Tönnies nimmt Testzentrum in Rheda-Wiedenbrück in Betrieb
Corona-Tests in NRW-Schlachtbranche laufen – SPD hakt nach

Rheda-Wiedenbrück/Coesfeld (dpa). Nach dem Corona-Ausbruch in einem Schlachtbetrieb im Coesfeld sind in Nordrhein-Westfalen landesweit angeordnete Virus-Tests in der Fleischbranche angelaufen. Bei Deutschlands größtem Fleischverarbeiter Tönnies arbeitet seit Montagmittag ein Testzentrum auf dem Betriebsgelände in Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh), wie ein Unternehmenssprecher sagte.

Montag, 11.05.2020, 16:02 Uhr aktualisiert: 11.05.2020, 18:14 Uhr
Tönnies hat in Rheda-Wiedenbrück ein Corona-Testzentrum für seine Mitarbeiter eingerichtet. Foto: Tönnies
Tönnies hat in Rheda-Wiedenbrück ein Corona-Testzentrum für seine Mitarbeiter eingerichtet. Foto: Tönnies

Auch in anderen fleischverarbeitenden Betrieben wird getestet, nachdem in einer Fleischfabrik des Tönnies-Wettbewerbers Westfleisch in Coesfeld das Coronavirus zahlreiche Mitarbeiter infiziert hatte. 800 Mitarbeiter werden seit Montag am Westfleisch-Standort Lübbecke getestet.

Nach Angaben von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef-Laumann (CDU) müssen landesweit bis zu 20.000 Mitarbeiter der Branche auf das Virus untersucht werden. Es sei die größte Reihenuntersuchung in der Corona-Krise in Deutschland.

Laumann drängt auf Hygienekonzept

Laumann erhöhte den Druck auf den Betreiber der Fleischfabrik. Er müsse ein umfassendes Hygienekonzept vorlegen, statt die Schließung vor Gericht anzugreifen. Westfleisch war vor dem Verwaltungsgericht Münster mit einem solchen Antrag gescheitert. Bei dem Hygienekonzept dürfe es nicht allein um den Betrieb gehen, sondern auch um die Wohnsituation der Arbeiter und um den Transport von der Wohnung zum Schlachthof, forderte Laumann.

Das Verschieben von Verantwortung auf Subunternehmer sei inakzeptabel. In den Schlachthöfen sind viele Mitarbeiter bei Subunternehmern beschäftigt. Sie kommen häufig aus Ost- und Südosteuropa.

Bei einigen Unterkünften von Arbeitern der Coesfelder Fleischfabrik seien „erhebliche Mängel“ beim Infektionsschutz festgestellt worden, berichtete der Minister. Der staatliche Arbeitsschutz habe aber nur begrenzte Einsicht in die Unterkünfte, da es sich nicht um Werkswohnungen handele. Die meisten Wohnungen seien privat angemietet, da könnten nur die kommunalen Ordnungs- und Gesundheitsämter kontrollieren.

Die Kommunen müssen sich auch einen Überblick über die Unterkünfte der Arbeiter aus den Schlachthöfen verschaffen. Allein der Coesfelder Nachbarkreis Steinfurt geht davon aus, dass es bei ihm mehr als 100 solche Wohnungen gibt, wie eine Sprecherin sagte. In diesen Unterkünften unterschiedlicher Größe lebten aber nicht nur Beschäftigte aus Schlachthöfen, sondern auch aus anderen Betrieben. Insgesamt müssten im Kreis nach jetzigem Stand 2500 bis 3000 Menschen getestet werden.

Die Bundestagsfraktion der Grünen beantragte eine Aktuelle Stunde zu den Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Die miserablen Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen seien schon seit Jahren bekannt, sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin Britta Haßelmann. „Durch Corona wird nun offenbar, welche schlimmen Konsequenzen dies hat.“

Seit wann wussten die Behörden Bescheid?

Die SPD will von Laumann wissen, seit wann die Behörden von den Infektionen unter den Arbeitern in dem Coesfelder Schlachthof gewusst und was sie zur Eindämmung unternommen haben. Sie hat das Thema deshalb auf die Tagesordnung der Sitzung des Arbeits- und Gesundheitsausschusses im Landtag an diesem Mittwoch setzen lassen.

„Seit Mitte März sollen die Behörden über erste Infektionsfälle informiert gewesen sein“, sagte der arbeitsmarkt- und gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Josef Neumann, am Montag laut einer Mitteilung. Laumann müsse sich fragen lassen, welche Verantwortung er für diese Zustände habe.

Gaststätten im Kreis Coesfeld bleiben geschlossen

Im Kreis Coesfeld trat – anders als im Rest von NRW – am Montag ein Teil der vorgesehenen Lockerungen nicht in Kraft. So mussten Gaststätten oder Fitnessstudios weiter geschlossen bleiben. Bei Schulen und Kindergärten gelten jedoch dieselben schrittweisen Lockerungen wie im Rest des Landes.

Laumann hält es aber für möglich, dass auch dort die Schutzvorkehrungen zum kommenden Wochenende gelockert werden können. Das hänge aber davon ab, ob sich das Infektionsgeschehen auf den Schlachtbetrieb beschränke.

Am Sonntag hatten Tests auch in einem Westfleisch-Betrieb in Hamm begonnen. Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann (CDU) rechnet laut einer Videobotschaft von Sonntag nicht mit Ergebnissen vor Mittwoch. Sollten die Tests auch dort eine höhere Zahl an Infektionen ans Licht bringen, erwartet er auch für seine Stadt eine Rücknahme der bisherigen Lockerungen.

NRW-Schweinemäster befürchten durch die Schließung des Schlachthofes in Coesfeld Absatzprobleme und einen Preisverfall beim Schweinefleisch. Er erwarte von „allen Marktbeteiligten, die Preise nicht weiter zu drücken“, sagte der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes Hubertus Beringmeier am Montag in einer Videobotschaft. Die Schlachtbranche müsse die fehlende Kapazität aus Coesfeld ausgleichen. Der Coesfelder Schlachthof wird von rund 1000 Schweinemästern aus der Region beliefert.

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