Petra Pigerl-Radtke, neue Hauptgeschäftsführerin der IHK Ostwestfalen, über ihre Ziele
„Noch ist Krisenmanagement angesagt“

Bielefeld (WB). Corona bleibt das bestimmende Thema auch der ostwestfälischen Wirtschaft. Deshalb ist Petra Pigerl-Radtke (54), ab 1. September Nachfolgerin von Thomas Niehoff als Hauptgeschäftsführerin der IHK in Bielefeld, zunächst als Krisenmanagerin gefordert. Darüber hinaus sollen der Ausbildungsmarkt und das Einbringen in regionale Netzwerke Schwerpunkte der ersten hundert Tage sein, sagte sie im Gespräch mit Bernhard Hertlein.

Samstag, 15.08.2020, 15:02 Uhr aktualisiert: 15.08.2020, 16:36 Uhr
Petra Pigerl-Radtke im Interview. Foto: Bernhard Pierel
Petra Pigerl-Radtke im Interview. Foto: Bernhard Pierel

 

In NRW geht in Ostwestfalen die Sonne fast eine Viertelstunde früher auf als jenseits des Rheins. Sie könnten sich in der Region einschmeicheln, indem sie sagen, das merkt man den wirtschaftlich Aktiven hier an...

Petra Pigerl-Radtke: Grundsätzlich frisst oft tatsächlich der frühe Vogel den Wurm. Aber im Falle der Wirtschaft ist das mit dem Sonnenaufgang ein schönes Bild. Für den Erfolg zählen jedoch vor allem die vielen kluge Köpfe.

 

Was sind aus Ihrer Sicht auf den ersten Blick die Stärken der Region?

Pigerl-Radtke: Die konsequente Orientierung an Innovationen, zu der auch die hiesigen Hochschulen einen großen Beitrag leisten. Hinzu kommen das besondere Verantwortungsbewusstsein der vielen Familienunternehmen, der breite Branchenmix und die Aufgeschlossenheit für den Export. Und natürlich die Menschen, eben die klugen, verlässlichen Köpfe.

 

Konnten Sie Schwach- oder Gefahrenstellen feststellen?

Pigerl-Radtke: Ostwestfalen ist, wofür es nichts kann, weit weg von den vermeintlichen Metropolen. Strukturell fehlt nichts. Aber das muss man den Politikern und Investoren außerhalb der Region immer wieder klarmachen. Weiter müssen nach dem Lückenschluss bei den Autobahnen auch die Lücken bei der Breitbandversorgung schnellstens geschlossen werden.

 

Im Augenblick hält die Pandemie große Teile der Wirtschaft nieder. Wie lange noch?

Pigerl-Radtke: Da ich vermute, dass mindestens bis Mitte 2021 weder Impfstoff noch Medikamente ausreichend zur Verfügung stehen, müssen wir so lange mit der Pandemie leben. Einiges hat sich schon wieder verbessert. Trotzdem wird es bis zum Wiederanziehen der Konjunktur länger dauern als gedacht. Ob ein Unternehmen durchkommt, hängt auch davon ab, ob das jeweilige Finanzpolster ausreicht.

 

Kann ein zweiter flächendeckender Lockdown vermieden werden?

Pigerl-Radtke: Das ist die entscheidende Frage. Dazu müssen alle – Unternehmer, Arbeitnehmer, Privatpersonen – ihren Beitrag leisten, in dem sie die Hygienevorschriften einhalten.

 

Welche Veränderungen werden das erhoffte Ende der Pandemie überdauern?

Pigerl-Radtke: Die Digitalisierung. Alle Unternehmen werden künftig digitale Formate mitdenken. Bleiben werden sicher Veränderungen der Arbeitswelt. Besprechungen und Konferenzen im Internet werden manche Dienstreise ersetzen. Auch das Homeoffice wird nach der Pandemie nicht wieder abgeschafft. Hier kommt es darauf an, dass der kreative Informations- und Meinungsaustausch in den Belegschaften nicht zu kurz kommt – und auch nicht das soziale Miteinander.

 

Und die IHK?

