«Zahlreiche Interessenten»
Wirecard vor Zerlegung - Neue Durchsuchungen

Für den Dax-Konzern Wirecard bedeutet der Skandal um fehlende Milliarden voraussichtlich die Zerschlagung. Die Ermittler suchen bei Razzien Beweise. Und im Bundestag bleibt trotz Erklärungsversuch offen, warum die Finanzaufsicht nicht viel früher einschritt.

Mittwoch, 01.07.2020, 16:35 Uhr
Bei Wirecard arbeiten weltweit etwa 5800 Menschen.
Bei Wirecard arbeiten weltweit etwa 5800 Menschen. Foto: Sven Hoppe

München (dpa) - Der in einen milliardenschweren Bilanzskandal verwickelte Dax-Konzern Wirecard wird voraussichtlich in Einzelteile zerlegt und verkauft.

Der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé meldete in der Nacht zum Mittwoch, dass sich bereits «zahlreiche Interessenten weltweit für den Erwerb von Geschäftsbereichen gemeldet» hätten. Wenig später durchsuchten Dutzende Staatsanwälte, Polizisten und Computerfachleute auf der Suche nach Beweisen für mutmaßlich frei erfundene Scheingeschäfte im Mittleren Osten und in Südostasien fünf Gebäude in Deutschland und Österreich, darunter zum zweiten Mal innerhalb eines Monats die Wirecard-Zentrale im Münchner Vorort Aschheim.

Im Bundestag ließen die Erklärungsversuche des Präsidenten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) Felix Hufeld zur Rolle seiner Behörde viele Fragen offen. Das kritisieren zumindest mehrere Oppositionsfraktionen nach einem nicht öffentlichen Bericht Hufelds im Finanzausschuss.

Ein schwacher Trost für die weltweit 5800 Wirecard-Mitarbeiter: Der Betrieb soll nach Möglichkeit nicht unterbrochen oder eingestellt werden. Einer Abspaltung von Wirecard-Tochterfirmen in Eigenregie will der vorläufige Insolvenzverwalter ganz offensichtlich vorbeugen: Der «Transaktionsprozess» soll von der deutschen Muttergesellschaft «konzertiert» werden. Die US-Tochter Wirecard North America hatte sich am Dienstag selbst zum Verkauf gestellt und ihre Autonomie betont.

Bei den Durchsuchungen ging es laut Staatsanwaltschaft in erster Linie um die Vorwürfe, die unter anderem gegen Ex-Vorstandschef Markus Braun erhoben werden - falsche Angaben in den Wirecard-Büchern und Marktmanipulation. In Österreich wurden zwei Objekte durchsucht. Ex-Vorstandschef Markus Braun ist Österreicher, ebenso Jan Marsalek, ehedem im Wirecard-Vorstand für das Tagesgeschäft zuständig. Marsaleks Spur verliert sich nach derzeitigem Kenntnisstand auf den Philippinen.

Auch jenseits der strafrechtlichen Ermittlungen mehren sich die Anzeichen, dass der Wirecard-Aufsichtsrat Braun und Marsalek zumindest Mitverantwortung für die Affäre um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro gibt. Der Aufsichtsrat hat Braun nachträglich fristlos entlassen. Der Anstellungsvertrag des langjährigen Konzernchefs sei «mit sofortiger Wirkung» außerordentlich gekündigt worden. Auch Marsalek war schon fristlos gefeuert worden. In dieser Hinsicht gelten bei Managern ähnliche Standards wie für normale Angestellte, üblicherweise gehen fristlosen Kündigungen Vorwürfe gravierenden Fehlverhaltens voraus.

Allerdings sind sowohl der Aufsichtsrat als auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die die Jahresbilanzen von Wirecard testierte, selbst mit Klagen und Klagedrohungen wütender Anleger konfrontiert.

Unter Druck sind auch die Finanzaufsicht Bafin und deren Präsident Hufeld. Nach einem Auftritt Hufelds im Finanzausschuss kritisierten mehrere Abgeordnete, dass nach wie vor ungeklärt sei, warum die Finanzaufsicht nicht früher einschritt. «Es ist sehr viel unbeantwortet geblieben», sagte die Ausschussvorsitzende Katja Hessel (FDP). «Der Finanzplatz Deutschland hat durch den Fall Wirecard Schaden genommen. (...) Es muss am Ende Konsequenzen in der Aufsicht geben», forderte die Nürnberger FDP-Politikerin.

«Klar ist: Nach einer umfassenden Fehleranalyse braucht es einen Neustart der BaFin», sagte die Grünen-Finanzexpertin Lisa Paus. Es sei weiter offen, «ob das mit Herrn Hufeld an der Spitze der Bafin gelingen kann.»

Nach derzeitigem Stand haben Wirecard-Manager einen beträchtlichen Teil der Umsätze und Gewinne des Unternehmens in Südostasien und im Mittleren Osten erdichtet. Anfang vergangener Woche hatte Wirecard eingeräumt, dass insgesamt 1,9 Milliarden Euro Guthaben auf südostasiatischen Treuhandkonten mit «überwiegender Warscheinlichkeit» nicht existieren.

Das Unternehmen aus dem Münchner Vorort Aschheim wickelt als Dienstleister für Banken, Kreditkartenfirmen und Händler bargeldlose Zahlungen ab, die Tochtergesellschaft Wirecard Bank hat eine Vollbanklizenz. Eine der offenen Fragen: Warum Wirecard nicht als Finanzdienstleister eingestuft und damit komplett unter die Aufsicht der Bafin gestellt wurde?

Nach informierten Kreisen sprach dabei die Europäische Zentralbank ein wichtiges Wort mit. Demnach wurde 2018 auf Antrag von Wirecard von der Bafin geprüft, ob das Unternehmen ein Finanzdienstleister sei - was bedeutet hätte, dass die Bafin für die Aufsicht voll zuständig gewesen wäre. Am Ende wurde jedoch Anfang 2019 unter Beteiligung von Bundesbank und EZB entschieden, Wirecard nicht als Finanzdienstleister, sondern weiter als Technologieunternehmen einzustufen.

Hufeld betonte anschließend, alle bisherigen Entscheidungen in dieser Hinsicht seien in vollständigem Konsens getroffen worden. Die Wirecard AG war demnach bislang nach Einschätzung aller beteiligten Institutionen nicht als Finanzholding einzustufen, wie eine Bafin-Sprecherin erklärte.

Nicht nur Geld geht Wirecard verloren, sondern auch Kunden. Die Allianz Deutschland stellt wegen des Skandals ihre Bezahl-App «Pay&Protect» ein, die über die Wirecard Bank läuft, wie das Unternehmen am Mittwoch auf Anfrage mitteilte. Die Allianz ist das erste Schwergewicht der deutschen Finanzwirtschaft, das die Einstellung einer Kooperation mit Wirecard öffentlich macht.

© dpa-infocom, dpa:200701-99-629760/7

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