Hauptgeschäftsführer Thomas Niehoff geht nach 20 Jahren Ende August in den Ruhestand
„Hier eine IHK zu leiten, macht Spaß“

Bielefeld (WB). Nach 20 Jahren ist für Thomas Niehoff (64) am 31. August als Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen in Bielefeld Schluss. Unauffällig, aber effektiv hat er das Amt ausgeübt – auch jetzt in der Corona-Krise. Die, so fürchtet er, wird erhebliche negative Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft haben wird. Bernhard Hertlein sprach mit Niehoff über die vergangenen Jahrzehnte, in denen es für die Firmen und die Menschen in OWL vor allem bergauf gegangen ist.

Samstag, 16.05.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 17.05.2020, 08:14 Uhr
Seit 1986 bei der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen, seit 2000 als Hauptgeschäftsführer: Thomas Niehoff. Foto: Bernhard Pierel
Seit 1986 bei der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen, seit 2000 als Hauptgeschäftsführer: Thomas Niehoff. Foto: Bernhard Pierel

Nach 34 Jahren bei der IHK Ostwestfalen und 20 Jahren als Hauptgeschäftsführer scheiden Sie am 31. August aus. Sie waren dann zwei Jahre länger im Amt als ihre beiden Vorgänger. Wie hat sich die ostwestfälische Wirtschaft in dieser Zeit verändert?

Thomas Niehoff: Wir können stolz sein auf die Entwicklung. Als ich 1986 bei der IHK angefangen habe, war Ostwestfalen wirtschaftlich auch nicht unerfolgreich. Heute ist die Region ein höchst innovativer Technologiestandort, geradezu Vorzeigeregion in Deutschland. Geprägt durch die vielen, gerade auch großen Familienunternehmen. Interessant ist, wie sehr die Unternehmen durch vielfältige Lieferbeziehungen miteinander vernetzt sind. Das macht Ostwestfalen stark. Hier eine IHK zu leiten, macht wirklich Spaß.

Andererseits könnte aus der Vielzahl der Familienunternehmen auch eine Schwäche werden – etwa weil Digitalisierung und Globalisierung Wendigkeit und Kapital erfordern oder weil Streit innerhalb von Familien die Entwicklung eines Unternehmens behindert…

Niehoff: Unterm Strich sehe ich Familienunternehmen vor allem als Stärke. Dass sie wendig, innovativ und technologieorientiert sind, haben sie oft genug bewiesen. Was die Internationalisierung betrifft, so hat Ostwestfalen stark aufgeholt. 1986 lag der Exportanteil der Unternehmen in der Region bei 23 Prozent. Nun hatten wir vor der Corona-Krise fast die 40-Prozent-Marke erreicht.

Möglicherweise entgegen Ihrer eigenen Befürchtung ist die A33 noch in Ihrer Amtszeit fertiggestellt worden. Wie bewerten Sie die Infrastruktur in Ostwestfalen, zu der neben Verkehr vor allem auch Energie und Kommunikation gehören, heute?

Niehoff: Es stimmt, dass ich zwischendurch tatsächlich daran gezweifelt habe, ob der Lückenschluss der A33 noch in meiner Amtszeit klappt. Dabei hatte die Planung schon 20 Jahre bevor ich bei der IHK angefangen habe begonnen. Damit und mit dem ebenfalls nach langer Zeit abgeschlossenen Lückenschluss der A30 in Bad Oeynhausen ist die überregionale Erreichbarkeit von Ostwestfalen – abgesehen von einigen ländlichen Bereichen – auf einem guten Stand. Deutlich zulegen müssen wir allerdings in der digitalen Infrastruktur. Die entscheidet immer mehr über die Qualität von Standorten.

Zurückhaltend zielstrebig und mit Bodenhaftung: So könnten Sie glatt als Vorzeige-Ostwestfale durchgehen. Dabei sind Sie in Niedersachsen geboren…

Niehoff: Ich finde, die Mentalität der Niedersachsen passt gut zu den Ostwestfalen.

Und haben Soziologie studiert...

Niehoff: Eigentlich war es mehr ein Studium Generale, das neben der Soziologie auch Volkswirtschaft und einige juristische Bereiche umfasste. Für mich war dieses Studium insofern eine passable Vorbereitung. Eine IHK ist gut beraten, mit einer gewissen Sensibilität gesellschaftliche und politische Veränderungen im Auge zu behalten.

Es heißt, zu Beginn ihres Studiums hätten sie auch noch mit dem Lehrberuf geliebäugelt…

Niehoff: Das ist richtig. Ich hatte bei der Bundeswehr gute Erfahrungen als Unterrichtender in der Erwachsenenbildung gemacht. Bildung ist ein Schlüsselfaktor. Deshalb zähle ich die von der IHK initiierten fast 250 Kooperationen zwischen Unternehmen und Schulen in der Region zu den Erfolgen in meiner Amtszeit.

Wie hat das Spitzencluster It’s OWL die Region und die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Universitäten verändert?

Niehoff: Der Gewinn des Spitzencluster-Wettbewerbs gehört zu den großen Highlights der vergangenen Jahre. Viele waren beteiligt – die Hochschulen, viele Unternehmen und Institute, die OWL GmbH.

Und die IHK...