Pigerl-Radtke: Auch wir werden Angebote weiter digitalisieren. In der Aus- und Weiterbildung nehmen Webinare zu. Bei den Veranstaltungen entwickeln wir hybride Formen, die lokal und im Internet stattfinden. Um Netzwerke zu bilden, braucht es aber auch persönliche Begegnungen. Ein Jahresempfang der IHK ist online nicht vorstellbar.

 

Werden Branchen wie Hotellerie, Gastronomie, stationärer Handel und die in Ostwestfalen noch starke Bekleidungsindustrie überhaupt wieder aus der Krise herauskommen?

Pigerl-Radtke: Alle Firmen sicher nicht. Für die Gastronomie wird es im Winter, wenn sie nicht in Außenbereiche ausweichen kann, wieder schwieriger, mit weniger Tischen auskömmlich zu wirtschaften. Wenn Freunde mir jetzt erklären, es mache keinen Spaß, mit Maske Bekleidung einzukaufen, dann sage ich: Wenn du es nicht tust, wird es künftig definitiv weniger Geschäfte geben.

 

Aktuell kämpft der Regionalflughafen Paderborn-Lippstadt ums Überleben. Wie groß wäre der Schaden, wenn die Neuaufstellung nicht gelänge?

Pigerl-Radtke: Für die exportorientierte Wirtschaft hat der Flughafen Relevanz. Das gilt auch fürs Renommee der Region. Die jetzt geplante Re-Dimensionierung ist der richtige Weg. Es wäre ein herber Rückschlag für die Region, wenn die Start- und Landerechte in Büren verloren gingen.

 

Kann die IHK ihren Gesellschafteranteil erhöhen?

Pigerl-Radtke: Nein. Flughäfen zu betreiben ist nicht die originäre Aufgabe einer IHK. Wir sind eher symbolisch dabei.

 

Sie sind die erste Frau an der Spitze der IHK in Bielefeld. Was halten Sie von Forderungen, Frauenquoten für Leitungspositionen vorzuschreiben?

Pigerl-Radtke: Gemischte Teams mit Männern und Frauen sind erfolgreicher. Diese Erkenntnis setzt sich auch in Unternehmen durch – nur leider zu langsam. Ich hoffe, dass es keine Quote braucht. Letztendlich kommt es auf Kompetenz an. Diese ist keine Frage des Geschlechts.

 

Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Zunächst werde ich die ersten 100 Tage nutzen, um relevante Player der Region kennenzulernen. Der Erfolg einer IHK hängt sehr davon ab, dass Haupt- und Ehrenamt an einem Strang ziehen. Auch müssen wir 2020 noch mehr Jugendliche in Ausbildung bringen. Sie sind unsere Fachkräfte von morgen. Außerdem ist Krisenmanagement angesagt. Seit Beginn der Corona-Krise hat unsere IHK-Taskforce 14.500 Firmen beraten. Wichtig ist, dass die Politik den betroffenen Betrieben weiterhilft. Dafür setze ich mich als Sprachrohr der Wirtschaft ein.

 

Was fordern Sie?

Pigerl-Radtke: Aktuell geht es etwa um die Verlängerung der Regelung zur Kurzarbeit. Damit sich der Aufwand der Unternehmen im Zusammenhang mit der Mehrwertsteuersenkung auszahlt, sollte ernsthaft über eine Verlängerung nachgedacht werden.

 

Zur Person

Seit zwei Monaten und bis 1. September führt Petra Pigerl-Radtke die Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen noch gemeinsam mit Vorgänger Thomas Niehoff. In Düsseldorf geboren, studierte sie Linguistik und Andragogik (Erwachsenenbildung) in Bamberg und Antwerpen. Über die Volkshochschule Hof und Handwerkskammer Aachen stieß die heute 54-jährige 1999 als Personalchefin zur AOK Rheinland-Hamburg. Nach sieben Jahren wurde sie Geschäftsführerin Innovation, Bildung und Fachkräfte und stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der IHK Mittlerer Niederrhein in Mönchengladbach. Pigerl-Radtke wohnt inzwischen in Bielefeld.

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