarbeit: Im Normalfall bleiben der Mitarbeiterin von 2500 brutto 1702,27 Euro netto. Der Arbeitgeber rechnet mit Lohnkosten von insgesamt 2995,63 Euro.

In der Corona-Krise entfallen 80 Prozent der Arbeitsstunden, der Bruttolohn sinkt damit auf 500 Euro. Auf dieser Basis fallen keine Steuern an, die Sozialabgaben reduzieren sich auf 99,13 Euro. Das Kurzarbeitergeld (67 Prozent) beläuft sich auf 869,73 Euro, die Auszahlung somit auf 1270,60 Euro. Die Einbuße beträgt damit gut 430 Euro oder 25 Prozent. Ab dem vierten Monat erhöht sich das Kurzarbeitergeld auf 999,54 Euro, ab dem siebten Monat auf 1129,36.

Für den Arbeitgeber reduzieren sich die Kosten um 80 Prozent oder fast 2400 Euro auf knapp 600 Euro. Der Staat übernimmt Sozialabgaben von 596 Euro.

Einige Arbeitgeber stocken gleichwohl die Auszahlung an ihre Arbeitnehmer freiwillig oder auf Basis von Tarifverträgen auf – zum Teil auf 100 Prozent, so dass die Beschäftigten trotz Kurzarbeit so viel Geld zur Verfügung haben wie gewohnt. Damit bleiben für den Arbeitgeber weiterhin Einsparungen bei den Lohnkosten – nicht aber mehr in voller Höhe.

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