Niehoff: Natürlich auch, von Anfang an, schon bei der Zukunftsmeile 1 in Paderborn, dem Grundstein für das Fraunhofer Institut. Es war eine Gemeinschaftsleistung, die für OWL einen Riesenschub gebracht hat. Vor allem hat das Spitzencluster zu einem großen Imagegewinn in Entscheiderkreisen der Wirtschaft geführt.

Vermutlich haben Sie sich ihr letztes halbes Jahr als IHK-Geschäftsführer ruhiger vorgestellt. Wie bewerten Sie den Umgang der politisch Verantwortlichen mit dem Corona-Virus?

Niehoff: Also ich habe im Scherz schon gesagt: Von mir aus hätte Corona gerne noch sechs Monate warten können. (lacht) Aber da bin ich nicht der einzige, der auf die Erfahrung gern verzichtet hätte. Was den Umgang damit angeht, so finde ich, dass Regierungen und Behörden gut zusammenwirken. Mancher in der Wirtschaft wünschte sich eine schnellere Öffnung, es gab Ungerechtigkeiten. Doch eine verantwortliche Politik muss darauf achten, Herr der Lage zu bleiben. Wir können nur hoffen, dass Deutschland keinen zweiten Lockdown erleben muss. Einen weiteren Tiefschlag würde manches Unternehmen nicht überleben.

Welche Folgen wird die Corona-Krise für die ostwestfälische Wirtschaft haben?

Niehoff: Anders als die Finanzkrise 2008/09 trifft Corona die Wirtschaft in der gesamten Breite. Ich befürchte erhebliche negative Folgen. Auch die Globalisierung, die vorab schon unter Druck stand, wird einen Dämpfer erhalten. Aber sie wird durch die Corona-Krise nicht beendet werden.

Und die Arbeitswelt?

Niehoff: Sie wird digitaler. Zugleich werden wir das persönliche Zusammenkommen, wenn es eines Tages wieder leichter möglich sein wird, noch mehr schätzen. Was die Lust am Shopping betrifft, so denke ich, dass sie sich angesichts von Maskenpflicht und teils langen Warteschlangen erst langsam wieder einstellen wird.

Zwei Jahre nach Ihnen wird IHK-Präsident Wolf Meier-Scheuven ausscheiden. Haben die Unternehmer schon einen Kandidaten oder eine Kandidatin für die Nachfolge im Blick?

Niehoff: Die IHK wird die Zeit nutzen, um diese wichtige Entscheidung zu treffen.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihrer eigenen Nachfolgerin auf den Weg?

Niehoff: Ich habe ihr keine Ratschläge zu geben. Sie ist eine versierte Managerin und in der IHK-Arbeit erfahren. Sie wird sich die Wirtschaft der Region intensiv anschauen und dann vielleicht manches anders machen als ich. Und manches genauso.

Und Sie selbst? Man weiß, dass Sie Schlagzeug spielen – in einer für Sie typischen Art, ohne allzu oft auf die Pauke zu hauen. Werden Sie das Hobby ausbauen? Was haben Sie im Ruhestand vor?

Niehoff: Wegen der vielen Arbeit und der häufigen Abendtermine musste meine Familie in den vergangenen Jahren oft zurückstehen. Jetzt machen wir es mal anders herum. Auch will ich meine Hobbys, darunter die Musik, mehr pflegen; und wenn es wieder geht auch verreisen. Ein paar Ehrenämter in Stiftungen bleiben mir auch erhalten.

Zur Person

Thomas Niehoff stammt aus Walsrode. Nach Bundeswehr und Studium der Sozialwissenschaften und Soziologie an der Uni Bielefeld sammelte er zunächst Erfahrungen in der Privatwirtschaft, unter anderem bei Rheinmetall in Düsseldorf. Schon während des Studiums hatte er Kontakt zu den Medien, schrieb für das WESTFALEN-BLATT. 1986 kam Niehoff zur IHK, wo er im Bereich Öffentlichkeitsarbeit begann. 2000 wurde er als Nachfolger von Ernst Jäckel (1957-1979), Ingo Lüring (bis 1992) und Karl-Peter Abt (bis 2000) Hauptgeschäftsführer. Die IHK Ostwestfalen zählt 113.000 Mitgliedsfirmen und beschäftigt 180 Mitarbeiter.

Die Nachfolgerin

Erstmals in der 171-jährigen Geschichte der IHK Ostwestfalen wird eine Frau die Hauptgeschäftsführung übernehmen. Petra Pigerl-Radtke (53) wechselt von der IHK Mittlerer Niederrhein, die in Mönchengladbach ihren Sitz hat, nach Bielefeld. Seit 2016 leitete sie den Bereich Berufliche Bildung und Fachkräftesicherung. Im Juni 2019 übernahm Pigerl-Radtke zudem die Aufgabe der stellvertretenden Hauptgeschäftsführerin.

Petra Pigerl-Radtke

Petra Pigerl-Radtke

Nach ihrem Studium der Sprachwissenschaft und Erwachsenenbildung war die künftige Chefin in verantwortlichen Positionen bei der Volkshochschule Hof und der Handwerkskammer Aachen, wo sie bis heute mit ihrem Mann lebt. Danach leitete Pigerl-Radtke vor dem Wechsel zur IHK Bildung und Personalentwicklung in einem großen Unternehmen.

 

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