Die große Wende für die deutsche Möbelindustrie kam im Juli
Volle Auftragsbücher und Sonderschichten

Köln/Herford (WB). Noch ist es zu früh, um von der Möbelbranche als einem Gewinner der Corona-Krise zu sprechen. Doch die Tendenz zeigt nach oben. Im Juni erzielten die Hersteller erstmals wieder einen um 2,2 Prozent höheren Umsatz als im Vorjahresmonat. Noch besser entwickelte sich der Juli.

Dienstag, 25.08.2020, 03:00 Uhr
Auch dass die Möbelhäuser zumindest in Nordrhein-Westfalen etwas früher öffnen konnten als andere im Einzelhandel hat die Umsatzentwicklung der Branche gefördert. Foto: dpa
Auch dass die Möbelhäuser zumindest in Nordrhein-Westfalen etwas früher öffnen konnten als andere im Einzelhandel hat die Umsatzentwicklung der Branche gefördert. Foto: dpa

Und aktuell fahren nach Angaben des Hauptgeschäftsführers des Verbandes der deutschen Möbelindustrie (VDM), Jan Kurth, einige Produzenten sogar Sonderschichten, um den Kunden keine noch längeren Lieferzeiten aufzubürden. Das Gleiche gilt übrigens für Hausgeräte-Hersteller wie etwa Miele.

Im Gesamtjahr noch Minus von maximal fünf Prozent erwartet

Unterm Strich erwartet Kurth nach den starken Einbrüchen von März bis Mai im Gesamtjahr für die Möbelindustrie noch einen Umsatzrückgang von maximal fünf Prozent. Im Frühjahr war die Prognose noch minus 20, Anfang Juli minus 10 Prozent.

Offenbar gibt es, so meinte Kurth bei der Vorstellung der Halbjahresbilanz in Köln, einen Nachholbedarf. Viele Menschen hätten zu Beginn der Pandemie ihre Wohnungen zunächst aufgeräumt und dann renoviert. „Jetzt ist die Zeit, da sie nun auch den Wunsch haben, sich da und dort neu einzurichten“, erklärte Kurth.

Weniger Geld für Urlaub, mehr für neue Möbel

Das Geld dafür sei unter anderem deshalb vorhanden, weil viele coronabedingt weniger für den Urlaub ausgegeben hätten. Die Senkung der Mehrwertsteuer sei – „zumindest psychologisch“ – ein zusätzliches Motiv.

Immerhin 42 Prozent der vom Verband befragten Möbelhersteller gehen heute davon aus, ganz ohne Umsatzeinbußen durch das Jahr zu kommen. Im April waren es vier Prozent. Die Branche ist optimistisch, obwohl der Umsatz im ersten Halbjahr um 9,8 Prozent unter Vorjahresniveau lag.

Tiefpunkte in April und Mai

Höhepunkte waren der April mit minus 28,7 und der Mai mit minus 23,3 Prozent. Im Juni ging es bereits aufwärts. Und seit Juli und August, in früheren Jahren wegen der Ferien besonders umsatzschwach, zeigt die Kurve Kurth zufolge bei den Umsätzen – aber vor allem bei den Auftragseingängen – endgültig nach oben. Nach Erhebungen der Möbelfachverbände stiegen die Auftragseingänge bei den Schlaf- und Wohnzimmermöbeln in den ersten sieben Monaten – also bis Ende Juli – im Vergleich zum Vorjahr um 4,5 und in der Küchenmöbelindustrie um 4,8 Prozent. Nur die Polstermöbel-Produzenten melden noch einen Rückgang um 4,1 Prozent.

Ein Blick auf die Umsätze bis Ende Juni zeigt das Ausmaß der Wende. In den ersten sechs Monaten kamen die Küchenhersteller, von denen etwa 70 Prozent ihren Sitz in OWL haben, mit minus 2,6 Prozent relativ glimpflich davon. Dagegen musste die Branche bei Polstermöbeln einen Rückgang von elf und bei Schlaf- und Wohnzimmermöbeln sogar von 14 Prozent verkraften. Auch Büromöbel lagen Kurth zufolge zweistellig unter Vorjahresniveau.

In der Krise haben die meisten Hersteller das Instrument der Kurzarbeit genutzt, so dass die Zahl der Beschäftigten nur um 1,9 Prozent auf 83.051 zurückging. Die Zahl der Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten reduzierte sich um 1,6 Prozent auf 469.

Pro Haushalt jährlich 725 Euro für neue Möbel

Nach einer vom Verband der deutschen Möbelindustrie in Auftrag gegebenen Studie haben deutsche Haushalte 2019 im Durchschnitt 725 Euro für neue Möbel ausgegeben. Das war 1,14 Prozent mehr als im Jahr davor. Dabei geben Singles pro Kopf mehr aus als größere Haushalte, erklärte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Jan Kurth, am Montag.

Küchenmöbel nach durchschnittlich 17 bis 18 Jahren ausgetauscht

Besonders langlebig sind die Küchen. Durchschnittlich vergehen nach Angaben des Verbandes 17 bis 18 Jahre, ehe sie erneuert werden. Bei Wohn- und Schlafzimmermöbeln sei die Frist um einiges kürzer. Am schnellsten aber würden Polstermöbel erneuert: Sie würden in der Regel schon nach acht bis zehn Jahren durch neue ersetzt.

Ausländische Möbelhersteller verloren in der Corona-Krise in Deutschland Umsatz. Am stärksten traf es die Nummer 1, Polen, mit minus 12,6 Prozent. China auf Rang 2 verlor nur knapp zwei Prozent. Auch fast alle anderen Möbelproduktionsländer lagen im Minus; einzig Rumänien und Vietnam legten zu, aber auf niedrigem Niveau.

Schweiz statt Frankreich wichtigstes Exportland für Möbel

Umgekehrt sank auch der Export deutscher Möbel im ersten Halbjahr mit minus 13,2 Prozent stärker als der Inlandsumsatz, der 8,2 Prozent einbüßte. Dabei verdrängte die Schweiz den bisherigen Hauptabnehmer Frankreich von Platz 1. Exporte in das Alpenland stiegen um 4,6 Prozent, während die Ausfuhren nach Frankreich um 18,2 Prozent einbrachen. Verkäufe nach Österreich auf Platz 3 lagen 16 Prozent unter Vorjahresniveau. Die Exporte ins Brexit-Land Großbritannien, lange ein großer Abnehmer, sanken nach 11 Prozent 2019 nun um 19,4 Prozent.

 

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